Arbeitsalltag mit Handicap

Die blinde Rechtsanwältin Pamela Pabst

Pamela Pabst ist die erste von Geburt an blinde Rechtsanwältin für Strafrecht in der Bundesrepublik, in Berlin betreibt sie als selbständige Strafverteidigerin und Opferanwältin zusammen mit ihrem Kollegen Dr. Bernhard v. Elling eine Kanzlei. 2013 wurde sie zur Richterin am Anwaltsgericht Berlin berufen und urteilt seitdem über die berufsrechtlichen Verstöße ihrer Rechtsanwaltskolleginnen und -kollegen. Ihre Biographie »Ich sehe das, was ihr nicht seht« war die Inspirationsquelle für die ARD-Fernsehserie »Die Heiland – wir sind Anwalt«, die derzeit ausgestrahlt wird. Im Interview mit den Sozialhelden 2015 berichtet sie über ihre Arbeit und ihren Umgang mit der Sehbehinderung.

Redaktion: Was gefällt Ihnen denn am besten an Ihrer Arbeit als Rechtsanwältin?

Pamela Pabst: An meiner Tätigkeit als Rechtsanwältin finde ich unglaublich spannend, so viele Menschen kennenzulernen. Ich kann in so viele Biografien eintauchen und so viele Krimis lebendig werden lassen, sozusagen.

Redaktion: Und was machen Sie anders als Ihre Kollegen oder Kolleginnen?

Pamela Pabst: Also, wenn ich jetzt überlegen soll, was ich anders mache als meine Kolleginnen und Kollegen, ist auch diese Frage gar nicht so einfach zu beantworten. Durch meine Behinderung weiß ich natürlich nicht, wie es andere Leute machen, die nicht behindert sind. Ich sehe ja mehr oder weniger nur mich und meine eigene Tätigkeit. Ich glaube gar nicht, dass ich so viel anders mache als meine sehenden Kolleginnen und Kollegen. Was natürlich elementar anders ist, ist dass ich oft nicht alleine mit meinen Mandanten zu tun habe, sondern, dass meine Vorleserin dabei ist. Diese Leute sehen sich dann also immer zwei Personen gegenüber. Ich würde sagen, dass das ein großer Unterschied ist. Ein anderer Unterschied könnte sein, dass ich natürlich versuche, viel mehr vom Mandanten zu erfragen. Ich lasse mir mehr vom Mandanten erzählen und sage nicht einfach: „Reichen Sie mir mal alle Papiere rüber. Ich lese mir das dann allein durch.“ Das ist vielleicht auch ein zentraler Unterschied.

Redaktion: Wie bewältigen Sie die ganzen Aktenberge und den Schriftverkehr?

Pamela Pabst: Also meine Tätigkeit als Rechtsanwältin ist natürlich elementar mit dem Lesen von Schriftstücken verbunden. Ich habe eine Arbeitsplatzassistentin, die mir diese Schriftstücke vorliest. Teilweise sortiert sie mit mir auch gemeinsam nur die Schriftstücke vor, sodass ich die Schriftstücke mir dann einscannen kann und vom Computer vorlesen lassen kann. Es ist allerdings Unsinn, komplette Akten einzuscannen, weil dann zu viel Ausschuss auch eingescannt wird, der danach weggeworfen wird. Das wäre zu zeitaufwendig. Also, wenn man eine Sehbehinderung hat, dann muss man sehr gut auch schauen, dass man effektiv arbeitet. Es geht nicht darum, sich selbst zu beweisen, dass man alles alleine kann. Man muss eben auch schauen, dass man möglichst effektiv arbeitet.

Redaktion: Also muss Ihre Assistentin auch völlig mit in Ihre Arbeit eingebunden sein?

Pamela Pabst: Meine Arbeitsplatzassistentin ist aufgrund ihrer Tätigkeit eigentlich mehr oder weniger zu 90 % in alles eingebunden, was wir hier machen, und kennt die Akten fast genauso gut wie ich.

Redaktion: Wie helfen Ihnen die neuen Technologien bei Ihrer Arbeit?

Pamela Pabst: In der heutigen Zeit funktioniert es hervorragend, sich Texte einzuscannen. Das hat früher überhaupt nicht gut funktioniert. Darüber bin ich sehr froh. Ich scanne mir recht häufig Texte ein. Die Screen-reader-Programme, die einem Texte im Computer vorlesen, sind auch ein hervorragendes Hilfsmittel. Die sprechenden Touchscreen-Handys sind total super, weil man da zum Beispiel fragen kann: „Wo bin ich?“ Und dann sagt einem das Handy, wo man ist. Das ist eine tolle Sache. Ich nutze ansonsten auch ein Strichcodelesesystem. Dafür klebt man einen Strichcodeaufkleber auf die Akten und hält einen besonderen Stift da drauf. Dann spricht man in den Stift rein: „Das ist die Akte Meier gegen Müller.“ Wenn ich den Stift dann wieder drauf halte, höre ich meine eigene Stimme. Auf diese Art und Weise beschrifte ich meine Akten. Wir haben eine sprechende Waage im Büro, um die Post abzuwiegen, eine Braillezeile am Computer und ein Fernsehlesegerät, das Texte vergrößert, damit ich noch mit meinem kleinen Sehrest unterschreiben kann. Wir benutzen all diese Technologien. Das ist wirklich eine tolle Sache im täglichen Leben.

