Reinhold Messner

Der 1944 in Südtirol geborene Reinhold Messner begleitete seinen Vater schon im zarten Alter von 5 Jahren auf seinen ersten Dreitausender. Nach einem Technik-Studium und einer kurzen Zeit als Lehrer zog es ihn endgültig in die Berge. Seit 1969 bestieg er alle 14 Achttausender und die „Seven Summits“, teils als Erstbegehungen neuer Routen. Er durchquerte die Antarktis, die Wüsten Gobi und Takla Makan sowie Grönland in der Längsachse.

Mit seiner Stiftung Messner Mountain Foundation unterstützt Reinhold Messner weltweit Bergvölker. Er gilt als einer der bekanntesten Bergsteiger der Welt, bekam zahlreiche Ehrungen sowie Preise, unter anderem die ‚Patron’s Medal‘ der ‚Royal Geographic Society‘ für seinen Beitrag zum Bergsteigen und für die Berggebiete. Hierbei handelt es sich um die höchste Auszeichnung, die das britische Königshaus vergibt. Reinhold Messner ist vierfacher Vater und lebt auf Schloss Juval in Südtirol.

B: Das Bergsteigen hat sich augenscheinlich sehr verändert: Damals unberührte und menschenleere Natur, heute gibt es auf einigen Bergen Staus in den Basislagern, und die Umweltverschmutzung durch die vielen Menschen ist nicht mehr zu übersehen. Kurzum, es hat sich offensichtlich ein richtiger Bergsteiger-Tourismus entwickelt. Mit Idealismus scheint es nicht mehr viel zu tun zu haben. Wie sehen Sie das?

RM: Das ist so nicht richtig, da müssen Sie genauer hinschauen! Die Berge sind im Grunde genommen immer noch viel weniger erschlossen, als die Leute meinen. Ja, das Bergsteigen ist globaler geworden. Viele Menschen steigen nun auf Berge. Aber 90 Prozent von ihnen klettern meistens in der Halle. Ein schöner Sport – aber mit Alpinismus hat das nichts mehr zu tun. Auf dem Mount Everest werden jedes Jahr Millionen von Dollar für eine gute Infrastruktur ausgegeben: Laufpisten mit Seilen zum Festhalten, Lager mit Köchen, Gepäckträger und buchbare Touren. Die Gefahren sind relativiert, die Anstrengung halbiert. Die Leute lassen es sich was kosten. Aber nur, um sagen zu können: „Das habe ich gemacht.“ Das ist schon eine Art Konsum! Und natürlich bleibt da allerhand Müll liegen. Es ist wie überall, wo etwas touristisiert ist. Es sind aber nur die „Seven Summits“, die Achttausender und Modeberge: Mont Blanc, Matterhorn… . In den anderen Gebieten ist weiterhin niemand, da es für die meisten zu gefährlich ist. Das war für uns damals der Reiz.

Echtes Bergsteigen kann man nicht konsumieren! Wir Alpinisten gehen dorthin, wo keiner ist! Alpinismus ist die unmittelbare Auseinandersetzung mit der Natur – und auch der menschlichen Natur! Wie reagiere ich, wenn ich unmittelbar und ungeplant in eine Situation komme, in der ich noch nicht war? Das ist doch das Spannende!

Die Kunst, nicht umzukommen, das ist unser Antrieb. Die Gefahr Stück für Stück durch Erfahrungen zu minimieren, aber auch den schmalen Grat zwischen Durchkommen und Umkommen zu finden und auszutesten. Wer aber denkt, er geht raus und nichts wird ihm passieren, wer denkt, er hätte die Gefahren durchschaut – der täuscht sich! Ein Restrisiko gibt es immer.

B: Wenn Sie damals von den langen Bergtouren zurück in die Zivilisation kamen, waren Sie da geerdet und demütig? Hatten Sie einen anderen Blickwinkel im bzw. auf den Alltag?

RM: Wenn ich zurückkam, ist mir immer diese Hektik aufgefallen, und ich habe mich über die unnütze Bürokratie geärgert. Ich musste mich meistens auch wieder ans Autofahren gewöhnen und daran erinnern, wie es noch mal ging. Da doch vorher in den Bergen alles zu Fuß stattfand und dementsprechend langsam. Man nimmt die Welt auch ganz anders wahr. Und der ganze Konsum, um den sich vieles dreht – ich hasse den Konsum! Ihn sehe ich als großes Problem unserer Zeit! Ich lebe den Verzicht. Ich habe verstanden, wie wenig es im Leben braucht. Ohne Ballast leben, das ist meine Devise.

