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Auf in den Urlaub

Hilfreiche Tipps rund ums Reisen für Menschen mit MS

Sommerzeit ist auch Urlaubszeit. Viele Reislustige zieht es aber auch außerhalb der Ferienzeit in entlegende Ecken. Aber egal wann und wohin Sie reisen, in dem Interview mit Dr. med. Mimoun Azizi finden Sie eine Menge Tipps, um Ihren Urlaub angenehm und reibungslos zu gestalten.

Portraitfoto Dr. med. Mimoun AziziDr. med. Mimoun Azizi ist Chefarzt der Klinik für Neurogeriatrie im Allgemeinen Krankenhaus Celle.

Müssen sich MS-Betroffene besonders vorbereiten, wenn sie verreisen wollen?

Dr. Azizi: „Generell steht Menschen mit Multipler Sklerose (MS) – auch, wenn körperliche Einschränkungen bestehen – die ganze Welt offen. Ratsam ist es für Betroffene sich vor ihrem Urlaub über das Reiseziel informieren und auch über das dortige Gesundheitssystem. Diese Informationen stellt z. B. das Centrum für Reisemedizin (CRM) bereit. Darüber hinaus sollten, z.B. über die MS-Gesellschaft, Kontakte und Adressen von Kliniken im Urlaubsort eingeholt werden.

Insbesondere für rollstuhlpflichtige MS-Erkrankte ist es sinnvoll, sich zuvor mit dem Reiseveranstalter und den Flughafenbehörden bezüglich der Vorgehensweisen auszutauschen. Vor der Reise sollten außerdem die gesundheitlichen Risiken sowie ggf. die Flugfähigkeit mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. Hilfreich ist es, sich ein Zeugnis über die Reisefähigkeit ausstellen zu lassen. Bei der Reiseplanung ist es zudem unabdingbar, rechtzeitig alle Medikamente für den ganzen geplanten Reisezeitraum zu besorgen. Medikamente unterstehen nicht den allgemeinen Flüssigkeitsbestimmungen und müssen daher nicht im Plastikbeutel transportiert werden – selbst Spritzen dürfen im Flugzeug mitgeführt werden.

Medikamente zum Eigenbedarf sind grundsätzlich nicht deklarationspflichtig. Allerdings ist das Mitführen des Medikamentenpasses in englischer und deutscher Sprache dringend zu empfehlen. MS-Medikamente bestehen aus Protein und sind – je nach galenischer Form – mehr oder weniger wärme- und lichtempfindlich. Beispielsweise Interferone und Glatirameracetat sollten nicht im Koffer transportiert werden, da diese Medikamente durch Temperaturschwankungen im Flugzeugbauch geschädigt werden können. Es ist generell sinnvoll Medikamente im Handgepäck mitzuführen, da aufgegebene Koffer auch mal verloren gehen können.

MS-Medikamente vertragen zudem keine Wärme, weshalb sie in einer kleinen tragbaren Kühlbox aufbewahrt werden sollten. Patient*innen mit Harninkontinenz, sollten darüber hinaus Einmalkatheter (Speedicat) und medizinische Versorgungsartikel (Urinbeutel) im Handgepäck mitführen. Ein vom Arzt unterschriebener Hilfsmittelpass kann bei der Sicherheitskontrolle helfen und Stressmomente verhindern. Da viele MS-Patient*innen unter dem Fatigue-Syndrom leiden, welches durch einen Jetlag verstärkt werden kann, ist es ratsam, sich vorab auch über die Zeitzone im Urlaubsland zu informieren. Prinzipiell gilt: Beim Fliegen in westliche Richtung sollte später ins Bett gegangen werden, in östliche Richtung früher.“

Zwei Stühle auf einem Balkon in einem südlichem Land, im Hintegrund ist eine Stadt zu sehen.

Bedarf es einer Rücksprache mit dem behandelnden Arzt?

