Ganz oben auf dem (Lehr-) Plan:

Barrierefreiheit

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Die TU Dresden will als inklusive Hochschule Vorreiter sein. Dem Thema Barrierefreiheit hat sie sich verschrieben und zwar auf allen Ebenen: baulich, kommunikativ, organisatorisch, didaktisch, strukturell und gedanklich. Die 2008 verabschiedete UN-Behindertenrechtskonvention leitete damals einen Paradigmenwechsel ein. Der Begriff „Behinderung“ wurde hierin verstanden als „behindert werden“ statt wie bislang üblich „behindert sein“. Das Credo „Nichts über uns ohne uns“ wurde als Grundlage für die Konvention festgelegt und die Abkehr von der Fürsorge und zur vollen und wirksamen Teilhabe gefordert. Die TU Dresden verabschiedete 2012 einen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenkonvention und setzt sich seitdem dafür ein, Barrierefreiheit auf den Gebieten Lehre und Forschung, Studium, Gebäude, Beschäftigung sowie Kommunikations- und Führungskultur zu erreichen. In mehreren Universitätsgebäuden wurde bereits ein barrierefreies Leit- und Orientierungssystem umgesetzt. Behinderungen abbauen möchte man auch mit innovativen Forschungsprojekten. Zwei stellen wir Ihnen im Folgenden vor.

An der TU Dresden besitzen bereits mehrere Universitätsgebäude ein barrierefreies Leit-und Orientierungssystem und sind rollstuhlgerecht gestaltet.

ARCHITEKTUR IM DEMOGRAFISCHEN WANDEL

Seit vielen Jahren beschäftigt sich Frau Prof. Gesine Marquardt mit dem Thema „Architektur im demografischen Wandel“ und forscht an nachhaltigen Ansätzen für die Gestaltung generationengerechter Gebäude und öffentlicher Räume. Sie kennt die Entwicklungen und Fortschritte des öffentlichen barri-erefreien Bauens der letzten Jahre sehr genau. Die Entwicklung altersgerechter Architektur gewinnt aufgrund des demografischen Wandels zunehmend an Dringlichkeit, denn sie hat großen Einfluss darauf, ob ältere Menschen ihr Leben selbstständig führen können. Besonders auffällig ist dieser Zusammenhang in öffentlichen Gebäuden, in denen sich viele Menschen mit Einschränkungen aufhalten, wie beispielsweise Krankenhäusern. Hier muss die Architektur den Einschränkungen ihrer Bewohner angepasst sein, idealerweise wirkt sie sogar therapeutisch.

 

DEMENZSENSIBLE KRANKENHÄUSER

Ein aktuelles Forschungsprojekt der von Frau Prof. Marquardt geleiteten Forschergruppe ist daher die Entwickelung demenzsensibler Krankenhäuser. Denn die Akutkrankenhäuser stehen vor der Herausforderung, in Zukunft immer mehr ältere und damit auch häufiger Patienten mit Demenz versorgen zu müssen. Bei den über 65-Jährigen wird davon ausgegangen, dass in etwa 40 Prozent von ihnen kognitive Beeinträchtigungen aufweisen. Empirische Studien aus der Altenpflege belegen, dass viele bauliche und gestalterische Maßnahmen einen therapeutischen Effekt auf Menschen mit Demenz haben. Denn ein passendes räumliches Umfeld kann ihnen eine größere emotionale und physische Sicherheit bieten und damit Agitation, Aggression und Psychosen vermindern und die Orientierungsfähigkeit sowie Selbstständigkeit fördern. Das Forscherteam entwickelt daher derzeit ein Planungshandbuch für demenzsensible Akutkrankenhäuser, in dem die Handlungsfelder aufgezeigt und Lösungen sowie Praxisbeispiele für bauliche Veränderungen und Raumgestaltungen gegeben werden.

 

FORSCHUNGSFELD MENSCH-COMPUTER-INTERAKTION

 

