Hoch hinaus – in die Baumwipfel

… und das mit Rollstuhl? Unsere Reise ins Saarland

Lesedauer: 7 Minuten
Ein Beitrag von Heike Kanter

Mit dem Rolli auf einen barrierearmen Baumwipfelpfad? Ob das wirklich geht, wollten mein Sohn Markus und ich einmal persönlich testen.

In den Osterferien waren noch ein paar Tage unverplant, also ging es für 2 Tage Kurzurlaub ins Saarland an die Saarschleife. In der Jugendherberge Dreisbach wurde ein rollstuhlgerechtes Zimmer gebucht, die Route geplant und noch ein paar weitere Besichtigungspunkte ausgesucht. Die Jugendherberge besitzt 3 rollstuhlgerechte Familienzimmer mit 2 Einzelbetten und 1 Doppelstockbett. Über einen Seiteneingang gelangt man ohne Stufen zur Rezeption, zum Bistro und zum Essraum. Wir wurden sehr freundlich empfangen und erhielten auch unsere Saarlandkarte, welche kostenfreien Eintritt zu mehr als 85 verschiedenen Sehenswürdigkeiten und Attraktionen gewährt.

Nachdem wir unsere Reisetaschen ausgepackt hatten, machten wir uns auf den Weg nach Mettlach. In der alten Abtei befindet sich der Firmensitz und das Erlebniszentrum der Porzellanmanufaktur Villeroy & Boch. Direkt vor dem Eingang sind Behindertenparkplätze.

Der Weg zum Erlebniszentrum führt durch einen Torbogen mit sehr grobem Kopfsteinpflaster. Da die alte Abtei zurzeit renoviert wird, muss man sich als Rollstuhlfahrer am Info-Container melden. Eine Dame des Museums brachte uns dann mit einem Lastenaufzug auf die erste Etage. Mit der Saarlandkarte ist der Eintritt in das Museum frei. Nach einem 20-minütigen historischen Informationsfilm haben wir dann das Museum besichtigt, das die Geschichte von Design und Produktion von Villeroy & Boch anschaulich darstellt. Besonders der Nachbau des alten Milchladens aus Dresden ist sehenswert. Leider ist die zweite Etage des Museums mit Alltagskunst nicht für Rollstuhlfahrer erreichbar, aber mein Sohn hat einfach für mich den Rundgang als Handyvideo gedreht. Nach dem Gang durch das Museum besuchten wir noch den Park hinter der alten Abtei. Dort steht mit dem „alten Turm“ das älteste Sakralgebäude der Gegend und auch das Kunstwerk „Erdgeist“ von der Expo 2000.

Villeroy & Boch

Nur ein paar Minuten weiter gelangt man in die Innenstadt von Mettlach, die eigentlich ein einziges kleines Outlet-Center ist. Leider konnte ich als Rollstuhlfahrer nicht alle Geschäfte besuchen, da oft Stufen vor den Eingängen waren. Das große Outlet von Villeroy & Boch ist aber barrierefrei und die Übergänge der einzelnen Räume sind mit Rampen versehen.

Wir genossen die letzten Sonnenstrahlen auf einer Terrasse bei einer leckeren Pizza und machten uns dann auf den Weg zurück zur Jugendherberge. Mit Mühe fanden wir noch einen Parkplatz an der steilen Straße hinter der Jugendherberge.
Am nächsten Morgen um 8.00 Uhr waren wir dann zum Frühstück bereit. Das Büffet ließ wirklich keine Wünsche offen. Frische Brötchen, Wurst, Käse, Marmelade, Quark, Joghurt, frisches Obst, Cerealien und, und, und. Frisch gestärkt wurde unser Auto gepackt und es ging zu unserem eigentlichen Ziel – dem Baumwipfelpfad an der Saarschleife.

Leider war das Wetter nicht mehr so schön wie am Vortag. Es war bedeckt, windig und einige Grade kühler. Der Weg war in der kleinen Gemeinde Orscholz gut ausgeschildert. Es gibt zwei Parkplätze mit 5 bzw. 4 Behindertenstellplätzen. Der kostenpflichtige Parkplatz P1 ist oberhalb des Cloef-Atriums und es gibt dort auch eine öffentliche Behinderten-Toilette. Von dort geht es bergab zum Cloef-Atrium. Der kostenpflichtige Parkplatz P2 liegt neben dem Cloef-Atrium und der Weg führt ohne nennenswerte Steigung zum Atrium.

