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Der „Weltmester“ tritt ab

EM-Titel als Schlusspunkt: Para-Leichtathlet Mathias Mester beendet Profilaufbahn

Gold für Deutschland, „Europamester“: Speerwerfer Mathias Mester hat im Juni bei der Para-Leichtathletik-EM im polnischen Bydgoszcz mit 36,31 m und 29 cm Vorsprung die Goldmedaille gewonnen. Dieser EM-Titel soll nun auch den Schlusspunkt in Mathias Mesters aktiver Sportlerlaufbahn markieren. Der 34-jährige Coesfelder tritt damit vor den Paralympics in Tokio aus dem aktiven Geschehen im Leistungssport ab.

„Man soll gehen, wenn es am schönsten ist. Und wenn einem der Abschluss dann noch vergoldet wird, ist es natürlich sehr besonders. Letztendlich war es aber auch meine körperliche Verfassung, die mich zu dieser Entscheidung veranlasst hat“, resümiert der Ausnahmeathlet, der sich seine Entscheidung nicht leicht gemacht hat. „Der nächste Step wären eigentlich die Paralympischen Spiele in Tokio gewesen. Ich gehe also mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich bin meinen Eltern, meinen Freunden, meinem Trainer, dem Verein, meinen Partnern und den Medizinern an meiner Seite unfassbar dankbar. Es war eine Wahnsinnszeit.“ Und die war es wirklich.

In den letzten mehr als 15 Jahren gab es auf der Leistungskurve des selbsternannten „Weltmesters“ meist nur einen Weg: den nach oben. Mit viel Fleiß und Disziplin sicherte sich der 142,5 cm große Coesfelder ausdauernd Titel um Titel. Wieder und wieder gelang ihm der sprichwörtliche „ganz große Wurf“. Mester wurde siebenmal Weltmeister, viermal Europameister und 22-mal deutscher Meister, sammelte Welt- und Europarekorde im Speerwurf, Diskuswerfen und Kugelstoßen. In letzterer Disziplin sicherte er sich sogar die Silbermedaille bei den Paralympics 2008 in Peking. Zudem wurde der 34-Jährige 2007 zum Para-Sportler des Jahres des Deutschen Behindertensportverbandes gewählt, erhielt 2008 das Silberne Lorbeerblatt und 2020 den Sonderpreis des DBS.

Im Namen des DBS und des Team Deutschland Paralympics bedankt sich Präsident Friedhelm Julius Beucher bei dem langjährigen Topathleten: „Matze hat uns über viele Jahre als Sportler begeistert und zahlreiche Titel gewonnen. Mit seiner sympathischen und humorvollen Art war er weit über die Grenzen des Para-Sports bekannt, ein absolutes Aushängeschild. Wir verlieren einen großartigen Sportler und Menschen, der sein Herz am rechten Fleck trägt. Mit Matze verbinden mich viele emotionale und lustige Momente, die wir beide nicht vergessen werden. Daher bin ich mir sicher, dass sich unsere Wege immer wieder kreuzen werden. Wir wünschen Matze für seine Karriere nach der Karriere von Herzen alles Gute und werden es gespannt verfolgen.“

Auf die Frage, was jetzt kommt, antwortet Mester froh: „Dem Sport werde ich natürlich immer verbunden bleiben. Ich kann mir grundsätzlich aber viele Dinge vorstellen, wie den Entertainment-Bereich. Es macht mir Spaß, die Leute mit meiner positiven Art zum Lachen zu bringen.“ Und das gelingt Mathias Mester mit Bravour – in seinem neuen Podcast „KURZ & KNAPP“ oder aber mit witzigen und selbstironischen Clips, die seine mittlerweile mehr als 60.000 Instagram-Folgenden immer wieder aufs Neue zum Lachen bringen. Die gute Nachricht lautet also: Wir werden auch weiterhin von Mathias Mester hören – und das nicht zu knapp.

IM INTERVIEW Mathias Mester

Matthias Mester lacht.

Wie lange hat es gebraucht, bis Sie sich im Klaren waren, dass Sie Ihre Karriere im Leistungssport tatsächlich beenden wollen?

