Im Interview: Tom Schilling

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Schon als Achtzehnjähriger wurde Tom Schilling mit der Romanverfilmung „Crazy“ einem breitem Pub-likum bekannt. Da hatte der Jugendliche, der bereits von Kindesbeinen an auf der Bühne steht, jedoch schon viele Jahre Erfahrung als Theaterschauspieler gesammelt und zuvor auch in Deutschlands beliebtester Krimiserie, dem „Tatort“, überzeugt.

Nach dem Durchbruch folgte ein Engagement dem anderen. „Verschwende deine Jugend“, „Schwarze Schafe“, „Oh Boy“ oder „Werk ohne Autor“– die Filme sind bei Kritikern wie Publikum gleichermaßen beliebt und Tom Schilling wird mit reichlich Auszeichnungen (unter anderem Bambi, Deutscher Filmpreis, Bayerischer Fernsehpreis) für seine Leistungen geehrt. Derzeit ist er im Kino in der Komödie „Die Goldfische“ zu sehen. Seit 2017 tourt Tom Schilling auch als Sänger mit seiner Band „The Jazz Kids“ durch Deutschland. Wenn er gerade nicht am Set ist, ist der Vater von drei Kindern mit der Organisation des Familienalltags ebenfalls gut beschäftigt.

Sehr geehrter Herr Schilling, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für unsere Fragen nehmen. Im Kinofilm „Die Goldfische“ spielen Sie den Portfolio-Manager Oliver, der nach einem Unfall querschnittsgelähmt in die Reha kommt. Sie sitzen fast den gesamten Film im Rolli, in einigen Szenen haben Sie zudem eine hohe Geschwindigkeit drauf. Es macht den Eindruck, dass Sie lange und intensiv dafür geübt haben, oder?

Ja, 3 Monate habe ich mich vorbereitet, indem ich zu Hause, aber auch draußen in der Stadt und im öffentlichen Nahverkehr geübt habe.

Haben Sie sich auch anderweitig auf diese Rolle vorbereitet? Gerade hinsichtlich einer Gruppe von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen – da haben ja viele gewisse Berührungsängste …

Ich habe mich bewusst nur mit der Rückenmarksverletzung beschäftigt. Hierfür war ich im Unfallkrankenhaus Berlin Marzahn und in der Rehaklinik Beelitz-Heilstätten. Hier habe ich unglaubliche Hilfe für die spätere Arbeit am Set bekommen. Menschen mit anderen Behinderungen, wie denen im Film, bin ich im Vorfeld nicht begegnet, weil meine Filmfigur Oliver auch keine Erfahrung hat. Gewissermaßen entsteht ja im Film die Komik daraus, dass sich zu Beginn alle sehr fremd sind.

In einer Szene sieht man Sie im Supermarkt von links nach rechts hinter einer Kühltheke entlangfahren, nur Kopf und Schultern sind zu sehen. Das zeigt ganz gut, in welcher (ungünstigen) Höhe sich Rollifahrer im Alltag überwiegend befinden. Auch als Sie vor einer Treppe angelangt sind und nicht weiterkommen, eine weitere Barriere. Was war das für ein Gefühl für Sie als Fußgänger, der sonst mit solchen Problemen selten konfrontiert wird?

Das sind Momente, die einem das Gefühl der Macht- und Hilflosigkeit geben können. Je nach Tagesverfassung kann das manchmal sehr frustrierend sein.

Haben Sie von den Dreharbeiten mit der Gruppe und auch von der Zeit im Rolli etwas für Ihr Leben mitgenommen?

Unglaublich viel. Ich habe Berührungsängste abgebaut und ein größeres Verständnis für die Lebensrealität von Querschnittgelähmten. Ich denke, Inklusion ist der Schlüssel. Die Unsicherheit im gegenseitigen Umgang kommt ganz klar daher, dass man sich so selten begegnet.

In einem Interview haben Sie erzählt, dass Sie es bedauern und auch für bedenklich halten, dass wir in diesen Zeiten einer gewissen digitalen Sucht unterliegen, hinsichtlich ständiger Erreichbarkeit und großem Mitteilungsbedürfnis. „Eine Krankheit unserer Generation“ nannten Sie es. Ihre Filmrolle Oliver ist da ja ein gutes Beispiel. Wie halten Sie es damit? Und geben Sie Ihre Haltung auch an Ihre Kinder weiter? Es sind ja laut Studien schon erschreckend viele Kinder von der digitalen Sucht betroffen …

Ich selbst habe auch Phasen, in denen ich zu häufig Social Media gemacht habe. Ich benutze es allerdings nur beruflich. Momentan habe ich es ganz runtergefahren, weil ich spüre, dass es mich auslaugt. Besonders Menschen mit wackeligem Selbstwertgefühl sollten besser die Finger von Instagram und Co. lassen.

Gibt es gerade nach diesen Erfahrungen, die Sie im Rolli gemacht haben, oder auch allgemein etwas an den gesellschaftlichen Strukturen, das Sie ändern würden, wenn Sie könnten?

Da gibt’s bestimmt ganz viel. So ad hoc fällt mir schon der öffentliche Nahverkehr ein. Gerade die Berliner S-Bahn ist nicht wirklich barrierefrei. Außerdem sollte, wenn es nach mir ginge, der öffentliche Nahverkehr auch ausgebaut werden und für alle kostenfrei benutzbar sein.

Unser Magazin möchte seinen Lesern Mut machen. Was möchten Sie ihnen mit auf den Weg geben? Haben Sie eine Lebensweisheit oder ein Motto?

Mein Motto ist: Be kind! Das klingt vielleicht etwas schwammig, aber im Prinzip fängt die Verbesserung der ganzen Welt im Kleinen an. Lasst uns versuchen, uns selbst und den Menschen gegenüber, denen wir begegnen, nett und nachsichtig zu sein. Das ist manchmal schon schwer genug.

Foto: Stefan Klüter