Ein Austausch auf Augenhöhe

Peer Counseling

Wenn eine Querschnittlähmung Teil des eigenen Lebens wird, ist so ziemlich alles anders. Wie gut tut es da, mit jemandem zu sprechen, der dasselbe erlebt und durchgemacht hat. Aber wo findet man so eine Person? Als einzige bundesweit tätige Organisation steht die Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e. V. (FGQ) für Beratung, Hilfe und Interessenvertretung und ist als solche offen für alle Betroffenen und Angehörigen sowie für Personen, die ein berufliches oder privates Interesse an dem Thema Querschnittlähmung haben.

Ein großes sowie übergeordnetes Ziel ist die Reintegration Betroffener durch „Peers“.Das sind selbst betroffene Berater, die aufgrund eigener Erfahrungen unterstützen und helfen wollen und können. Sie agieren ehrenamtlich, werden für ihre Aufgaben speziell geschult und stehen Ratsuchenden während ihres Aufenthaltes in der Rehaklinik oder zu Hause auf Zeit zur Verfügung.

Der Erstkontakt entsteht meistens in den Spezialzentren zur Behandlung von Rückenmarkverletzten. Dort nehmen die Peers als Stützpunktbetreuer zwischen den Patienten, der FGQ oder anderen Betroffenen mit gleichen bzw. ähnlichen Interessen eine Brückenfunktion wahr. Auf diese Weise lernt der Patient, ein eigenes Netzwerk für seine Belange zu bilden.


Zurzeit zählt die FGQ etwa 140 aktive Peers an 27 Querschnittzentren in ganz Deutschland. Mittelfristig sollen an allen Zentren ein Team von Peers etabliert werden, damit die Patienten ihren Ansprechpartner auswählen können – z. B. nach Alter, Geschlecht oder Lähmungshöhe.


Schaltzentrale sind meistens die Sozialdienste, die den besten Einblick in die aktuelle Patientensituation haben.

Spätestens sechs Wochen vor der Entlassung sollte der Peer sich mit dem Patienten und seinen Bedarfen und Bedürfnissen vertraut machen, sodass ein reibungsloser Übergang von der Klinik in die häusliche Umgebung gewährleistet wird.

Interessierte können sich gerne bei der FGQ bewerben. Zunächst erfolgt dann eine Einschätzung der grundsätzlichen Eignung in einem telefonischen Interview, an die sich ggf. ein persönliches Kennenlernen und eine erste Schulung anschließen.

Seit Anfang 2019 wurde eine hauptamtliche Koordinierungsstelle in der FGQ geschaffen, die den permanenten Austausch der Peers organisiert, ihnen bei Rückfragen zur Verfügung steht oder zum Beispiel auch die Einsätze koordiniert.

Weitere Infos & Kontakt:

Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e.V. (FGQ)
Geschäftsstelle Neurott 20
74931 Lobbach
Tel.: 06226 – 960 211
Fax: 06226 – 960 2515
Mail: info@fgq.de
www.fgq.de

 

PEER der FGQ: Achim Schade

Infos zur Person:

Geboren bin ich am 02.11.1965, bin verheiratet und habe zwei Kinder im Alter von 21 sowie 23 Jahren. Durch einen Skiunfall (1995) habe ich eine inkomplette Querschnittlähmung (C4) und sitze seit dem im Rollstuhl. Bis zum 31.08.2019 war ich im gehobenen Dienst bei einer Berufsgenossenschaft tätig und bin nun im Vorruhestand. Ich gebe an der Hochschule der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) Seminare zum Thema Rehabilitation bei Querschnittlähmung (QS) und halte zudem auch Vorträge bei Studenten der Hochschule zum Thema Querschnittlähmung.

Was sind Ihre Aufgaben als Peer?

Seit September 2018 bin ich offizieller Peer der FGQ (Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten). Meine Aufgaben sind die Betreuung und Beratung von frisch Betroffenen zu allen Fragen rund um die QS während der stationären Erstrehabilitation und vor allem im nachstationären Bereich. Die Begleitung nach der Entlassung ist besonders wichtig.

Sind die Menschen, die Sie im Rahmen des Projekts kennenlernen, immer offen für das Hilfsangebot? Was passiert, wenn die Chemie zwischen Betreuendem und (Neu-)Betroffenem nicht stimmt?

Die meisten Menschen sind offen und dankbar für unser Angebot und nehmen es gerne an. Manchmal dauert es eine Weile, bis der Kontakt auf einer vertrauensvollen Basis hergestellt ist. Falls die Chemie einmal nicht stimmen sollte, übernimmt ein anderer Peer aus dem Team die Betreuung. Das funktioniert sehr gut.

Sie betreuen Frischverletzte zum größten Teil nach dem stationären Aufenthalt. Wie lange dauert die Betreuung? Hält man auch nach der erfolgreichen „Wiedereingliederung“ in Alltag und Beruf noch den Kontakt?

Die Betreuung dauert im stationären Bereich in der Regel 2–4 Monate. Wie oben schon erwähnt, wird der Kontakt nach der Entlassung gehalten, da hier noch viele Fragen auftreten.

Wie kommt ein Austauschsuchender an einen Peer wie Sie heran?

Bei uns in Koblenz haben wir einmal in der Woche ein offenes FGQ-Treffen für stationäre und ambulante Betroffene. Dort kommen wir mit den Menschen in Kontakt. Wir werden aber auch von dem Pflege- und Therapiepersonal und von den Ärzten angesprochen, wenn Beratungsbedarf besteht.

Oft ist es so, dass neben der (neu erworbenen) körperlichen Einschränkung der mentale Umgang mit der Situation eine sehr große Herausforderung bedeutet. Was können Sie aus Ihrer Erfahrung als Peer, aber auch aus Ihrem eigenem Leben Betroffenen mit auf den Weg geben?

Wichtig ist, dass man versucht, soziale Kontakte aufzubauen bzw. zu erhalten. Sport ist hier ein probates Mittel. Weiterhin sollte man sich nicht scheuen, Beratungsangebote psychologischer oder seelsorgerischer Art wahrzunehmen.

Fotos: Jörg Farys / FGQ, Privat