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Gartentherapie

Ein Interview mit der Expertin der Gartentherapie Sylvi Schiller

Arbeiten, oder allein schon der Aufenthalt in einem Garten tut gut. Und dies kann in vielen Bereichen festgestellt werden: Stress kann abgebaut, Umwelt- und Naturbewusstsein gestärkt sowie soziale Interaktion gesteigert werden. Diese Auswirkungen werden unter anderem auch in der Gartentherapie genutzt.

Wir möchten Ihnen Sylvi Schiller vorstellen, die als Gartentherapeutin arbeitet.

Wie sind Sie zur Gartentherapie gekommen, und was hat Sie dazu motiviert, in diesem Bereich zu arbeiten?

Ich arbeite seit über 15 Jahren im Gesundheits- und Sozialwessen und wollte mich beruflich neu ausrichten, jedoch dem sozialen Bereich nicht den Rücken kehren. Über einige Umwege bin ich auf die Gartentherapie aufmerksam geworden und habe an der Donau-Universität in Krems die Weiterbildung zur Akademischen Expertin der Gartentherapie als berufsbegleitendes Studium belegt. Dieses kann ich gut mit meiner eigenen Vorliebe für Gärten verbinden.

Was genau ist Gartentherapie, und wie kann sie Menschen in ihrer körperlichen und emotionalen Gesundheit unterstützen?

Die Internationale Gesellschaft GartenTherapie e. V. (IGGT) definiert Gartentherapie als „eine fachliche Maßnahme, bei welcher pflanzen‑ und gartenorientierte Aktivitäten und Erlebnisse genutzt werden, um zielgerichtet Interaktionen zwischen Menschen und Umwelt zu initiieren und zu unterstützen, mit dem Ziel der Förderung von Lebensqualität und der Erhaltung und Wiederherstellung funktionaler Gesundheit“.

Die heilende Wirkung der Natur kommt durch die Gartentherapie zum Tragen. Diese Therapieform regt zur Bewegung an, fördert die Ausdauer sowie die körperliche Fitness. Zudem werden verschiedene Sinne gleichermaßen angesprochen – Riechen, Fühlen, Schmecken, Sehen, Hören. Durch diese Therapieform kann in Interaktion mit der Umwelt getreten werden. Sie wirkt aktivierend auf den Organismus, stimmungsaufhellend und fördert die Entspannung. Durch Selbsterfahrung und Reflexion gelangt der:die Klient:in zu mehr Persönlichkeitsentfaltung. Durch positive gartentherapeutische Impulse zu mehr Wohlbefinden.

Welche Vorteile bieten die Natur und Gartenarbeit im Vergleich zu anderen Therapieformen?

In der Gartentherapie ist man zumeist an der frischen Luft, und die Pflanzenwelt holt einen aus dem Alltag ab. Dies vermindert Stress und senkt den Blutdruck sowie die Herzfrequenz. Sie ist sinnstiftend und zeigt die eigene Selbstwirksamkeit auf. Die Gartentherapie kann aktiv als auch passiv stattfinden, alle können etwas beitragen. Gartengeschichten haben schließlich alle von uns schon erlebt. Es verbindet Lebenswelten und stärkt das Selbstbewusstsein sowie das Selbstwertgefühl. Gartentherapie kann auch problemlos mit anderen Therapien kombiniert werden.

Wie passen Sie die Gartentherapie an die Bedürfnisse und Fähigkeiten Ihrer Klienten:innen an?

Die therapeutische Arbeit sollte immer geplant geschehen und einem klaren Ziel unterliegen, das im Vorfeld mit den Klienten:innen und oder Therapierenden festgelegt wird. Dieses geordnete Arbeiten gibt den betreffenden Personen Sicherheit und wirkt sich positiv auf deren Genesungsprozess aus, was die Relevanz fachlicher Anleitung für die Klienten:innen verdeutlicht.

Die Handlungsfelder in der Gartentherapie reichen von niedrigschwelligen Angeboten bis hin zu fordernden Aktivitäten.

Welche Pflanzen oder Gartenaktivitäten eignen sich besonders gut für die therapeutische Arbeit und warum?

Das kann ich so pauschal nicht beantworten, es richtet sich immer nach der Personengruppe, mit der die Gartentherapie stattfindet. Säen, Pikieren, Pflanzen, Schneiden, Ernten als auch Verarbeiten sind Arbeitsschritte in der Gartentherapie. Die Pflanze ist Medium für die Therapie. Die Auswahl der Pflanzen richtet sich nach dem vereinbarten Ziel.

Für Menschen mit Sehbehinderung sind Berührungsdufter und Pflanzen, die eine besondere Haptik aufweisen, wie das Australische Zitronenblatt, empfehlenswert. Für ältere Menschen eignen sich Pflanzen mit Erinnerungscharakter wie Sonnenhut, Akelei oder auch Ringelblume und Tomate. Fühlen, riechen, erinnern an vergangene Tage – das eigene Gartenwissen weitergeben.

Welche Herausforderungen erleben Sie in Ihrer Arbeit als Gartentherapeutin, und wie gehen Sie damit um?

Soziale Einrichtungen möchten gern Gartentherapie anbieten, jedoch fehlen die finanziellen Mittel. Über Sponsorensuche und viel Engagement einzelner Akteure:innen werden Möglichkeiten kreiert.

Wie hat sich die Gartentherapie im Laufe der Zeit entwickelt, und welche Trends sehen Sie für die Zukunft?

Die Gartentherapie hat eine lange Geschichte und ist in anderen Ländern wie den Niederlanden, England und den Vereinigten Staaten von Amerika ein fester Bestandteil des Therapieangebots. Die IGGT ist gerade dabei, neue rechtliche Grundlagen für die Gartentherapie in Deutschland zu schaffen.

Es gibt immer mehr Einsatzmöglichkeiten, und die Anzahl der Gartentherapierenden steigt kontinuierlich.

Durch eine multizentrische Studie des Instituts Leistung Arbeit Gesundheit (ILAG) ist ein wunderbares Pilotprojekt der IKK classic erwachsen: „Gartentherapie als Präventionsmaßnahme“. Dieses Projekt ermöglicht es Seniorenheimen, ihr Personal als Gartentherapeutische Assistenzkraft weiterzubilden. Das Projekt wurde von dem ILAG konzipiert und wird durch die IKK gefördert.

„Die Liebe zum Garten ist ein Samen, der, einmal gesät, nie wieder stirbt, sondern weiter und weiter wächst – eine bleibende und immer voller strömende Quelle der Freude.“
(Gertrude Jekyll)

Ein mobiles, unterfahrbares und bepflanztes Hochbeet in der Natur. Vor dem Hochbeet steht ein Rollstuhl. An der linken Seite steht eine Frau mit einer Schürze. Sie hält in der rechten Hand eine Blume.

Steckbrief

Mein Name ist Sylvi Schiller, und ich lebe und arbeite in Dresden im Gesundheits- und Sozialwesen mit Schwerpunkt in der Behindertenhilfe. Die Natur und der Garten sind meine Erholungsquellen.
Ich interessiere mich sehr für alte Pflanzensorten, besonders für Tomaten.
Über mein Studium und die dazugehörige Abschlussarbeit habe ich ein multifunktionales Hochbeet entwickelt, das allen Personengruppen das barrierefreie Gärtnern ermöglicht (www.multifunktionales-hochbeet.de).

Gärtnern verändert Leben! 

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