Spannend und sehr zukunftsträchtig sind auch die Projekte der Professur für Mensch-Computer-Interaktion (MCI) unter Leitung von Professor Gerhard Weber. Das Thema Informatik und Inklusion hat hier eine lange Tradition: Seit mehr als 25 Jahren bietet die Fakultät für Informatik Studienunterstützung für blinde und sehbehinderte Studierende an der TU Dresden und erstellt barrierefreie Studien- und Prüfungsmaterialien. In aktuellen Forschungsprojekten werden die Anforderungen unterschiedlicher Computernutzer, wie z. B. blinde oder sehbehinderte Menschen, Menschen mit Demenz oder Menschen mit Dyslexie, untersucht und darauf aufbauend die passenden assistiven Technologien entwickelt.
So werden im Projekt Hyperbraille Lösungen für den Zugang blinder Menschen zu grafischen Benutzeroberflächen entwickelt und neuartige Screenrea-der entworfen. Dabei entstand das System Tangram, mit dem blinde und sehende Menschen mittels einer Stiftplatte gemeinsam zeichnen können. Dieses Arbeitsmittel ist vor allem für blinde Lektoren interessant. Denn bisher war blinden Menschen der Zugang zu Grafiken nur durch Bildbeschreibungen möglich, die entweder vorgelesen oder in Braille geschrieben werden. Während der eigentliche Autor mit einer Grafik häufig sehr vielfältige Zwecke zur Gestaltung eines Textes verfolgt, wird jedoch in den Bildbeschreibungen dem Leser nur eine mögliche Interpretation angeboten. Bisher konnten blinde Lektoren die Qualität der Übertragung nicht bewerten. Mit Tangram werden solche Transkriptionen in Zukunft überprüfbar sein.

 

Drei Fragen an …

 

Gesine Marquardt,
Professorin für Gebäudelehre und Entwerfen
(Sozial- und Gesundheitsbauten) der TU Dresden

 

1 | Die Erkenntnis, dass Architektur auch therapeutisch wirken kann, ist besonders bei der Errichtung von Gesundheitsbauten zu beachten. Würden Sie uns anhand von Beispielen darlegen, wie ein Gebäude therapeutisch gestaltet werden kann?

Dies lässt sich recht gut an meinem hautsächlichen Forschungsgebiet, der Architektur für Menschen mit Demenz, erläutern. Derzeit gibt es leider noch keine Heilung für Demenzen. Aber es gibt sehr viele wissenschaftliche Studien, die aufzeigen, dass die Symptome einer Demenz durch die räumliche Gestaltung beeinflusst werden können. Ein therapeutisch wirksames Gebäude sorgt also dafür, dass die Symptomatik der Erkrankung nicht so stark hervortritt. So wissen wir beispielsweise, wie der Einsatz von Lichtquellen und Tageslicht den Tag-NachtRhythmus stabilisiert, die Grundrissgestaltung eines Gebäudes über die Orientierungsfähigkeit der Nutzer bestimmt oder Möglichkeiten zur Personalisierung von Pflegeeinrichtungen mit eigenem Mobiliar und Ausstattungsgegenständen die sozialen Fähigkeiten der Bewohner verbessern.

2 | Vor allem hierzulande hat man häufig den Eindruck, dass bei der Errichtung von öffentlichen Bauten als allerletztes an ältere oder mobilitätseingeschränkte Personen gedacht wird. Worin, denken Sie, liegt dies begründet? An dem Irrglauben, dass barriere-arme Bauten mehr Kosten verursachen?

Ja, diesen Eindruck kann man sicherlich haben. Die meisten Gebäude in Deutschland sind ältere Bestandsbauten, bei deren Planung man sich noch recht wenige Gedanken zu diesem Thema gemacht hat. Aber das ändert sich glücklicherweise recht grundlegend. Bei den meisten neueren Bauten wird sehr genau darauf geachtet, dass barrierefrei gebaut wird. Der demografische Wandel, der zu einer sehr stark wachsenden Zahl an älteren Menschen führt, ist sicherlich ein treibender Faktor für diese Entwicklung.

3 | Was müsste sich hier in Zukunft Ihrer Meinung nach ändern? Welche Weichen müsste man in der Politik dafür stellen?

Ich sehe hier vor allem eine gesellschaftliche Aufgabe, die durch die Politik unterstützt werden muss: Menschen mit Einschränkungen und jeden Lebensalters sollen ein präsenter Teil unserer Gesellschaft sein und ihre Bedürfnisse müssen immer wieder in unser aller Bewusstsein gerufen werden. Es sind ja nicht nur die baulichen Aspekte eines Gebäudes, die über dessen Nutzbarkeit entscheiden. Auch organisatorische Fragen benötigen den Blick auf die Belange von Menschen mit Beeinträchtigungen. Es muss also nicht nur in der Planung, sondern auch in der Gebäudenutzung immer wieder daran gedacht werden, dass man für alle Menschen ein geeignetes Umfeld schafft. Dies betrifft beispielsweise die Lesbarkeit von Plakaten und Aushängen, oder auch, dass man nicht Aufsteller oder Stehtische in den Weg eines Blindenleitsystems stellt. An diesem Bewusstsein müssen wir kontinuierlich arbeiten.

 

Fotos: Marquardt / Büter, Katrin Klunker / TU Dresden , TUD / Eckold