Dr. Azizi: „Die verlaufsmodifizierende MS-Therapie muss auch während des Urlaubs fortgesetzt werden. Vor Reisen bedarf es daher der Rücksprache mit dem behandelnden Arzt. Zudem muss die Reise- und Flugfähigkeit geklärt werden sowie eine medikamentöse Verordnung für die gesamte Urlaubszeit erfolgen. Ferner sollten Strategien mit dem behandelnden Arzt erarbeitet werden, für den Fall eines erneuten Schubes. Aber auch über die Risiken im Reisezielland sollten sich Betroffene bei ihrem Arzt informieren, worauf zu achten ist, welche Impfungen erforderlich sind und wann diese erfolgen sollten. Der Facharzt sollte das Reiseziel und den Reiseort kennen, um eventuell im Notfall auch telefonisch mit den dortigen Ärzten und Behörden kommunizieren zu können.“

Was können MS-Patienten tun, wenn sie im Ausland einen Schub bekommen?

Dr. Azizi: „In erster Linie gilt es Schübe zu verhindern. Dazu gehört, dass Betroffene ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen, sich nicht zu lange in der Sonne aufhalten und auf die Ernährung achten, um Infekten vorzubeugen. Es gibt einige Punkte, die beachtet werden müssen, um einen Schub zu verhindern. Hierzu gehören u.a. das Händewaschen besonders vor den Mahlzeiten, genügend trinken und nur Wasser aus ungeöffneten Flaschen oder abgekochtes Wasser, jedoch kein Leitungswasser aus dem Hahn. Auch die Zähne sollten nicht damit geputzt werden sowie keine Eiswürfel in den Getränken.

Darüber hinaus sollten keine ungekochten Lebensmittel, kein Salat und Obst, das nicht geschält werden kann, zu sich genommen werden. Es gilt: ,Cook it, peel it or leave it!‘ Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen kann es dennoch zu einem Schub kommen – daher ist es umso wichtiger, sich vorab über die Gesundheitsversorgung und spezialisierte Ärzte vor Ort zu informieren.

Eine entsprechende medikamentöse Vorgehensweise im Falle eines Schubes kann auch schriftlich in englischer  Sprache festgehalten werden. Dies erleichtert den Ärzten im Urlaubsland die jeweilige Behandlung. Glücklicherweise können weltweit in den meisten Ländern MS-Schübe problemlos behandelt werden. Im Falle von unerwarteten Komplikationen muss die Möglichkeit als ultima ratio gegeben sein, wieder in die Heimat geflogen zu werden. Eine Auslandskrankenversicherung ist daher äußerst wichtig.“

Ein gelber Bulli der durch flaches Land fährt, im Hintegrund sind rote Felsen zu sehen.

Was ist mit der Reiseapotheke – wie können Betroffene ihre Medikamente transportieren?

Dr. Azizi: „Eine Reiseapotheke darf nicht fehlen. Die behandelnden Ärzte, aber auch Apotheken können beim Zusammenstellen helfen. Zunächst gehören in solch eine Apotheke Einmalkatheter, weil es bei Schüben durchaus zur Harninkontinenz kommen kann. Die meisten MS-Patienten kennen sich und ihre Schübe sehr gut. Wer häufig an einem Harnwegsinfekt leidet und ein bestimmtes Antibiotikum nimmt, der sollte dieses in der Reiseapotheke parat haben. Zudem dürfen Anti-Thrombose-Strümpfe und niedermolekulare Heparine, um einer Thrombose während einer langen Flugreise vorzubeugen, nicht fehlen. Doch auch Medikamente gegen Übelkeit, Erbrechen und Durchfälle (Paspertin/Motilium, Imodium und Lopermid) sowie Mittel gegen Reisekrankheit (z. B. Stugeron) gehören mit dazu.

Darüber hinaus sind Medikamente gegen Verstopfung (Hausmittel/Microclyss), Schmerzen und Fieber (z. B. Paracetamol) empfehlenswert sowie Medikamente gegen Allergien, wie Antihistaminika und Prednisolon. Dabei ist zu beachten, dass einige Medikamente gekühlt werden müssen und die Kühlkette auch während der Reise nicht unterbrochen wird. Zahlreiche Fluggesellschaften stellen hierfür mittlerweile einen eigenen Service, aber auch eigene Kühltaschen bieten sich hierfür an.“

Sollten MS-Patienten heiße oder tropische Gegenden besser meiden?