Grundsätzlich gab es im Laufe meiner Karriere natürlich immer Höhen und Tiefen, Aufs und Abs. Gerade bei Verletzungen, wenn man sich dann wieder zurückkämpfen muss. Und irgendwann kommt man an den Punkt, da hinterfragt man einfach alles – ob das noch so richtig ist, ob das alles noch Sinn macht. Mir war tatsächlich an dem Tag, an dem ich zur Europameisterschaft gefahren bin, zu 100 Prozent klar, dass ich – wenn ich gewinne – meine Karriere beende. Als ich den Titel dann gewonnen hatte, ist einfach eine riesige Last von meinen Schultern gefallen. Da merkte ich, dass ich zu 100 Prozent hinter dieser Entscheidung stehe.

Gab es nach so einer erfolgreichen Laufbahn einen bestimmten Grund dafür?

Ich wurde 2010 am Rücken operiert, im Lendenwirbelbereich. Und seitdem habe ich eigentlich immer wieder Probleme im Rückenbereich. Ob es morgens ist, wenn ich mir kaum die Socken anziehen kann oder ich mal wieder zwei Tage richtig gut trainiere und im Anschluss wieder eine Woche Stress habe – jedes Mal muss ich mich wieder zurückkämpfen. Ich bin aber zielstrebig, ehrgeizig und Sportler durch und durch. Ich habe mich da immer wieder bewusst durchgebissen. Aber irgendwann ist dann auch Schluss. Die Gesundheit sollte an erster Stelle stehen, das war für mich der ausschlaggebende Grund für meine Entscheidung.

Sie standen gern im Rampenlicht bzw. in der Öffentlichkeit – zumindest gewann man über die Jahre diesen Eindruck. Wird Ihnen das nicht fehlen?

Ich denke und hoffe nicht, dass das jetzt wirklich abbrechen wird, denn ich werde dem Sport ja weiterhin verbunden bleiben und versuchen, ein Botschafter zu sein und ein Vorbild zu bleiben, die Leute zu motivieren und zum Lachen zu bringen. Und meine Social-Media-Aktivitäten, zum Beispiel auf Instagram, gehen ja auch weiter.

Wann man sein bisheriges Leben an den Nagel hängt, steht ja meist schon ein Plan, was danach kommen soll. Wie sieht es bei Ihnen aus? Sie haben doch bestimmt eine Menge Ideen, oder?

Auf jeden Fall (lacht). Ich freue mich auf all das, was jetzt kommt. Ich kann mir grundsätzlich aber viele Dinge vorstellen, wie zum Beispiel den Entertainment-Bereich. Es macht mir einfach Spaß, die Leute mit meiner positiven Art zum Lachen zu bringen.

Gibt es etwas, was Sie in Zukunft unbedingt noch erleben wollen?

Also erst mal bin ich gespannt darauf, wie die Entwicklung des Para-Sports weitergeht. Wir haben da natürlich einige Aushängeschilder, Gesichter des Sports. Man sieht, dass die Paralympischen Spiele immer mehr in die Öffentlichkeit rücken. Aber wir sind immer noch nicht da, wo wir hinwollen. Was mich selbst angeht – mal schauen. Ich werde einfach das ein oder andere ausprobieren. Ich bin noch nicht Fallschirm gesprungen, Bungee-Jumping habe ich auch noch nicht gemacht – vielleicht muss man sowas mal erleben, vielleicht aber auch nicht (lacht).

Und unsere letzte Frage: Wenn Sie die gesellschaftliche Denkweise ändern könnten, womit würden Sie anfangen?

Ich denke, dass wir in Deutschland – was die Themen Para-Sport oder Inklusion angeht – auf einem sehr guten Weg sind. Aber immer noch tatsächlich in der Mitte stehen. Ich hoffe einfach, dass das Thema Inklusion zur Inklusion wird. Und das ist für mich dann so weit, wenn man gar nicht mehr darüber spricht. Da müssen wir hinkommen. Vielleicht ist es dafür aber auch notwendig, dass an einigen zentralen Stellen in unserer Gesellschaft ein Generationswechsel einsetzt und sich neue gute Gedanken zu dem Thema etablieren. Dass man sich vielleicht mal etwas traut, das nicht der aktuellen Norm entspricht und mal nicht mit dem Strom mitschwimmt. Das würde ich mir wirklich wünschen.

Vielen Dank für das Interview!

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