Mobil bleiben durch prothetische Nachsorge in Corona-Zeiten

Seit einem Jahr befindet sich unser Land im harten Griff des Corona-Virus. Nicht nur das öffentliche Leben musste mehrfach runtergefahren werden, sondern auch die medizinische Versorgung ist in einigen Bereichen stark beeinträchtigt. Viele Menschen sind dadurch verunsichert. Jedoch gerade auch für Prothesenträger ist es in diesen Zeiten wichtig, Nachsorge- oder Wartungstermine im Sanitätshaus wahrzunehmen. Wir sprachen mit Holger Scheef, der im technischen Service des Unternehmens Össur tätig ist, über die Situation.

Holger Scheeff, Technischer Service Össur

B: Herr Scheeff, durch Ihre Arbeit im technischen Service sind Sie stets nah an den Anwendern, aber auch eng mit den Sanitätshäusern verbunden. Seitdem die Covid-19-Pandemie ausgebrochen ist, ist eine Auswirkung hier in Deutschland, dass viele Amputierte Bedenken haben, sich in die Sanitätshäuser zur Nachsorge oder Wartung ihrer Prothesen zu begeben. Sie sehen daher davon ab. Das ist natürlich nachvollziehbar, aber auch mit schwerwiegenden Folgen behaftet. Was können die technischen Konsequenzen sein?

HS: Ein regelmäßiger Prothesen- und Liner-Check alle sechs Monate ist sinnvoll und auch wichtig. Die verschiedenen Bauteile einer Prothese für die unteren Extremitäten, wie zum Beispiel der Fuß, die Verbindungskomponenten oder auch der Liner, unterliegen durch die tägliche Nutzung einem Verschleiß. Allein am Beispiel Liner- und Liner-Folgeversorgung sieht man, wie komplex das Thema ist. Zum einem verfärbt und verschmutzt der Liner durch den täglichen Hautkontakt. Hauttalg und Schweiß lagern sich ab. Auch steht der Liner ständig unter Druck in der Prothese. Wir sprechen hier von „Rückstellkraft“, die beim Liner über die Monate abnimmt. Dies kann zu einer Reduzierung der Kompressions- und Polstereigenschaften des Liners führen.

Im Rahmen eines Prothesenchecks kann der Techniker frühzeitig Verschleißerscheinungen erkennen und Komponenten reinigen oder ggf. austauschen. Auf diese Weise können schwerwiegende Folgen für den Anwender deutlich reduziert werden.

B: Und was wären aus Ihrem Blickwinkel die gesundheitlichen Folgen?

HS: Wenn wir uns zum Beispiel den Prothesenschaft, die Verbindung zum Anwender, anschauen, ob hier noch eine gute Passform gegeben ist oder sich das Stumpfvolumen geändert hat. Dann müsste hier zur Vermeidung von Druckstellen nachgearbeitet werden. Offene Stellen am Stumpf sind nicht nur schmerzhaft, sie können unter Umständen auch nur sehr schwer wieder heilen.

Stimmt die Länge der Prothese noch? Sonst können durch eine Ausgleichshaltung bzw. -bewegung zum Beispiel Rückenbeschwerden oder auch Hüftprobleme die Folge sein.

Bei einem hohen Verschleiß des Liners nimmt der Gehkomfort ab. Wenn die Verbindungskomponente vom Liner zur Prothese nicht mehr einwandfrei funktioniert, kann dies auch zum Verlieren der Prothese führen.

B: Schwerwiegend sind ebenfalls auch die sozialen Folgen, wenn Amputierte durch die angesprochene Immobilität immer weniger am normalen Leben teilhaben können. Es ist ein Teufelskreis. Daher ist die regelmäßige Nachsorge und Wartung während der Corona-Zeit wichtig. Die Sanitätshäuser wenden sowieso die strikten Auflagen bezüglich der Hygienevorschriften an. Was spricht Ihrer Meinung nach noch dafür, dass man keine allzu großen Bedenken haben braucht hinsichtlich eines Besuches im Sanitätshaus?

HS: In meiner Tätigkeit im technischen Service bei Össur komme ich auch in der Corona-Zeit mit verschieden Sanitätshäusern/Orthopädietechnikern in Kontakt. In allen Häusern hatte ich nie das Gefühl, dass ich hier einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt bin. Die Vereinbarung von Terminen war auch schon vor Corona obligatorisch und ist nun noch wichtiger geworden. Die Eingangsbereiche sind so umgestaltet, dass ein direkter Kontakt zwischen Besuchern und zu Mitarbeitern größtmöglichst vermieden wird. Der direkte Kontakt findet nur zwischen dem Anwender und dem zuständigen Techniker statt, und zwar in abgetrennten Bereichen. Hier lässt sich dann, je nach Anliegen, ein näherer Kontakt nicht vermeiden. Hierbei werden alle Hygienevorschriften, das Tragen von Schutzmasken und Einmalhandschuhen, regelmäßiges Lüften, befolgt. Auch werden nach dem Besuch alle Kontaktflächen desinfiziert.

B: Worauf kann und sollte man als Anwender von prothetischen Versorgungen generell auch zu Hause achten? Was kann getan werden, um die Prothese zu pflegen?

HS: Eine regelmäßige Reinigung der Prothese, Beseitigung von Verunreinigungen wie Schmutz und Staub sollte immer vorgenommen werden.
Etwas anders sieht es mit den Linern und sonstigen Flächen aus, die direkten Hautkontakt haben. Hier ist eine gewissenhafte täglich Reinigung wichtig. Hierzu empfehlen wir bei unseren Linern die Verwendung eines ph-neutralen, absolut duft- und farbstofffreien Reinigungsmittels. Nach der Reinigung bitte gründlich mit warmem Wasser abspülen und den Liner in einen neutralen Zustand, Textilschicht außen, bringen.

B: Was kann ich in Corona-Zeiten meinem Stumpf oder auch den Hautpartien, die von Liner und Prothese umgeben sind, Gutes tun? Haben Sie da ein paar Tipps?

HS: Eine tägliche Reinigung des Stumpfes ist unerlässlich. Hierfür empfehlen wir die Verwendung einer milden, ph-neutralen, absolut duft- und farbstofffreien Flüssigseife. Bei der Stumpfreinigung sollte auch der Hautzustand kontrolliert werden, um frühzeitig Veränderungen zu erkennen. Bei trockener Haut kann eine ph-neutrale, ebenfalls duft- und farbstofffreie Lotion aufgetragen werden; dies am besten über Nacht, damit sie komplett von der Haut aufgenommen werden kann.

Alkoholsprays, Aerosole, Deos, Parfüms oder auch Haushaltsreiniger, Scheuermittel sind nicht zu empfehlen. Solche Produkte können zum einen Hautreizungen verursachen. Auch kann es durch den Kontakt dieser Produkte mit der Prothese/dem Liner zu Änderungen der Produkteigenschaften kommen.

Wenn man hierzu weitere Informationen möchte, kann man sich entweder an seinen Techniker wenden – er weiß, was in den individuellen Fällen möglich ist – oder auch mal auf unserer Homepage www.ossur.com vorbeischauen.