B: Sie haben sehr viel erreicht und ihrem Körper so manches abverlangt. Extremsituationen gesucht und bestritten. Wie gehen Sie damit um, dass aufgrund der zahlreichen Lebensjahre einiges nur noch eingeschränkt möglich ist, der Geist aber hellwach?

RM: Alter, und ich sage bewusst „das Alter“, bedeutet zurückzustecken. Man plant und macht Touren nach den Fähigkeiten, die man noch hat. Ich kann vieles einfach nicht mehr. Aber ich muss doch auch keinem etwas vortäuschen! Schließlich geht es ja auch nicht mehr um einen selbst, sondern auch um die, die zu Hause auf dich warten, wie zum Beispiel Frau und Familie. Viele der besten Bergsteiger der Welt sind am Ende dann doch beim Klettern umgekommen.

B: Inwiefern haben die Erfahrungen, die Sie in den Bergen gemacht haben, Ihr Leben verändert? Gibt es etwas, was Ihre Denkweise grundsätzlich geändert hat? Was haben Sie daraus mitgenommen?

RM: Ach, es gibt viele Erfahrungen, die den Blickwinkel verändern. Das kann ich jetzt nicht auf die Schnelle alles erzählen. In meinem Buch „Über Leben“ halte ich eine Rückschau auf mein Leben, auch mit den verschiedenen Erfahrungen. Bei den Kapitelüberschriften wird ein kleines Wortspiel deutlich: erst „üb erleben“, dann „überleben“ und zum Schluss „über Leben“.

Aber eine Lektion sei vielleicht doch an dieser Stelle genannt: Der Tod gehört zum Leben dazu. Ich war früher naiv und habe geglaubt, mich erwischt es nicht. Aber dann starb mein Bruder vor meinen Augen, mitten im Nirgendwo. Ich wusste nicht mal, wo wir waren. Und auch ich habe schon Nahtoderlebnisse gehabt, den Tod sozusagen schon erlebt, bin aber nicht gestorben. Das verändert auch sehr. Das Tibetische Totenbuch sagt dazu: Wer nie gelernt hat, zu sterben, der kann nicht intensiv leben.

B: Wir haben mit Menschen zu tun, die vor ihren ganz eigenen (großen) Herausforderungen stehen, gesundheitlich, aber auch gesellschaftlich. Was können Sie, als Experte in puncto Herausforderungen meistern, unseren Lesern mit auf den Weg geben?

RM: Selbstbewusstsein (Selbstmächtigkeit) muss man allein aufbauen. Man darf nicht hoffen oder erwarten, dass es einem geschenkt wird. Nein, dafür muss man selbst arbeiten. Dann kann man sich die Anerkennung selbst entgegenbringen, und dann kommt sie vielleicht auch von anderen!

B: Sie haben mal gesagt, dass Sie hoffen, immer fähig zu bleiben, neue Träume zu finden. Haben Sie welche für die nächste Zeit?

RM: Während der Pandemie habe ich versucht, Struktur in meinen Alltag zu bekommen. Und habe mich entschieden, ein Buch zu schreiben, das ich eigentlich gar nicht schreiben wollte: „Die Kunst, nicht um-, sondern durchzukommen.“

Ich bin ein Umsetzer von Ideen. Ich habe meine Museen ins Leben gerufen, weil sie wichtig sind. Aber ich habe sie dann auch abgegeben (an meine Tochter) und habe mich neuen Ideen gewidmet. Man muss sich von gelungenem befreien. Und vor allem die Ideen an das Alter und die eigenen Möglichkeiten anpassen.

Wenn die Pandemie vorbei ist, will ich um die Welt reisen. Natürlich nicht mit einem Mal, aber ich will mit Vorträgen, meinen Filmen und Diskussionsrunden der Welt und der neuen Generation zeigen, was Alpinismus wirklich ist. Nicht diese Konsum-Bergsteigerei, bei der die Leute nicht mehr an schwierige Wände gehen, wo niemand ist, weil es gefährlich ist. Man darf das Erfahrungspotenzial, das die Berge mit sich bringen, nicht unterschätzen und und traditionellen Alpinismus nie vergessen. Das möchte ich als einer der Letzten aus meiner Welt mitteilen, der jungen Generation mit auf den Weg geben.

B: Vielen Dank für Ihre Zeit und das Interview!

Zitat: „Von oben sieht die Welt erheblich anders aus als von unten!“

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