Rollstuhlfahrerin kämpft

für Mobilität und Sicherheit

Die Österreicherin Edith Grünseis-Pacher, seit 29 Jahren nach einem Verkehrsunfall auf den Rollstuhl angewiesen, versetzt immer wieder mit Kraftakten und Projekten ganz Europa in Staunen:

1989 hatte sie auf dem Weg zur Arbeit einen folgeschweren Verkehrsunfall. Jahrelange Krankenhaus- und Rehaaufenthalte waren zu bewältigen, bis 1992 die Kämpferin in ihr wieder erwachen konnte. Grünseis-Pacher hatte einen Traum. Sie wollte zum einen die Sicherheit im Straßenverkehr ganz allgemein erhöhen und zum anderen – obwohl die damals 26-Jährige selbst noch nicht wieder Autofahren durfte – die aktive Mobilität von Menschen mit Handicap steigern. Da sich nach ihrem Unfall ihr Horizont ausschließlich um Verunfallte drehte, gründete Edith, die 1993 ihr erstes von mittlerweile 32 Büchern veröffentlichte, in Zusammenarbeit mit dem Kuratorium für Verkehrssicherheit in Wien die Initiative österreichischer Unfallopfer „ROTES DREIECK“. Bereits kurze Zeit später wurde diese Idee mit dem „Goldenen Rad“ der Republik Österreich ausgezeichnet und es öffneten sich für die Autorin Türen sowohl in Ministerien als auch in Medien. Es folgten auch Anfragen von Menschen, deren Behinderung nicht auf einen Verkehrsunfall zurückzuführen war. Um allen Hilfesuchenden ihre Hand reichen zu können, reagierte sie und wandelte ihren Traum „ROTES DREIECK“ für Unfall-opfer 1997 in die Vision „CLUB MOBIL für Menschen mit Handicap“ um. Von Anfang an wusste sie, dass aus dieser Initiative mit viel Fleiß, einer großen Portion Mut und einem Kännchen Glück etwas ganz Großes werden kann.

EINZIGARTIGE INNOVATIVE PROJEKTE

Obwohl das Schicksal nicht immer gnädig mit ihr war, hatte die rothaarige Rollifahrerin, deren Markenzeichen „Highheel und orthopädischer Schuh“ ist, das große Glück, ganz oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und die richtigen Menschen kennenzulernen. 1996 erzählte sie in einem Fernsehinterview von ihrer neu-esten Idee, „Fahrsicherheitskurse für Autofahrer mit Handicap“ anzubieten. Bereits am Tag darauf meldete sich der Gründer der Fahrsicherheitszentren und Vater des Formel-1-Fahrers Alexander Wurz, Franz Wurz, bei ihr und wenige Monate später fanden bereits die ersten Fahrsicherheitskurse unter dem Motto „TRAINING MIT HANDICAP“ statt. Der Mobilitätsexpertin gelang es im Sinne der Verkehrssicherheit bis heute, namhafte Sponsoren von der Bedeutung dieser österreichweit angebotenen Kurse zu überzeugen. Insgesamt konnten bereits an die 20.000 Autofahrerinnen und Autofahrer mit einer Behinderung von mind. 50 % einen stark ermäßigten Kurs bei CLUB MOBIL besuchen. In diesem Training werden die Teilnehmer von ÖAMTC-Fahrsicherheitsinstruktor Stefan Ringlhofer auf Extremsituationen im Straßenverkehr geschult. Was auf einem Parkplatz begann, wurde zum fixen Bestandteil des nationalen und internationalen Behindertenwesens.