Dr. Azizi: „Bei MS kommt es zum Abbau der Myelinschicht und damit zu einer Verlangsamung der Leitung der Nervengeschwindigkeit. Bei Wärme verlangsamt sich der Weiterleitung der Signale an den Stellen, wo die Myelinschicht durch die MS beschädigt wurde, zusehends. Die Entzündung selbst wird durch Wärme oder Hitze hingegen nicht angefacht. Für viele MS-Patient*innen kann Wärme allerdings eine vorübergehende deutliche Verschlechterung der Symptome bewirken, wodurch sie verstärkt unter Beschwerden wie Erschöpfung und Bewegungsstörungen leiden können. Dies bedeutet aber nicht unbedingt, dass sie auf Reisen in tropische Gebiete verzichten müssen.

Vielmehr müssen einige Punkte beachtet werden: In erster Linie kann kühle Kleidung sehr hilfreich sein, aber auch das Tragen von Kühlwesten, Kühlhauben und Kühlstrümpfen sind sehr zu empfehlen. Eine Alternative ist eine Schüssel mit kaltem Wasser, in welche Füße und Arme getaucht werden können. Lange Aufenthalte in der Sonne sollten generell gemieden werden. Zudem sollten Betroffene viel Flüssigkeit zu sich nehmen, auf die Hygiene achten und sich ausreichend Pausen gönnen. Im Rahmen eines ausführlichen Vorab-Gesprächs mit dem behandelnden Arzt sollten die erforderlichen und machbaren Impfungen ausführlich besprochen werden und lange vor dem Abflug erfolgen.“

Bunte Regenschirme über einer Gasse.

Auf was sollten Betroffene sonst noch beachten?

Dr. Azizi: „Ein wichtiger Aspekt sind die Impfungen. Jede Stimulation des Immunsystems beinhaltet auch ein gewisses Risiko für die Auslösung eines akuten Schubes. Das kann insbesondere bei Lebendimpfungen der Fall sein, daher wird eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung empfohlen. Dazu gehört auch einmal der Verzicht auf eine Impfung, sofern keine klare Indikation besteht. Die gleiche Abwägung gilt für die Wahl des Urlaubsortes. Es gibt Reiseziele mit erhöhtem Impfbedarf (z. B. Gelbfieber) und höherem Infektionsrisiko (z. B. Malaria und Denguefieber). Dennoch sollte eine Wunschreise nicht an Impfungen scheitern. Häufig besteht bei Patient*innen und Ärzt*innen die Sorge, dass Impfungen einen akuten Schub der Erkrankung auslösen könnten. Hinsichtlich eines möglichen Zusammenhangs geben neue Metaanalysen und neuere Studien hier aber eher Entwarnung. Für viele Impfungen wie Tetanus-, Hepatitis B, BCG- (Tuberkulose), und Varizella-Impfungen fand sich keine Evidenz für ein erhöhtes Risiko, nach der jeweiligen Impfung einen MS-Rückfall zu erleiden. Für die Influenza-Impfung zeigen die Daten sogar eine klare Evidenz gegen ein erhöhtes Risiko.

In der Regel werden die gängigen Standard- und Reiseimpfungen mit Totimpfstoffen durchgeführt. Lebendimpfstoffe sollten vermieden werden, weil diese das Immunsystem stärker aktivieren und Schübe auslösen können. Sie betreffen ein relativ kleines Indikationsgebiet und werden gegen Gelbfieber, Masern, Mumps, Röteln oder Windpocken verabreicht. Trotz Studien können durch Totimpfstoffe auch Schübe ausgelöst werden. Daher ist es umso wichtiger, dass die für das Reiseziel erforderlichen Impfungen – auch Lebendimpfstoffe – einige Wochen vor Beginn der Reise gegeben werden, um einen möglichen Schub bereits im Heimatland vor Reisebeginn behandeln zu können.

Damit steht MS-Erkrankten auch die Möglichkeit, Reisen in tropischen Ländern genießen zu können, offen. Die Multiple Sklerose sollte, wenn möglich, die Teilhabe am Leben nicht einschränken und dazu gehört zweifelsohne auch das Reisen in schönen und fernen Ländern!“

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