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Wellenreiten als Therapie

Für Menschen mit Behinderung oder psychischen Erkrankungen

Im zweiten Artikel der Reihe „Wellenreiten mit Behinderung – das Meer diskriminiert nicht“ beleuchten wir, wie das Wellenreiten außer zur Erholung auch therapeutisch genutzt werden kann und welche Wirkungen es auf uns hat.

„There’s nothing a good day of surfing can’t cure“ – es gibt nichts, was ein guter Surftag nicht heilen kann, verkündet ein amerikanischer Autoaufkleber. Was für eine dreiste Behauptung! Eine Universalmedizin für Depression, Stresserkrankungen und Angst, geistige und körperliche Behinderung, soziale Störung, Autismus und Traumafolgen? Keine Bange – ganz sicher wird es auch in Zukunft angesagt sein, bei Zahnschmerzen eine:n entsprechende:n Arzt:in aufzusuchen, anstatt sich mit einem Surfboard in die Wellen zu stürzen. Aber dennoch belegt die neuere Forschung, dass der Wellenreitsport Effekte hat, die weit über Spaß und Erholung hinausgehen können.

Eine Gruppe bestehend aus sechs fröhlichen jungen Menschen auf einer Straße nebeneinander spazierend. Zwei von ihnen sitzen im Rollstuhl. Eine weitere Frau läuft entgegengesetzt auf eine Frau aus der Gruppe zu. Sie freuen sich. Die Arme von beiden Frauen sind gestreckt. Sie tragen beide einen heruntergezogenen Neoprenanzug

Meer bringt Ruhe und Entspannung

Das Meer ist eine vielseitige Persönlichkeit. Seine Anziehung und wohltuende Wirkung sind uns fast allen bekannt. In der Nähe von Wasser und ganz besonders am Meer zu sein, versetzt uns in einen besonderen Zustand der Ruhe und Entspannung. Das ist nicht nur persönliches Empfinden: Wissenschaftliche Studien belegen, dass es dabei zu einer Veränderung der Gehirnfrequenzen kommt. Vielleicht hat das damit zu tun, dass wir als Menschen unseren Ursprung im Wasser haben und unser Körper zu 70 % aus Wasser besteht.

Elementarer Rhythmus und Schwerelosigkeit

Aber es geht auch konkreter: Das Meer hebt durch seinen Salzgehalt die Schwerkraft zum größten Teil auf. Es folgt mit seinen Gezeiten und Wellen einem elementaren Rhythmus und ist ständig in Bewegung. In seiner enormen Größe strahlt das Meer Ruhe und Konstanz aus und lässt doch keinen Zweifel daran, wer hier ‚die Hosen anhat‘. Es diskriminiert niemanden, sondern behandelt uns alle gleich, lässt uns genau so sein, wie wir sind. Die Dynamik der Wellen und die Schwerelosigkeit steigern Beweglichkeit, Kraft, Muskeltonus, motorische Koordination sowie das Gleichgewicht, wenn wir uns darin bewegen. Das Herz-Kreislauf-System wird angeregt und trainiert, zudem reagiert das Immunsystem positiv auf die Zusammensetzung und Temperatur des Wassers.

Ein Surfbrett liegend umgeben von Wellen. Auf dem Surfbrett liegt eine Frau auf dem Rücken. Ein Mann schiebt sie aus dem Wasser. Er schaut sie an.

Stärkung der Stressresilienz

Durch die Reaktion auf sich ständig verändernde Gegebenheiten und die automatische Auseinandersetzung mit der Naturgewalt des Ozeans stärken wir unsere Stressresilienz. Aber damit noch nicht genug: Wachsende Kontrolle über den eigenen Körper hat einen positiven Effekt auf die Wahrnehmung von Selbstwirksamkeit und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Das Wellenreiten verbindet all diese Eigenschaften auf spielerische Art und Weise, sodass wir in der Freude des Moments gar nicht bemerken, wie stark der Körper gefordert und trainiert wird.

Leidenschaft verbindet

Und auch die soziale Kompetenz wird im Wasser gefördert. Wellenreiten ist zwar eine Individualsportart, findet aber mit anderen zusammen statt, denn wir teilen ja die Zeit im Wasser. Dabei entsteht durch den Kontakt zu Mitsurfenden ein Gefühl der Zugehörigkeit, wodurch wiederum das Selbstwertgefühl gestärkt wird. Das kann besonders für Menschen mit depressiven Erkrankungen oder Angststörungen sowie nach traumatischen Erfahrungen stabilisierend wirken. Und Menschen mit Behinderung, die Tag für Tag Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren, erleben dabei echte Inklusion. Es ist nicht mehr wichtig, ob man gehandicapt ist oder nicht, ob man an einer Depression leidet oder Teil einer sozialen Randgruppe ist. Im Wasser verschwimmt jeder Unterschied, und der Neoprenanzug und die nassen Haare machen es unmöglich, Investmentbanker:innen von Landschaftsgärtnern:innen zu unterscheiden. Wir sind kein Haufen von Leuten, die sich über ihre Unterschiede definieren, sondern eine Gruppe von Menschen, die die gleiche Leidenschaft teilen. Es geht darum, sich im Hier und Jetzt zu finden und sich vom Meer umarmen zu lassen.

Im Vordergrund ein Mann sitzend im Wasser. Neben ihm ein Strandrollstuhl. Vor ihm ein Surfbrett im Wasser liegend und ein Trainer. Im Hintergund Personen die mit ihren Surfbrettern ins Wasser laufen. Es ist wellig.

Nachhaltige Wirkung und therapiebegleitend

Egal, ob es um die körperliche und psychische Rehabilitation von Menschen mit körperlichen Behinderungen nach Unfällen oder Verletzungen geht, um die therapeutische Arbeit mit Kindern mit Autismus oder Entwicklungsverzögerung oder um die Behandlung von Angststörungen und Depressionen: Das Meer und der Wellenreitsport bieten dafür ideale Bedingungen. Denn Betroffene in den beschriebenen Eigenschaften zu stärken, ist die grundsätzliche Zielsetzung vieler Therapien. Aufgrund dessen beinhalten Programme zum adaptiven Wellenreiten oftmals auch begleitende psychologische und/oder pädagogische Maßnahmen. Durch diese werden Angebote geschaffen, in denen sich die einzelnen Teile gegenseitig verstärken und unterstützen.

Unabhängig davon, um welchen Aspekt des Wellenreitens es geht: Seine Wirkung ist nachhaltig. Unser Wachstum und Training nehmen wir mit zurück an Land und in den Alltag. Immer wieder hört man von Wellenreitenden – ganz gleich, ob mit oder ohne Behinderung –, dass der Einstieg in diese Sportart einen markanten Wendepunkt in ihrem Leben dargestellt hat. Dass sie gelernt haben, mit Gegebenheiten, die sie nicht ändern konnten, anders umzugehen. Wie im Wasser auf dem Board: „You can’t stop the waves, but you can learn to surf“ – du kannst die Welle nicht stoppen, aber du kannst lernen, sie zu reiten.

Drei junge Frauen nebeneinander auf ihren Surfbrettern im Wasser sitzend. Sie halten sich gegenseitig an den Händen fest. Die Arme in die Luft gestreckt. Sie lachen.

Aktuelle News und weitere Informationen gibt es unter folgenden Adressen:
www.open-ocean.info
www.wellenreitverband.de
Instagram: @openoceanverein
Instagram: @wellenreitverband

Oder direkt per E-Mail an: hallo@open-ocean.info

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