AUTOFAHREN – EIN TEST GIBT SICHERHEIT

Ab dem Jahr 2000 wandten sich immer mehr Menschen an die Powerfrau, da sie nach einem neurologischen, internistischen oder altersbedingten Akut-ereignis wissen wollten, ob bei ihnen oder ihren Angehörigen die kognitive Eignung zum Lenken eines Kraftfahrzeuges noch bestehen würde und ob bzw. mit welchen Fahrhilfen vorhandene motorische Defizite ausgeglichen werden könnten. Um Personen im Vorfeld der Behörde eine anerkannte, objektive aber vertrauliche Überprüfungsmethode anbieten zu können, schloss sie neben Arbeit und Projektentwicklung ihr Psychologiestudium ab. Seit 2007 bieten Edith Grünseis-Pacher und ihr Team auf mehreren Ebenen basierende, wissenschaftlich belegte und von höchsten Stellen anerkannte Fahreignungsüberprüfungen für Senioren und Personen nach Schlaganfall, Gehirnblutung, Schädel-Hirn-Trauma, Amputationen, Parkinson, Multiple Sklerose, ALS, Herzinfarkteny, altersbedingten Einschränkungen usw. an. Auf ihrer Erfahrung basierend gab sie auch das Buch „Sicher Autofahren nach Schlaganfall“ (erhältlich im Online-Handel) heraus. 2010 wurden die Überprüfungen vom Verkehrsministerium mit dem Staatspreis Gütesiegel Verkehr ausgezeichnet. Anschließend wurde die von Grünseis-Pacher entwickelte Methode in die österreichische Führerscheingesetz-Durchführungsverordnung (FSG-DV) eingetragen. Zwischenzeitlich wurde sie vom österreichischen Justizministerium zur ersten und einzigen allgemein zertifizierten und gerichtlich beeideten Sachverständigen für „Überprüfung der Eignung zum Lenken eines Kraftfahrzeuges (Pkw und Lkw)“ und „Feststellung der Fahrhilfen zum Ausgleich motorischer Defizite“ berufen.

 

ENTFESSELT UND TABULOS

Um CLUB MOBIL noch bekannter zu machen, Tabus zu entfesseln und um allen Menschen zu zeigen, dass man auch mit körperlicher Einschränkung ein vollwertiger Teil der Gesellschaft sein kann, gab Edith Grünseis-Pacher in Zusammenarbeit mit einer bekannten österreichischen Werbeagentur den Bildkalender EDIT(H)ION 2012 heraus, der in der weltbekannten Wiener Staatsoper der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Ihrer Einladung folgten neben zahlreichen Medien, prominenten Persönlichkeiten und Repräsentanten von Ministerien und Konzernen auch Vorstandsmitglieder ihrer international anerkannten Partnerfirmen.

TRUCKERIN IM ROLLI

Ihren Rollstuhl hat Grünseis-Pacher noch nie als Hindernis angesehen. Um jedoch zu zeigen, dass nicht nur Mann sondern auch Frau mit der nötigen Portion Fleiß und Konsequenz nahezu alles erreichen kann, hat die zierliche Rothaarige innerhalb von 6 Wochen die theoretische und praktische Führerscheinprüfung für LKW und Anhänger abgelegt. Der dazu benötigte LKW wurde von der Firma Veigel in Öhringen (Deutschland) auf Handbedienung umgebaut. Die Hürde des Einsteigens meisterte die schlanke Oberösterreicherin mit der Hilfe ihres Fahrlehrers. „Besitze ich einmal einen eigenen LKW, so lasse ich ihn zum Ein- und Aussteigen mit einer Hebebühne ausstatten. Bei der Ausbildung jedoch ersparte sich mein Trainer den Besuch im Fitness-Studio“, sagt die CLUB MOBIL Gründerin mit einem Lachen. Es war auch für den Fahrprüfer eine ungewöhnliche Situation, als die Rollifahrerin mit Arbeitshandschuhen bewaffnet ganz allein den Anhänger an den LKW ankuppelte und sicher durch die Straßen bewegte.

Auf die Frage, warum sie sich als Erste so intensiv für Mobilität von Menschen mit Handicap und Sicherheit einsetzt, sagt sie:

„NUR WENN MAN ALS ERSTE ETWAS SCHAFFT, SPRICHT DIE GESELLSCHAFT DARÜBER. DIE VON MIR ENTWICKELTEN PROJEKTE UND BENEFIZVERANSTALTUNGEN MIT KÜNSTLERN WIE ANGELIKA KIRCHSCHLAGER SIND MEINE ART, FÜR GESPRÄCHSSTOFF ZU SORGEN. ZUSÄTZLICH MÖCHTE ICH ANDEREN BETROFFENEN MUT MACHEN, SICH MEHR ZUZUTRAUEN. EIN ROLLSTUHL IST KEINE AUSREDE. (…) JA, UND VIELLEICHT ERFÜLLE ICH MIR IRGENDWANN MEINEN GROSSEN TRAUM. MIT EINEM RIESIGEN WOHNMOBIL DURCH DIE WELT ZU ZIEHEN!“

Mehr über Edith Grünseis-Pacher erfahren Sie hier:
www.gruenseis-pacher.at

Text & Bilder: Edith Grünseis-Pacher