Technik

die verbindet

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Besucht man eine der Messen im Land, um sich zu informieren, was es Neues auf dem Markt gibt und wie die Entwicklung der vorhandenen Innovationen ist, dann trifft man viele Menschen, die genau das präsentieren – als Demo-Anwender. Die neusten Bandagen, Exoskelette, High-Tech-Armprothesen oder Füße, mit denen man nun schon unterschiedlich hohe Schuhe tragen kann.
Sie wünschten, Sie hätten mal mehr Zeit, um mit diesen Menschen in Kontakt zu kommen? Und mal zu fragen, wie sie eigentlich dazu gekommen sind und was sie antreibt? Wir von Barrierefrei haben uns auf der OT World Leipzig am Stand von dem isländischen Hilfsmittelhersteller Össur mal umgehört …

CHRISTINA SCHNEIDER
DYSMELIE AM LINKEN BEIN

Ich war ziemlich unzufrieden mit meiner vorherigen Prothese, da diese nicht so hochwertig schien. Ständig hatte ich Angst, sie würde im Fitnessstudio bei der Belastung brechen. Daher war ich auf der Suche nach etwas, das auch funktional etwas taugt und nicht nur gut aussieht. Vorher legte ich auf gute Kosmetik mehr Wert, um meine Behinderung etwas unauffälliger zu machen. Ich wurde dann mit dem Cheetah Xplore versorgt.

DAMIT EINHER GING, DASS ICH NUN MEINE BEHINDERUNG OFFEN ZEIGEN MUSSTE, DA ES KEINE KOSMETIK DAFÜR GIBT.

Dadurch bin ich viel selbstbewusster geworden. Eigentlich bin ich sehr froh und dankbar dafür. Ich fing dann auch an zu bloggen und habe einen Vortrag in meinem betreuenden Sanitätshaus gehalten, das waren meine ersten Schritte in die Öffentlichkeit. Ich suchte den Kontakt zu Össur und signalisierte, dass ich gern auch als Anwenderin auf Veranstaltungen tätig sein würde, um der Öffentlichkeit meine Geschichte zu erzählen. Und nun bin ich hier und fühle mich sehr wohl. Ich würde auch gern außerhalb dieser Messehallen etwas bewegen wollen. Dass wir dort genauso normal angeschaut werden, wie hier drin. Oder auch gar nicht angeschaut, weil es nichts Besonderes sein sollte. Hier bekommt man Bewunderung oder Interesse und draußen Skepsis und Mitleid.

TILL BLICKWEDE
KEINE BEHINDERUNG

Ich bin der Leiter des technischen Service und für die oberen und unteren Extremitäten zuständig. Seit 7 Jahren bin ich schon bei Össur. Und auch immer schon auf der OT World, gefühlt seit 20 Jahren. Meine Aufgabe ist die Betreuung der deutschen Demo-Anwender hier am Stand. Hier gibt es ein ganz bestimmtes (Fach-)Publikum auf der Messe, eine Vermischung mit dem Otto Normalverbraucher wäre aber auch schwierig, da man sich auf so viele unterschiedliche Informationsniveaus anpassen müsste. Jedoch muss natürlich auch mehr Aufklärung der Öffentlichkeit her! Durch Social Media erreicht man ja schon bedeutend mehr Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Oder durch TV-Shows. Auch wenn es nur durch die „Heros“ stattfindet.

LISA BROCKSCHMIDT
DOPPELT UNTERSCHENKEL-AMPUTIERT

Früher wollte ich nicht auffallen und habe daher meine Behinderung versteckt. Ich wollte, dass man erst mich kennenlernt und dann mein Handicap. Aber dann habe ich angefangen zu bloggen. Und das hat vieles verändert. Heute zeige ich mich gern und uneingeschränkt, wie ich bin. Ich habe schon immer die Magazine gelesen, die es für uns so gibt, wie die Barrierefrei. Ein Mädchentraum in der Pubertät, wie von so vielen, war das Modeln, aber nach der Amputation war der Zug ja abgefahren. „Aber irgendwer muss ja auch für Prothesen Werbung machen“, dachte ich mir. Damals hatte ich mich für den Cheetah Xplore von Össur entschieden. Ich sprach dann meinen Techniker an, der mich an Össur vermittelt hat, die mich gern als Demo-Läuferin genommen haben. Seitdem präsentiere ich voller Leidenschaft die Produkte. Einfach so ist dann also doch mein Traum in Erfüllung gegangen. Hier herrscht eine ganz besondere Atmosphäre, es ist eine ganz andere Welt. Hier heißt es nicht:
Guck mal, was die hat! Sondern: Guck mal, was die läuft.

HIER STEHT MAN ZU SICH UND IST STOLZ, DASS MAN HIER STEHT UND PRÄSENTIEREN DARF. WAS ES IN DER ÖFFENTLICHKEIT MEINER ANSICHT NACH MEHR BRAUCHT, IST KOMMUNIKATION MITEINANDER UND NICHT ÜBER EINANDER.

