Wohnraumlösungen für Florian Sitzmann

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Die Frage war einfach, die Antwort eine Herausforderung: Wie gestaltet man das neue Wohnhaus der Familie Sitzmann in einer hochpreislichen Gegend mit begrenztem Budget, aber dennoch konzipiert nach den Bedürfnissen des „speziellen Kunden“?

Nachdem Flo seine jetzige Lebenspartnerin kennenlernt, erblicken wenig später Zwillinge das Licht der Welt. Es musste neuer Wohnraum her, größer vor allem, für das frisch verheiratete Paar, Flos Tochter aus erster Ehe und für die Zwillinge.

Dieses neue Wohnhausprojekt war mittlerweile schon die 3. Baumaßnahme, welche wir für Flo bearbeiten durften. Daher war schnell klar, auf was es genau ankam:

  • Flache Zufahrt ins Grundstück, Hauseingang und Garage gut erreichbar im Rollstuhl
  • Ausreichende Bewegungsradien, großzügiges offenes Kochen, Essen und Wohnen
  • Außenanlagen mit schwellenlosen Verbindungen ins Innere
  • Komplette Umfahrungsmöglichkeit rund ums Haus
  • Vertikale Erschließung, am besten im Treppenauge – sehr platzsparend
  • Badezimmer mit begehbarer Dusche, Waschtisch und Toilette in der richtigen Höhe
  • Badewanne für die Kinder

Um das alles kostengünstig und in kurzer Bauzeit realisieren zu können, haben wir die neuartige und sehr innovative Modulbauweise gewählt. Mit einem namhaften Bauunternehmen aus Bayern entwickelten wir mit einer hochtechnisierten Betontechnologie aus 10 Einzelmodulen (pro Stück 3,18 x 6,36 m Außenmaß) ein gesamtes Gebäude, welches zusammengesetzt den neuen Wohnraum der Familie in nur 2 Tagen Aufbauzeit bei 95 % Vorfertigung formte.

Das geeignete Grundstück ins Flos Heimat war gekauft. Es konnte Ende Oktober 2015 mit den Bauarbeiten vor Ort losgehen:
Dachstuhl drauf, Wärmedämmung und Außenputz ran, Doppelgarage aufgebaut, Boden- und Wandbeläge innen vervollständigt. Familie Sitzmann konnte schon Weihnachten 2015 im neuen Heim feiern.

Heute, über 3 Jahre später, hat sich die Familie sehr gut eingelebt. Flo, seine Frau und die „Kleinen“ fühlen sich sehr wohl. Es klappt alles prima zu Hause, ohne dass es auffällt, was speziell und etwas anders ist.


INFOBOX

Der Sitzmann
Kein Künstlername, sondern ein Lebensprogramm!

Florian Sitzmann, geboren 1976, verlor bei einem schweren Motorrad-Unfall 1992 beide Beine. Diesen Schicksalstag bezeichnet er selbst als zweite Chance, einen zweiten Geburtstag, der ihn zu demjenigen machte, der er heute ist – der Sitzmann.

Der „Lebemann und Lebenssportler“ macht seitdem keine halben Sachen, sondern ist jeden Tag mit Herz und Seele dabei. Seine schulische Laufbahn beendet er noch in der Reha, wohnt bereits mit 17 Jahren allein und macht im Jahr darauf gleich den Führerschein und eine kaufmännische Lehre.

In der folgenden Zeit erfährt er jeden Tag aufs Neue, dass er aus sich selbst heraus das Beste schafft: er wird ein erfolgreicher Leistungssportler im Handbike, bekommt drei Kinder, schreibt zwei Bücher und gibt seitdem Lesungen in ganz Deutschland, Fernsehauftritte und Interviews.

Seine positive Art, seinen Lebenswillen und seine Lebenserfahrung versucht er in verschiedenen Projekten an Menschen weiterzugeben, die sich in ähnlich schwierigen Lebenslagen befinden. „Der Sitzmann“ sieht sich dabei auch als Vermittler zwischen „Behinderten“ und „Fußgängern“ und spricht offen über gesellschaftliche Missstände.

