Verlust der Kontrolle – Was hilft bei Inkontinenz

Folge 1: Multiple Sklerose

Ein in der Gesellschaft immer noch als Tabu geltendes Thema ist die Harninkontinenz. Obwohl die Hälfte aller Frauen über 45 Jahren – meist aufgrund von Schwangerschaften – und auch viele Männer das Problem haben, ist es den meisten Menschen peinlich, darüber zu reden.

Inkontinenz schafft durch erhebliche Einschränkungen im Alltag einen hohen Leidensdruck, auch wenn die Ausprägungen und Ursachen sehr vielfältig sind. Harninkontinenz bedeutet, dass die Blasenfunktion gestört ist. Der Harn kann nicht mehr sicher in der Harnblase gespeichert werden, die Frauen und Männer leiden unter unwillkürlichen Urinabgän-gen. Eine überaktive Blase macht sich durch einen plötzlich anfallsartig auftretenden Drang zum Toilettengang bemerkbar. Gibt es dabei keinen Urinver-lust, nennt man das Reizblase, ansonsten bezeichnet man die Störung als Dranginkontinenz.

Man unterscheidet zwischen Belastungsinkontinenz (Urinverlust bei körperlicher Aktivität) und Drang-inkontinenz mit plötzlich auftretendem Harndrang, oft auch in kurzen Abständen und bei nur geringer Blasenfüllung. Ein gründliches Gespräch und eine Blasendruckmessung, ggf. auch weitere Untersuchungen helfen, genauer zwischen diesen beiden Krankheitsformen zu unterscheiden und damit die richtige Therapie zu beginnen. Grundsätzlich sind Beckenbodentraining und genügende Trinkmengen hilfreiche Mittel, die Inkontinenz zu verringern oder zu vermeiden.

 

Harninkontinenz bei MS

 

Eine der häufigsten Begleiterscheinungen von MS ist die Harninkontinenz aufgrund fehlerhafter Funkti-onen wichtiger Nervenbahnen. Etwa 50–80 Prozent der Patientinnen und Patienten sind im Laufe ihrer Erkrankung davon betroffen. Da zwischen dem Schweregrad der Blasenstörung und dem Ausmaß der Spastik ein enger Zusammenhang besteht, spricht vieles dafür, dass vor allem Schädigungen des Rückenmarks für die Störungen verantwortlich sind. Eine frühzeitige Erkennung und Behandlung der Symptome hilft, weitere Folgeschäden zu vermeiden. Blasenfunktionsstörungen, die bei MS auftreten, lassen sich in drei Gruppen einteilen.

  • Am häufigsten tritt die sogenannte Detrusor-Hyperreflexie auf, bei der die Blase den Urin nicht genügend speichern kann. Sie zeigt sich mit Inkontinenz und Einnässen.

 

  • Das Gegenteil davon nennt man Blasen-Hypoflexie, sie macht sich durch eine verzögerte Blasenentleerung, Entleerung kleiner Harnmengen und Restharnbildung aus.

 

  • Bei der Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie sind beide Störungen kombiniert, d. h., die Aktivität von Austreibermuskulatur und Blasenschließmuskel erfolgt unkoordiniert. Die Patientinnen und Patienten klagen über Harndrang, Inkontinenz, eine verzögerte und/oder nicht vollständige Blasenentleerung.

 

Therapie

 

Ziele der Therapie zur Behebung der Blasenstörungen sind die Verbesserung der Speicherfunktion der Blase, die Vermeidung von wiederholten Harnwegsinfekten, Nierensteinbildung und eingeschränkter Nierenfunktion sowie eine verbesserte Lebensqualität. Vor allem im Frühstadium kann die Blasenfunktion durch bewusstes Verhalten positiv beeinflusst werden, z. B. durch eine ausreichende Trinkmenge, regelmäßige, auch vorbeugende Toilettengänge, ein Kontrolltagebuch (Trink- und Urinmenge) und Beckenbodengymnastik. Zur medikamentösen Therapie gehören z. B. Anticholinergika, die den überaktiven Blasenmuskel dämpfen und das Zusammenziehen der Blase unterdrücken. Alphablocker werden dagegen bei Blasenentleerungsstörun-gen mit Restharnbildung eingesetzt, sie bewirken eine Entspannung des Blasenschließmuskels. Desmopressin kann man anfangs zur Nacht einsetzen, um einen erholsamen Schlaf zu ermöglichen. Das Präparat verringert vorübergehend die Urinproduktion und -ausscheidung.

Seit September 2011 ist BOTOX® in Deutschland für die Behandlung der Harninkontinenz bei Erwachsenen mit „neurogener Rückenmarksverletzung oder Multipler Sklerose“ zugelassen. Es kann bei häufigem Harndrang mit kleinen Urinmengen und Inkontinenz unter Narkose direkt in den Detrusor-muskel gespritzt werden und ist dann mehrere Monate wirksam.
Wiederholte Harnwegsinfekte sollten mit Antibiotika behandelt werden. Sie können den Verlauf einer MS negativ beeinflussen, daher ist eine ausreichende Trinkmenge erforderlich. Um das Bakterienwachstum zu hemmen, kann man den Urin ansäuern, z. B. durch bestimmte Säfte oder Medikamente.

Bleibt trotz medikamentöser Therapie zu viel Restharn in der Blase oder kann die Blase nicht mehr willkürlich entleert werden, muss der Urin ausgelei-tet werden. Das geht am besten durch das regelmäßige (intermittierende) Selbstkatheterisieren (ISK), allerdings nur, wenn weder stärkere Sehstörungen noch feinmotorische Gefühlsstörungen der Arme oder Hände oder Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen vorliegen. Eine weitere Möglichkeit ist die Dauerharnableitung durch die Harnröhre oder einen suprapubischen Katheter. Aufgrund der Gefahr von Blaseninfekten werden die Katheter aber weitgehend vermieden.

Mit einem Blasenschrittmacher kann man die Blasennerven stimulieren. Dazu wird ein Gerät unter die Bauchdecke eingesetzt. Dieses Verfahren sollte aber nur in Zentren mit viel Erfahrung angewendet werden. Durch den nächtlichen Harndrang können Blasenstörungen eine eventuell vorhandene Fatigue verschlimmern. Harnwegsinfekte können die Spastik oder andere Symptome der MS verstärken.

Quelle Text: www.dmsg.de, Uniklinik RWTH Aachen, Fotos: Quintanilla /123rf.com, pixabayde & lightfieldstudios / 123rf.com