Redaktion: Und wie gehen Ihre Mandanten mit Ihrer Behinderung um?

Pamela Pabst: Die Mandanten gehen insgesamt sehr gut mit meiner Behinderung um. Viele Mandanten wissen inzwischen, dass ich blind bin, sehen das aber auch nicht als Nachteil an. Es wird meistens im ersten Gespräch gar nicht zum Thema gemacht. Ich erfahre manchmal erst später, wie sie beim ersten Mal darauf reagiert haben. Sie erzählen mir dann zum Beispiel, dass es für sie ein bisschen problematisch war, dass sie keinen Augenkontakt herstellen können zu mir. Aber insgesamt ist es so, dass ich einen sehr guten Ruf habe und viele Mandanten auch glauben, dass ich aufgrund meiner Behinderung besonders fleißig bin. Sie bewundern es, dass ich trotz dieser Behinderung mein Jurastudium so gemeistert habe. Sie wissen einfach, dass ich sehr menschlich bin, dass ich ehrlich mit ihnen bin. Das sind alles Vorzüge, wo sie dann eben die Behinderung beiseitelegen. Sie wissen ja auch, wie ich arbeite, dass ich mit einer Arbeitsplatzassistentin arbeite. Viele Frauen sagen, ich wäre sehr einfühlsam, ich könnte mich sehr gut auf sie einstellen. All diese Dinge kriege ich dann im Nachhinein gesagt von den Leuten. Die Mandanten sagen mir auch, dass sie es sehr gut finden, dass ich sie nicht nach ihrem Äußeren beurteilen kann. Das sind alles Dinge, die da eine Rolle spielen.

Redaktion: Fällt es Ihnen schwer, andere Menschen um Hilfe zu bitten?

Pamela Pabst: Mir persönlich fällt es überhaupt nicht schwer, andere Menschen um Hilfe zu bitten. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass es auch so einen gewissen sozialen und pädagogischen Aspekt hat, Hilfe anzunehmen. Ich finde es sehr, sehr wichtig, dass man als behinderter Mensch nett zu den Menschen ist, die einem Hilfe anbieten und nicht schnodderig oder unfreundlich ist. Das sehe ich auch als gesellschaftliche Aufgabe von uns Menschen mit Behinderung an. Ich finde es ganz schrecklich, Leute abzuweisen, die mir Hilfe anbieten.

Ich denke immer, Leute, die mir Hilfe anbieten, haben sich überwunden, einen behinderten Menschen anzusprechen. Ich finde es wichtig, diese Menschen dann nicht vor den Kopf zu stoßen. Denn wenn jemand anders mal wieder Hilfe benötigt, dann hilft vielleicht keiner mehr, weil diese Menschen dann so enttäuscht sind, immer abgewiesen geworden zu sein.

Ich nehme die Hilfe gerne an. Auch, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Ich finde persönlich, wenn man eine Behinderung hat, muss man nicht alles alleine können. Es ist völlig okay, wenn man auch um Hilfe bittet. Dinge gehen dann leichter und schneller. Man muss auch, gerade als Mensch mit Behinderung, immer den Spagat hinkriegen zwischen Effizienz auf der einen Seite und sich selbst was beweisen auf der an-deren Seite. Wenn ich mir tagtäglich alles selber beweisen müsste und tagtäglich versuchen würde, ohne fremde Hilfe klarzukommen, dann würde ich schon mit einem Burnout in der Ecke liegen. Es geht einfach nicht. Die Dinge dauern einfach zu lange, wenn man sie immer alleine macht. Wenn ich irgendeinen Termin habe, dann ist es wichtig, dass ich mir nicht selbst beweisen muss, dass ich allein von hier nach München fliegen kann. Ich muss einfach eine Begleitung mitnehmen, damit es schneller und einfacher geht. Ich kann in meinem tagtäglichen Leben nicht ständig versuchen, mir selber etwas zu beweisen. Da muss man einfach selbstbewusst genug sein und sagen: „Ich kann das zwar allein, aber ich lass mir helfen, weil es schneller geht.“

Redaktion: Was würden Sie Ihrem „jüngeren Ich” gerne sagen?

Pamela Pabst: Liebe Pamela: Wenn du einen Herzenswunsch hast, dann lebe diesen Herzenswunsch und lasse dich nicht aufhalten. Das sage ich ja auch Leuten, wenn sie etwas gerne möchten und andere Leute sagen: „Das kannst du nicht, das schaffst du nicht.“ Wenn man es wirklich will, kann man Kräfte mobilisieren. Dann, wenn man es halt wirklich, wirklich will, wirklich ernsthaft will.


Das komplette Interview mit Pamela Pabst finden Sie auf der Homepage www.die-andersmacher.org. Wir bedanken uns für die Nachdruckgenehmigung bei den Sozialhelden e.V.