StartAktiv im RolliWie barrierefrei ist der öffentliche Nahverkehr in Deutschland?

Wie barrierefrei ist der öffentliche Nahverkehr in Deutschland?

Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr ist ein klares gesetzliches Ziel. Im Alltag zeigt sich aber ein gemischtes Bild: Vieles ist besser geworden, doch längst nicht jede Fahrt mit Bus oder Bahn funktioniert schon durchgängig ohne Hürden. Genau das ist der entscheidende Punkt. Der ÖPNV ist heute an vielen Stellen barriereärmer als noch vor einigen Jahren, aber noch nicht überall so verlässlich, als dass Sie sich ohne Vorbereitung auf jede Verbindung verlassen könnten.
Das Personenbeförderungsgesetz nennt als Ziel grundsätzlich einen barrierefreien Nahverkehr; als Stichtag war der 1. Januar 2022 vorgesehen, mit möglichen Ausnahmen in dem Nahverkehrsplänen.

Fahrgäste sitzen im Bus, gelbe Haltestangen, Blick nach vorn durch Frontscheibe.

Was umfasst ein barrierefreier Nahverkehr?

Barrierefreiheit beginnt nicht erst im Fahrzeug. Entscheidend ist die gesamte Wegekette: vom Weg zur Haltestelle über den Einstieg bis hin zur Orientierung während der Fahrt. Wirklich barrierefrei ist ein Angebot erst dann, wenn möglichst viele Menschen es ohne fremde Hilfe nutzen können. Dazu gehören erhöhte oder niveaugleiche Einstiege, damit der Abstand zwischen Fahrzeug und Bahnsteig möglichst klein bleibt. Wichtig sind außerdem Aufzüge oder Rampen, taktile Leitstreifen für blinde und sehbehinderte Fahrgäste, kontrastreiche Markierungen und sichere Zugänge. In Bussen und Bahnen spielen Niederflurtechnik, Mehrzweckbereiche und Rollstuhlplätze eine große Rolle. Ebenso wichtig sind verständliche Informationen nach dem Zwei-Sinne-Prinzip, also akustische Durchsagen und visuelle Anzeigen. Diese Kombination wird auch von Infrastrukturbetreibern und Verkehrsstellen als Maßstab für Barrierefreiheit beschrieben.

Lesetipp: Sie möchten Mobilität in Deutschland noch breiter einordnen? Dann lesen Sie auch unseren Beitrag „Wie inklusiv ist Mobilität in Deutschland?“.

Wo Deutschland beim Ausbau heute steht

Die gute Nachricht ist: Es gibt sichtbare Fortschritte. Nach aktuellen Angaben von DB InfraGO sind 88 Prozent der Bahnsteige stufenfrei erreichbar. 71 Prozent erreichen mindestens eine Bahnsteighöhe von 55 Zentimetern, rund 67 Prozent verfügen über taktile Blindenleitstreifen. Außerdem gibt es an 99 Prozent der Bahnsteige visuelle Anzeigen und akustische Durchsagen. Diese Zahlen zeigen, dass viel ausgebaut wurde. Sie zeigen aber auch, dass wichtige Voraussetzungen für eine wirklich verlässliche Nutzung noch nicht überall erfüllt sind.

Bahnhofshalle mit Gleisen, Treppen zu den Bahnsteigen, Reisender wartet neben Fahrrad.

Gerade im Nahverkehr zählt nicht nur der einzelne Bahnhof, sondern der gesamte Weg. Ein stufenfreier Bahnsteig hilft nur begrenzt, wenn der Aufzug ausfällt, die Bushaltestelle davor nicht angepasst ist oder Informationen unklar bleiben. Schleswig-Holstein ist dafür ein gut greifbares Beispiel: Nach Angaben von NAH.SH sind dort aktuell 78 Prozent der Bahnstationen barrierefrei ausgebaut. Für die Zukunft lässt das Unternehmen auf seiner Website verlauten: „Bis 2026 soll an 95 Prozent aller Verkehrsstationen in Schleswig-Holstein für 99 Prozent der Menschen ein barrierefreier Zustieg in den Nahverkehr auf der Schiene möglich sein. In den Folgejahren werden dann auch die übrigen Stationen barrierefrei ausgebaut.“ Das ist ein deutlicher Fortschritt, zeigt aber zugleich, dass der Ausbau noch lange nicht abgeschlossen ist.

Warum Barrierefreiheit oft nicht vollständig geschaffen werden kann

Dass viele Ziele noch nicht erreicht sind, hat mehrere Gründe. Ein großes Problem ist die bestehende Infrastruktur. Alte Bahnhöfe, enge Straßenräume oder ungünstig gelegene Haltestellen lassen sich nicht überall schnell und vollständig umbauen. Dazu kommen hohe Kosten für Hochborde, Leitsysteme, Aufzüge, Beleuchtung und digitale Informationen. Fördermittel gibt es zwar, etwa über das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz. Der Bund stellt dafür ab 2025 jährlich 2 Milliarden Euro bereit. Trotzdem müssen Länder, Kommunen und Aufgabenträger Prioritäten setzen, weil Umbauten aufwendig sind und nicht alles gleichzeitig umgesetzt werden kann.

Hinzu kommt ein Punkt, der im Alltag besonders wichtig ist: Barrierefreiheit muss nicht nur vorhanden sein, sondern eben auch zuverlässig funktionieren. Schon eine einzige Störung kann eine eigentlich nutzbare Wegekette unterbrechen. Für Nutzer ist deshalb nicht nur entscheidend, ob eine Station offiziell als barrierefrei gilt, sondern ob sie tatsächlich sicher, verständlich und ohne fremde Hilfe nutzbar ist.

Wie barrierefrei ist der ÖPNV also wirklich?

Linienbus an Haltestelle, Halteschild sichtbar, Bäume und Bahngleise im Hintergrund.

Die ehrliche Antwort lautet: nur teilweise. Deutschland hat beim barrierefreien Nahverkehr in den vergangenen Jahren Fortschritte gemacht, vor allem bei Stationen, Fahrzeugen und Fahrgastinformationen. Von einer flächendeckend verlässlichen Barrierefreiheit ist unser Land aber noch entfernt. Für Sie als Fahrgast bedeutet das: Vieles ist heute besser als früher, doch je nach Region, Verkehrsmittel und konkreter Strecke können weiterhin deutliche Hürden bestehen. Barrierefreiheit im ÖPNV ist also Realität geworden, aber noch keine Selbstverständlichkeit.

Unser Tipp: Sie wollen Fahrten besser planen und unterwegs verlässliche Hilfen nutzen? Dann finden Sie in unserem Beitrag „Barrierefrei reisen mit App – digitale Helfer für unterwegs“ praktische Unterstützung.

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