Cloef Atrium

Bevor man den Baumwipfelpfad in Angriff nimmt, sollte man vorher die Toilette am Parkplatz bzw. im Eingangsbereich des Bistro Mirabell besuchen, denn auf dem Pfad besteht dazu keine Gelegenheit mehr. Die Kasse und der Eingang zum Baumwipfelpfad befinden sich unterhalb des Cloef-Atriums.
Für Kinder kann dort auch das Heftchen für die Comic-Rallye mitgenommen werden. Auf dem Pfad müssen dann an verschieden Stellen mithilfe von Informationstafeln Fragen zu Natur und Landschaft beantwortet werden. Ist das Heft vollständig ausgefüllt, gibt es sogar einen kleinen Preis. Es gibt auch ständig spezielle Veranstaltungen und von März bis Oktober sonntags eine Führung mit einem Naturführer. Nach dem Kassenhäuschen geht es dann auf den Bretterweg des Baumwipfelpfades – mit max. 6 % Steigung/Gefälle durchaus mit dem Rollstuhl zu bewältigen. Allerdings ist das für selbständige Rollifahrer ohne elektrische Unterstützung auf Dauer recht sportlich. Ich war daher froh, dass ich meinen Restkraftverstärker Servo dabei hatte.

Gerade jetzt im Frühling war es wunderschön, auf der Höhe der Baumwipfel zu gehen/rollen und das frische Grün der Bäume zu erleben. An mehreren Plattformen waren Lerntafeln, die – sogar auf Deutsch, Englisch und Französisch – viele Informationen zu Umgebung und Natur gaben. Gleichzeitig konnte man dort ein wenig durchschnaufen. Für Kinder gibt es dann außerdem noch eine Wackelbrücke und eine Tunnelrutsche. Nach knapp 600 m Strecke auf dem Pfad erreicht man die Plattform für den Aufstieg auf den Aussichtsturm. Bereits von hier hat man einen sehr schönen Blick auf die Saarschleife.

Der Aussichtsturm ist 42 m hoch und um die oberste Plattform zu erreichen, muss man nun noch ca. 450 m mit leichter Steigung zurücklegen. Nach je 6 Halbkreisen von 24 m bzw. 36 m gelangt man mit max. 6 % Steigung auf die Aussichtsplattform. Am Ende jedes Halbkreises gibt es eine kleine Plattform zum Ausruhen. Rollifahrer, die da selbständig und ohne Unterstützung raufkommen, haben dann schon echt was geleistet. Ich persönlich würde es wahrscheinlich kräftemäßig nicht schaffen. Eine schiebende Begleitperson oder eine elektrische Unterstützung sind dann von Vorteil. Mit meinem Servo war das allerdings überhaupt kein Problem, ich war zeitweilig auch schneller als manche „Fußgänger“ und Kinderwagen.

Oben angekommen hat man einen überwältigenden Ausblick auf die Saarschleife und den Naturpark Saar-Hunsrück.

Wenn das Wetter klar gewesen wäre, hätten wir sogar bis zu den Vogesen gucken können. Lange waren wir leider nicht auf der Aussichtsplattform, denn der Wind wurde stärker und es fing ein wenig an zu nieseln. Von nun an ging es nur noch bergab. Erst den Aussichtsturm hinab und dann weiter zum Ausgang. Dort kommt man durch ein großes Drehkreuz auf einen Waldweg, der dann wieder hinauf zum Cloef-Atrium führt. Unterhalb des Baumwipfelpfades gibt es auch noch einen weiteren Aussichtspunkt auf die Saarschleife.

Wir gingen/rollten wieder hinauf zum Cloef-Atrium, um uns dort im Bistro Mirabell aufzuwärmen und eine Kleinigkeit zu Mittag zu essen. Bei schönem Wetter kann man dort auch auf der Terrasse in der Sonne sitzen. Neben dem Bistro ist auch noch ein Büro der Touristinformation Mettlach. Dort gibt es Souvenirs, Wander- und Informationskarten und regionale Produkte zu kaufen. Ich kam noch kurz mit der Dame vom Tourismusbüro ins Gespräch und war dann froh, nicht am Ostermontag den Baumwipfelpfad besucht zu haben, obwohl da das Wetter definitiv schöner war. Es muss sehr, sehr voll gewesen sein und da steht man als Rollifahrer fast immer im Weg.