Mehr über diesen außergewöhnlichen Mann finden Sie auf: www.dersitzmann.de


Praxistipp zum barrierefreien Bauen

Thema Bad – Wissenswertes zum WC

Der Einbau eines WCs, speziell unter Berücksichtigung eines Handicaps, bedarf einiger besonderer Kriterien, die es für den jeweiligen Anwender zu beachten gilt.

      • Standardmäßig werden Toiletten auf einer Höhe von 42 cm über Oberkante Fertigfußboden installiert.
      • Mit der abweichenden Vorschrift für Rollstuhlfahrer (Höhe 46-48 cm) soll gewährleistet werden, dass der Transfer zwischen Rollstuhl und Toilette auf annähernd gleicher Höhe erfolgen kann.
      • Er soll mit geringem Kraftaufwand möglich sein. Nach durchgeführten Studien und aus meiner Erfahrung von Projekten für Kunden mit unterschiedlichsten Handicaps wird häufig diagonal von vorne übergesetzt.
      • Folgende Accessoires bei WCs erleichtern die Nutzung: beidseitige Stützklappgriffe, Rückenschutz (dann ohne WC-Deckel), WC-Rollenhalter am Stützgriff, WC-Bürste kontrastreich mit langem Stil, WC-Spülbetätigungsfeld mit Bewegungsmelder (automatische Spülauslösung nach Benutzung), WC-Brille mit verstärkter, stabiler Edelstahlbefestigung. Aber Achtung: Jeder Einsatz einer Toilette sollte genau auf die Bedürfnisse des Nutzers abgestimmt sein.
      • Eine WC-Nutzung mittels WC-Stuhl bedarf einer genauen Analyse bzgl. der Montagehöhe. Ein Einsatz für einen Menschen mit Querschnittslähmung und auftretenden Beinspastiken erfordert eine niedrigere Montagehöhe des WCs, damit die Füße mit den Fersen noch Bodenkontakt haben.

 

Eine ganz spezielle Form eines WCs ist das sogenannte „Dusch-WC“. Diese neuartige Technologie vereint Toilette und Bidet. Es bietet alle wichtigen Grundreinigungsfunktionen und bringt Frische und Hygiene in jedes Bad. Der pulsierende Duschstrahl wird durch dynamische Luftbeimischung verfeinert und Duschstrahlstärke und Duscharmstärke lassen sich individuell einstellen. Die tägliche Intimpflege ohne fremde Hilfe trägt damit wesentlich zur Selbständigkeit des Nutzers bei, ganz egal ob im Alter oder mit Handicap.

Es ist besonders geeignet für Menschen, die an:
• Rheumatoider Arthritis,
• Arthrose,
• Multipler Sklerose,
• Schlaganfallfolgen,
• Schmerzhaften Gelenkveränderungen,
• Parkinsonkrankheit oder Spastiken leiden.

Ebenso hilfreich ist es bei den Folgen aus:
• Amputationen oder
• Conterganschäden

Durch ein Dusch-WC kann ein Heimaufenthalt hinausgezögert werden, besonders dann, wenn Angehörigen die Pflege dadurch erleichtert wird.

Fazit

Das WC mit all seinen verschiedenen Anwendungs- und Ausführungsmöglichkeiten stellt einen wichtigen Baustein im barrierefreien und auch rollstuhlgerechten Wohnumfeld dar. Wie geschildert kann durch den Einsatz von vielen Einbauteilen seine Nutzung für unterschiedliche Handicaps erleichtert werden.

Nähere Informationen oder Ratschläge rund um das WC im barrierefreien und/oder rollstuhlgerechten Bad erhalten Sie bei Uli Müller, Architekt aus Coburg unter mueller@umaco.de


Uli Müller

 

 

 

Der Architekt aus Coburg entwickelt und baut mit seinem Team individuelle, barrierefreie Lebensräume zum Wohnen und Arbeiten.
Inzwischen hat er weit über 150 barrierefreie Bauprojekte in unterschiedlichen Bereichen erfolgreich abgeschlossen und ist seit 2006 auch als Gutachter für diesen Bereich tätig.
www.umaco.de


 

 

Text & Fotos: Uli Müller