Zweimal loslassen

Für ein neues Leben

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Maike Bennmann kann durch die Anpassungen und Umbau-Maßnahmen auf dem Burghof Esens wohnen und arbeiten.

Gibt es für einen Menschen, der mit 27 Jahren einen Freund bei einem Motorradunfall verliert und selbst nach sechs Monaten im Koma komplett gelähmt wieder aufwacht, einen Weg zurück in ein sinnvolles Leben? Ja, auch wenn das nur schwer vorstellbar ist. Maike Bennmann widerfuhr genau dieses schlimme Schicksal.

Sechs Monate nach dem Motorradunfall wachte sie mit einer Tetraplegie wieder auf: Alle vier Gliedmaßen sind nahezu vollständig gelähmt, aber geistig ist sie fit. Sie fällt damit in den Pflegegrad 5 und muss rund um die Uhr betreut werden. Heute, 10 Jahre später, lebt sie im barrierefreien neuen Gulfhof, ist Eigentümerin der Pension Burghof und führt ein neues sinnerfülltes Leben mit einem klaren Ziel für die Zukunft.
Der geplante Umbau des Gulfhofes aus dem Jahr 1886 zu einer barrierefreien Pension mit „viel Platz zum Leben“ soll ein Beispiel sein für moderne Architektur, die durch innovative Raumlösungen Menschen mit speziellen Bedürfnissen wieder Eigenverantwortung und eine Aufgabe im neuen Leben geben kann.

Der lange Weg zurück

Während der langwierigen Reha-Zeit von Maike Bennmann wurde schnell klar, dass die Türen und Durchgänge im Elternhaus einfach zu schmal für den neuen Rollstuhl waren und die vielen Treppen und Stufen eine unüberwindbare Herausforderung darstellen.
Nach der umfangreichen Analyse der notwendigen Umbauten durch den auf barrierefreies Bauen spezialisierten Architekten Uli Müller aus Coburg kam leider von ihm dann die nächste Hiobsbotschaft: Einfach Umbauen geht nicht. Kleinere Anpassungen im Wohnhaus waren baulich nicht möglich.

Somit entschlossen sich Maike Bennmann und ihre Familie zum bis dato unvorstellbaren Totalabbruch. Sie mussten ein zweites Mal loslassen, diesmal von Ihrem Elternhaus.

Doch genau darin bestand auch die Chance! Das Wohnhaus und die angrenzende Pension der Eltern waren in bester Lage in einer kleinen Stadt in Ostfriesland nahe der Nordseeküste und der Tourismus in der Region bot eine sichere Grundlage für eine wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft.

Die Anforderungen, die der Neubau erfüllen sollte, waren ein völlig barrierefreies und rollstuhlgerechtes Erdgeschoss für Maike, mit Terrasse und überdachtem Freisitz sowie einem großen Stellplatz für ein Spezialfahrzeug zum einfachen Be- und Entladen des Elektro-Rollstuhls. Das Obergeschoß des neuen Gebäudes sollte als eigenständige Wohneinheit für das Pflegepersonal ausgebaut werden.

Unauffällig und elegant fügen sich die Smart-home-Bedienpanele in die Wohnlandschaft ein.

Spezielle Lösungen schaffen Platz und Flexibilität

Da sich Maike Bennmann nicht mehr selbst bewegen kann, war es wichtig, die Bewältigung aller für ihren Alltag wichtigen Schritte so einfach und autark wie möglich zu gestalten. Die Basis der Elektroautomatisierung des neuen Hauses liefert das neu eingebaute KNX-System: Über das spezielle Sprachsteuerungssystem „Sybility“ kann Maike die Innentüren, den Fernseher, das Radio, die Musik, die Gegensprechanlage sowie das Licht, die Heizung und den Sonnenschutz selbständig steuern und bedienen.

Weitere Mobilität verleiht ein Deckenlifter für das Schlaf- und Badezimmer. Neben der Spezialbadewanne ist durch den geräumigen Duschbereich Platz für eine zusätzliche Duschliege. Und der Wohn-, Koch-und Essbereich wurde durch eine dauerhaft überdachte Terrasse mit schwellenlosem Ausgang ins Freie geschickt erweitert.