Jetzt hatten wir noch Zeit, bevor wir die Rückreise über Luxemburg antreten wollten. So entschieden wir uns, noch den „Wolfspark Werner Freund“ in Merzig zu besuchen. Der Eintritt zu diesem Park ist kostenfrei möglich, allerdings kann man gerne etwas spenden.
Das Gefälle am Eingang ist nicht einfach zu befahren, zumal die Wege größtenteils mit feinem, festgetretenem rotem Schotter befestigt sind. Es gibt dort kaum einen Weg, der keine Steigung/Gefälle hatte. Die Wölfe werden dort in großen Gehegen gehalten, in denen sie viel Auslauf haben.
Es dauerte daher auch eine Zeit, bis wir die ersten Wölfe sahen. Das Wetter wurde immer schlechter und deshalb machten wir uns auf den Weg zurück zum Auto und traten die Heimreise an. Das waren für uns zwei erlebnisreiche Tage mit schönen und informativen Eindrücken.

Fazit

Spannend war der Baumwipfelpfad, der wirklich barrierearm ist. Für nicht so sportliche Rollifahrer ist es aber gut, eine „Schiebehilfe“ (elektrisch oder als Begleitperson) zu haben.

Der Ausblick auf die Saarschleife ist wirklich fantastisch.

Mit Kindern sollte man ca. 2 Stunden einplanen, damit man die Comic-Rallye und die Lernstationen in Ruhe genießen kann. Da es in Deutschland und auch im benachbarten Ausland noch mehr davon gibt, werden wir bestimmt auch mal einen Ausflug zu einem anderen Baumwipfelpfad planen. Mehr Infos unter:

www.baumwipfelpfade.de/saarschleife

Sehr positiv überrascht waren wir auch von der Jugendherberge. Der Service und auch das rollstuhlgerechte Zimmer waren wirklich gut. Sehr familienfreundlich, aber auch für Einzelreisende geeignet.Nach Wunsch mit Frühstück, Halb- oder Vollpension. Die Parkplätze liegen allerdings an einer steilen Straße. Ab 2 Nächten bekommt man dort die kostenfreie Saarland-Card. Alle Details findet man hier:

www.diejugendherbergen.de/jugendherbergen/dreisbach/portrait oder auf
www.urlaub.saarland/Reisefuehrer/Saarland-Card

Die Gegend um die Saarschleife hat für die ganze Familie etwas zu bieten. Natur, Kultur, Shopping und auch ein wenig Abenteuer. Viele Attraktionen sind (bedingt) barrierefrei und man kann sich sehr gut vorher auf www.urlaub.saarland über Sehenswürdigkeiten, Unterkünfte und Touren informieren.
Weitere Infos: www.villeroyboch-group.com/de/gaeste-tourismus/erlebniszentrum-alte-abtei.html und www.wolfspark-wernerfreund.de

 

Abenteuer in den Baumkronen

Insgesamt acht Pfade betreibt die Erlebnis Akademie AG mittlerweile in Deutschland, Österreich, Tschechien und der Slowakei, die erste Anlage wurde 2009 im Bayerischen Wald eröffnet.

Das Erfolgsrezept des Unternehmens: Eine sanft in den Wald eingebettete Holzkonstruktion bestehend aus einem bis zu 1.500 Meter langen Pfad mit erlebnis- und lehrreichen Stationen und einem architektonisch anspruchsvollen Aussichtsturm, der einzigartige Perspektiven eröffnet.

Neben dem Erlebnis für Besucher aller Altersgruppen ist auch der selbstgewählte ökologische Bildungsauftrag ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts. Auch wird der architektonisch anspruchsvolle Turm immer optisch in die Landschaft eingebunden, auf die er eine neue Perspektive bietet. Die barrierearme Gestaltung der Anlagen ermöglicht auch Familien mit Kinderwagen und Rollstuhlfahrern ein unbeschwertes Naturerlebnis.

 

Die stets in einer einmalig schönen Naturkulisse gelegenen Baumwipfelpfade finden Sie hier:
• In Neuschönau im Nationalpark Bayerischer Wald
• Auf dem Berg Kramolin in Lipno nad Vltavou, Tschechien
• Auf Rügen innerhalb der DBU-Naturerbefläche Prora
• Auf dem Sommerberg bei Bad Wildbad im Schwarzwald
• An der Saarschleife in der saarländischen Gemeinde Mettlach
• In Janské Lázně (Johannisbad) im Nationalpark Riesengebirge, Tschechien
• In Bachledka, Slowakei
• Auf dem Grünberg im Salzkammergut, Österreich

Weitere Infos zu den einzelnen Pfaden finden Sie unter www.baumwipfelpfade.de

Text: Heike Kanter, Erlebnis Akademie AG
Fotos: Privat, Christel Mückter/pixelio.de ( Wolf ), Erlebnis Akademie AG, Lukas-Huneke