StartGesundheitBrauche ich Nahrungsergänzungsmittel?

Brauche ich Nahrungsergänzungsmittel?

Experte Martin Auerswald im Interview

Diese Frage wird oft und zudem heiß diskutiert. Nahrungsergänzungsmittel sind doch relativ umstritten, da unter anderem vor Überdosierung gewarnt wird. Auch herrscht oftmals die Meinung vor, wir würden doch genug Nährstoffe mit unserer Nahrung aufnehmen. Aber ist das tatsächlich so? Oder wenn nicht, ab wann sollte man supplementieren?
(Einen interessanten Artikel zum Thema Ernährungsanpassung im Alter finden Sie hier.)

Um Ihnen fundierte Antworten liefern zu können, baten wir den Biochemiker und Biotechnologen Martin Auerswald zum Interview.

BF: Lieber Martin, herzlichen Glückwunsch erst einmal! Dein Buch „Faktencheck Nahrungsergänzungsmittel“ ist im August dieses Jahres erschienen und jetzt bereits SPIEGEL-Bestseller!

Es gibt eine Menge über dich zu erzählen: Du hast Biochemie und Molekulare Biotechnologie an der TU in München studiert, bist in der klinischen Forschung am Universitätsklinikum Erlangen im Bereich chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen tätig, bildest Ärzte:innen und Heilpraktiker:innen auf dem Gebiet der Myko- und Mikronährstofftherapie aus und berätst Unternehmen im Naturheilkundesektor. Du hast über 1055 Beiträge veröffentlicht, einiges an Büchern und E-Books publiziert – ach, die Liste ist lang. Ich freue mich, dass wir dich zu einem Interview zum Thema Nahrungsergänzung gewinnen konnten.

Dein Buch klärt sehr sachlich und umfangreich auf. Was war der Anstoß, dieses Buch zu verfassen?

MA: Der eher nüchterne und unromantische Anstoß war, dass der Verlag mit dieser Idee auf mich zugekommen ist, und ich habe natürlich sofort zugesagt. Zum einen, weil mich das Thema schon länger begeistert, ich viel ausprobiere, gelernt habe und seit ein paar Jahren Firmen im Nahrungsergänzungssektor berate – und dieses Wissen gerne teilen wollte. Zum anderen, weil es mir ein tiefes Bedürfnis war, über dieses Thema aufzuklären. Es gibt so viele Mythen und Halbwahrheiten, die über Nahrungsergänzungen kursieren – ich wollte hier ein objektives Bild schaffen, mit dem sich alle eine eigene Meinung bilden können. Nahrungsergänzungen sind nicht automatisch gut oder schlecht – sie sind Werkzeuge, die wir zielgerichtet für unsere Gesundheit nutzen können. Doch genau wie Werkzeuge können wir sie richtig und falsch einsetzen. Das Buch ist quasi ein Führerschein für Nahrungsergänzungsmittel und soll ganz nebenbei die Frage klären, ob wir sie brauchen und wenn ja welche sinnvoll sind.

BF: Vielleicht kannst du uns zunächst ein paar grundlegende Fragen zu diesem Thema beantworten. Wie finde ich heraus, ob ich überhaupt Nahrungsergänzungen zu mir nehmen sollte?

Ein Mann mit Kurzhaarschnitt, er trägt ein Hemd sowie eine Weste und lächelt in die Kamera.

MA: Bei Nahrungsergänzungen sollten wir unterscheiden zwischen Nähr- und Vitalstoffen auf der einen und Naturheilmitteln auf der anderen Seite. Bei Nähr- und Vitalstoffen bietet sich eine große Nährstoffanalyse im Blut an, um herauszufinden, wo noch Bedarf besteht. Erfahrungsgemäß sind Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren, Magnesium und B-Vitamine am häufigsten im Defizit. Liegt ein Defizit vor, kann dieses über eine Anpassung der Ernährung oder Nahrungsergänzungen angegangen werden. Bei den Naturheilmitteln steht eher die Frage im Vordergrund, was mein gesundheitliches Ziel ist: Möchte ich fitter, weniger krank sein? Besser schlafen? Mehr sportliche Leistung? Meine Fruchtbarkeit fördern? Die Gelenke regenerieren? Hier bieten sich dann verschiedene Naturextrakte oder Naturstoffe an, die man ausprobieren und dann spüren kann, ob es einen Unterschied macht.

Es ist wie mit der Tasse Kamillentee am Abend: Wenn ich merke, dass er mir guttut, werde ich ihn regelmäßig trinken (mit etwas Honig, falls er zu langweilig schmeckt). Merke ich nichts, eher weniger. So ist es auch mit Nahrungsergänzungen.

BF: Wann genau nehme ich sie am besten? Zu einer Mahlzeit?

MA: Ich empfehle die Einnahme zu Mahlzeiten, so ist die Bioverfügbarkeit (Aufnahmerate) der meisten Nahrungsergänzungen am einfachsten, es gibt keine Wechselwirkungen, und es ist auch am einfachsten so.