DAVID KOLBE
UNTERSCHENKELAMPUTIERT

Ich habe mich damals selbst erkundigt und gegoogelt, was es auf dem Markt so gibt. Ich bin sehr sportlich und aktiv, was ich natürlich auch nach meinem Unfall aufrechterhalten wollte. Grundsätzlich ist das ja auch kein Problem, sondern braucht nur ein bisschen mehr Vorbereitung als früher (richtige Prothese, Anpassung etc.). Ich habe meine Prothese eigentlich von Anfang an sehr gut sichtbar getragen und habe mir deswegen auch eine coole Kosmetik anfertigen lassen.

WER FRAGEN HAT, SOLL MICH RUHIG ANSPRECHEN UND NICHT NUR STARREN. ICH STEH DAZU UND ERKLÄRE JEDEM AUCH GERN, WAS DAS IST.

Kinder sind da ja hemmungslos und fragen gern. Össur kam nach einiger Zeit auf mich zu, da ich den Pro-Flex gelaufen bin und sie Leute suchten, die damit gut laufen konnten. Und da habe ich gern zugesagt. Die Leute von Össur sind wirklich super nett. Das ist meine erste Messe und ich bin auch voll aufgeregt. Aber es macht mega Spaß und die Atmosphäre ist ja auch Wahnsinn. Aber das Ganze müsste wirklich publiker gemacht werden! Durch die Paralympics ist ja schon der erste Schritt gemacht. Ich nehme von diesem „Job“ hier wirklich viel mit: Man kommt so viel ins Gespräch mit Menschen, die dasselbe Problem haben wie du. Man bekommt Tipps, tauscht Erfahrungen aus.

ROBERT KOSTNER
OBERSCHENKELAMPUTIERT

Ich bin zuerst das Total Knee von Medi gelaufen, die ja dann von Össur aufgekauft worden sind. Ich bin bei der Prothese geblieben. Durch meinen Beruf habe ich ein umfangreiches handwerkliches und technisches Wissen und war für alle Techniker stets eine große Hilfe, da ich bei Problemen genauer als andere Patienten sagen konnte, was mit der Prothese nicht stimmte. Össur fragte mich damals, ob ich nicht Demo-Läufer für die Messen oder anderen Veranstaltungen werden wollte. Mit der Präsentation von mir und meiner Prothese hatte ich kein Problem, da ich sie auch sonst nicht verstecke und ein offener Mensch bin. Und mir macht es Spaß. Und da ich selbstständig bin, konnte ich es auch zeitlich immer gut einrichten. Zudem freut es mich, wenn ich jemandem weiterhelfen kann, indem ich ihm kleine Tipps gebe oder dazu beitrage, dass er besser mit seiner Prothese zurechtkommt.

BERTOLT MEYER
UNTERARMDYSMELIE

Ich glaube, ich bin sogar der dienstälteste Touch Bionics Anwender, das ist meine 5. OT World. Ich habe im Internet zufällig von der i-Limb erfahren. Eine Armprothese, wie es sie damals noch nicht gab. Es gab eine lange Diskussion mit meiner damaligen Krankenkasse, aber schlussendlich wurde sie bewilligt. Ich habe dann Touch Bionics eine Mail geschrieben und ihnen mitgeteilt, dass ich die Prothese einfach mega fand. Es folgte ein Telefonat und ich wurde gefragt, ob ich nicht als Demo-Anwender mit auf die Messen möchte. Die Zusammenarbeit wurde auch so eng, da ich viel für das damals kleine Unternehmen getestet habe.
Diese Handprothese hat mir viel Lebensqualität gegeben, wofür ich sehr dankbar bin! Ich war so lange so unzufrieden mit den Versorgungen vorher, die waren halt einfach Standard. Und Touch Bionics war damals ein absoluter Underdog, aber ich wollte mich für sie nach Leibeskräften einsetzen, weil ich unbedingt wollte, dass diese Firma bekannter wird. Durch die Prothese habe ich mehr Selbstwertgefühl bekommen, das sollte doch für alle Betroffenen möglich sein!
Die miese Kosmetik der Versorgungen davor war endlich Geschichte. Die Kosmetik, die den Charme einer Schaufensterpuppe der 70er-Jahre ausstrahlte. Endlich eine Handprothese, für die man sich nicht schämen muss. Die Leute sind auch sehr interessiert und fragen nach. Ich finde das gut, denn so kann man auch ein anderes Bild von Menschen mit Behinderung vermitteln: Dass Behinderung nun auch etwas mit Hightech zu tun haben kann.

DIE SCHÖNSTEN MOMENTE SIND, WENN JEMAND AUF DER MESSE ZU DIR KOMMT, DER VIELLEICHT FRISCH AMPUTIERT IST UND DEM MAN HELFEN KANN. IHM EINE NEUE WELT ERÖFFNEN.

Oder den Vertretern von Krankenkassen, denen sich der Unterschied zu anderen Prothesen nicht erschließt.

 

Fotos: Össur Deutschland GmbH, Redaktion Barrierefrei, Privat