Projekt Barrierefrei – Neuer Burghof Esens

Das Ziel dieses zweiten Projektes ist es, sowohl das Wohnen als auch das Arbeiten für Maike Bennmann im Burghof schrittweise bis 2021 ihrer neuen Lebenssituation anzupassen. Bei diesem Bauprojekt handelt es sich um eine Generalsanierung, bei der durch einen Komplettumbau der bisherige Burghof mit vielen Barrieren und kleinen Räumen zu einem neuen Burghof mit offenen zentralen Zonen ohne Schwellen umgewandelt werden soll.

Die Basis dafür bildet die bestehende ehemalige Scheune mit einer ungewöhnlich großen Grundfläche von 21,83 x 16,63 m. Die Mitte des 363 m2 großen Gebäudes wird zum überdachten „Marktplatz“ und damit zum Treffpunkt für alle Bewohner und Urlaubsgäste des Hauses umfunktioniert. Der Zugang zu Garten, Rezeption und den Zimmern befindet sich zentral auf einer Ebene. Darüber hinaus ist der offene Bereich multifunktional nutzbar, wie z. B. für das Frühstück, Veranstaltungen, als Ruhezone oder Treffpunkt.

Die zum Teil rollstuhlgerechten Komfortzimmer sollen alle problemlos ebenerdig zu erreichen sein. Bei der regional gehaltenen Gestaltung wird großer Wert darauf gelegt, möglichst viele Sinne anzusprechen, wie z.B. über die Themen Sand, Meer, Strand, Muscheln, Möwen. Alle Bäder erhalten bequeme Schiebetüren und bodengleiche Duschen. Um die Orientierung im Haus zu vereinfachen, wird ein speziell entwickeltes visuelles Leitsystem für Menschen mit Einschränkungen installiert.

ELEKTROTECHNIK ALS SINNVOLLE UNTERSTÜTZUNG

Weiteren großen Komfort gewinnt das Haus durch die intelligente Gebäudeautomation: Die Rezeption wird zukünftig über eine drahtlose Telefonzentrale direkt erreicht, Licht, Heizung und Sonnenschutz lassen sich mit der KNX-Zentralsteuerung einfach über ein Smartphone oder ein Tablet steuern. Jede Zimmertür wird automatisch per Taster oder über Funk geöffnet werden können. Ein Zimmer wird sogar über eine spezielle Sprachsteuerung verfügen, mit der u.a. die Zimmertür mit der Stimme geöffnet und die Höhe von Kopf- und Fußteil des Pflegebetts automatisch verstellt werden kann.

ZUSÄTZLICHE AUSSTATTUNGS-UND LEISTUNGSMERKMALE

Für Gäste mit eingeschränktem Hör-, Sprach- und Sehvermögen bietet der Burghof Essen Lichtwecker und Bildtelefone. Auf individuelle Bedürfnisse der Gäste kann bei Bedarf durch zusätzliche Hilfsmittel in den Zimmern eingegangen werden. Auch außerhalb der Pension sollen die Gäste mobil sein. Dafür stehen spezielle Fortbewegungsmittel wie Strandrollstühle und Elektroroller zum Anmieten bereit.

NEUE PERSPEKTIVEN

Die Geschäftsführung der Pension soll auf ein Team aufgeteilt werden. Maike Bennmann selbst wird erst einmal hinter den Kulissen tätig werden, beispielsweise im Büro des Burghofes oder bei der Betreuung der Online-Präsenz der Pension. Sie möchte aber auch den direkten Kontakt zu ihren Gästen pflegen und so ihren Teil zur Wohlfühlatmosphäre im Burghof beitragen. Es ist zwar nach wie vor viel Geduld notwendig, aber die Dinge entwickeln sich in die richtige Richtung. Das macht Mut und gibt allen neue Kraft für die zukünftigen Herausforderungen des zweiten Lebens. www.burghof-esens.de


INFO

ULI MÜLLER
Der Architekt aus Coburg entwickelt und baut mit seinem Team individuelle, barrierefreie Lebensräume zum Wohnen und Arbeiten.
Inzwischen hat er weit über 150 barrierefreie Bauprojekte in unterschiedlichen Bereichen erfolgreich abgeschlossen und ist seit 2006 auch als Gutachter für diesen Bereich tätig.
www.umaco.de

Fotos: Fam. Bennmann privat, Uli Müller, Gira, Giersiepen GmbH & Co. KG