BF: Gibt es auch Mikronährstoffe, die sich in der Wirkung hemmen, wenn man sie zusammen einnimmt? Gibt es dazu eine (einfache) Regel?

MA: Theoretisch ja, wie Zink, Eisen, Kupfer und Magnesium. Aber zu einer Mahlzeit eingenommen, gibt es dieses Hemmen nicht.

BF: Um Nahrungsergänzungsmittel ranken sich viele Mythen. Gibt es einen Mythos, den du unbedingt mit deinem Buch beseitigen wolltest?

MA: Ja, dass „Deutschland kein Vitamin-Mangelland“ ist. Das ist häufig zu lesen. Große Studien wie die Nationale Verzehrsstudie II oder die Vitamin-D-Studie des Robert Koch-Instituts sowie meine Erfahrungen nach über 2000 Blutanalysen sind jedoch eindeutig: Nährstoffdefizite sind die Regel, nicht die Ausnahme.

Ein hellblauer Hintergrund. Auf der rechten Seite liegen gelb-ölfarbige ovale Tabletten.

Was sind deine sechs Topfakten zum Thema Nahrungsergänzung, die du unseren Lesenden mit auf den Weg geben möchtest?

MA: 1. Die Ernährung ist die Grundlage – Nahrungsergänzungen kommen danach. Diese Reihenfolge einzuhalten, ist sehr wichtig.

2.  Auf Qualität achten: Wie bei fast allem im Leben hat Qualität ihren Preis, so auch hier.

3. Nicht das Gewissen beruhigen. Viele nehmen Nahrungsergänzungen, um ihr Gewissen zu beruhigen und um von einer ungesunden Ernährung, Rauchen oder Alkoholkonsum abzulenken. So ist es nicht gedacht.

4. Wir haben keinen Mangel an Medikamenten im Lande, sondern zu wenige natürliche Reize. Das macht uns chronisch krank. Nährstoffe und die richtigen Naturheilmittel bringen unseren Körper wieder in eine natürliche Balance.

5. Gesundheit ist Eigenverantwortung. Da müssen sich alle selbst drum kümmern. Die Verantwortung für die Gesundheit an eine:n Arzt:in abzugeben, ist auch riskant, weil nur wenige Ärzte:innen in gesunder Ernährung und Nährstoffen ausgebildet sind. Ich empfehle, sich selbst einzulesen und auszuprobieren, was einem guttut.

6. Medikamente sind Nährstoffräuber – sie interagieren mit unserem Nährstoffhaushalt und erhöhen unseren Verbrauch. Auf https://schnelleinfachgesund.de/gratis/ habe ich einen kostenlosen Ratgeber darüber, welche Medikamente mit welchen Nährstoffen interagieren und wo es sich lohnt, mal nachzumessen.

BF: In deinem Podcast hast du erzählt, dass es ein „verbotenes Kapitel“ gibt, das der Verlag nicht drucken wollte. Worum geht es in diesem Kapitel?

MA: Hauptsächlich um einige Mythen und Vorurteile gegenüber Nahrungsergänzungen und warum sie oftmals so ein schlechtes Image haben. Auch um unser Medizinsystem und dessen Grenzen ging es – nicht absolut notwendig zum Verständnis des Buches, aber dennoch interessant. Das „verbotene Kapitel“ habe ich in Form von drei Blogbeiträgen in unserem Magazin veröffentlicht: https://schnelleinfachgesund.de/category/magazin/naehrstoffe/

BF: Und was ist dein nächstes großes Projekt? Du hast doch bestimmt etwas geplant! 🙂

MA: Ja, nach der Buchveröffentlichung bekam ich viele Anfragen von Fachpersonal wie Ärzten:innen, Heilpraktikern:innen und Osteopathen:innen, wo sie sich im Bereich der Nähr- und Vitalstoffe weiterbilden können. Hier entwickle ich gerade mit zwei Kollegen eine Online-Weiterbildung zum Nähr- und Vitalstoffcoach, um das wichtige Feld der Nähr- und Vitalstoffe flächendeckender zu verbreiten in der DACH-Region.

BF: Und zu guter Letzt: Hast du ein Lebensmotto?

MA: Eine schöne Abschlussfrage. Ich habe kein Lebensmotto als solches, eher Lebensprinzipien und lebensbejahende Glaubenssätze, nach denen ich lebe, wie:

  • – Das Leben ist schön.
  • – Ich bin gut, so wie ich bin.
  • – Ich bin ein Geschenk für die Welt.
  • – Immer das Beste draus machen.
  • – Ohne Fleiß kein Preis.
  • – Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
  • – Nur Lebendiges schwimmt gegen den Strom.
  • – Das Leben ist gut zu mir und ich bin gut zum Leben.

BF: Vielen Dank für das Interview!

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