Gipfelstürmer

...mit MS

Die Diagnose Multiple Sklerose (MS) klingt erst einmal niederschmetternd. Diese Erkrankung des Nervensystems wird durch Entzündungen im Gehirn und im Rückenmark hervorgerufen, als Folge können unterschiedliche Symptome auftreten wie Sensibilitäts-, Seh- und Bewegungsstörungen, Muskelschwäche, Lähmung oder starke Erschöpfungszustände. Der Verlauf als auch die Symptome sind individuell derart unterschiedlich, dass MS auch als die „Krankheit mit tausend Gesichtern“ bezeichnet wird. Schätzungen der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft gehen davon aus, dass deutschlandweit etwa 200.000 Menschen an MS erkrankt sind.

Viele Betroffene wissen nach der Diagnose nicht mehr, was sie sich noch zutrauen können und sollten. Ob und welche Einschränkungen die Krankheit mit sich bringt, ist für sie völlig ungewiss. Entscheidend für die Lebensqualität ist daher auch der Umgang mit dieser Unberechenbarkeit, denn die Angst vor der Krankheit kann genauso lähmend sein wie sie selbst.

Diesen Teufelskreis aus Unsicherheit und Angst zu durchbrechen ist das Anliegen der GäMSen. Die Klettergruppe mit den vielen ehrenamtlich tätigen Helfern gründete sich im Jahr 2013 und umfasste damals drei Trainer/Helfer und sieben Betroffene. Mittlerweile ist die Gruppe auf 28 Kletterer, 5 Familienangehörige, 12 Trainer/Helfer und drei Maskottchen angewachsen. Für ihr Engagement wurde sie im Januar 2018 vom Deutschen Olympischen Sportbund mit dem „Großen Stern des Sports“ in Gold ausgezeichnet.

Gerade das Klettern, das für viele nach einer Extremsportart, Herausforderung und Wagnis klingt, führt dem Gipfelstürmer das eigene Vermögen deutlich vor Augen. Wer die haushohe Kletterwand oder den Berg bezwingt, bekommt eine ordentliche Portion Selbstvertrauen und Zuversicht zurück, der Blickwinkel verlagert sich von dem, was man (vermeintlich) nicht mehr kann, auf die ungeahnten Fähigkeiten und das, was alles möglich ist.

Der Spaß steht bei den GäMSen dabei klar im Vordergrund. Ein Hauptmerkmal der Klettergruppe ist dabei die starke Einbindung der Familienmitglieder und Freunde als Helfer. In der Kletterhalle treffen sich alle gemeinsam, um die Routen zu bezwingen. Unter den Blicken der Freunde und Familienmitglieder kämpft sich der Kletterer nach oben und wird dabei angefeuert oder auch getröstet, wenn es mal nicht so gut klappt.

Dem Initiator Peter Weigel ist es ein großes Anliegen, das Entstehen weiterer Gruppen zu fördern. Auf seiner Homepage hat er eine Karte angelegt, auf der alle zurzeit bekannten, ehrenamtlich arbeitenden Klettergruppen in Deutschland verzeichnet sind. Während in München oder Nordrhein-Westfalen schon ein breites Angebot vorhanden ist, sieht es in anderen Regionen Deutschlands noch sehr karg aus. Von Münster bis Dresden verläuft die unsichtbare Grenze, nördlich von ihr ist bislang noch kein einziger Verein auf Weigels Karte vermerkt.

 

Um die Zusammenarbeit zu stärken und neue Gruppen zu fördern, rief er ein Treffen in Fulda ins Leben, zu dem die Vertreter ähnlicher Klettergruppen nun regelmäßig bundesweit anreisen. Ebenfalls vor Ort ist der Deutsche Alpenverein. Deutschlandweit gibt es inzwischen mehr als 20 Kletterangebote für Menschen mit MS oder anderen Behinderungen.

Einige wichtige Ziele sind durch diese Vernetzung schon erreicht worden: so erklärte sich die

Hauptgeschäftsstelle des Deutschen Alpenvereins dazu bereit, einen offiziellen Sicherungsschein für Menschen mit Handicap einzuführen. Diesen gibt es jetzt seit einem Jahr.

Schon seit knapp zwei Jahren bietet der Alpenverein auch den Ausbildungskurs „Trainer C für Menschen mit Behinderung“ an.