StartAmputation & ProthetikWenn der Opa ein Bein verliert

Wenn der Opa ein Bein verliert

Wie Jugendliche mit Behinderungen bei Angehörigen umgehen

„Ich kenne meinen Opa eigentlich fast nur so.“ Wenn Emilia, 12 Jahre alt, von ihrem Opa erzählt, klingt das ganz selbstverständlich. Seit sie fünf ist, lebt ihr Opa mit einer Beinprothese – der rechte Unterschenkel musste nach einem Sturz und mehreren Operationen amputiert werden. Für Emilia kein Tabuthema, sondern Teil des Familienalltags.

Vertraute Nähe statt Unsicherheit

„Ich habe Opa zwar mit beiden Beinen in Erinnerung, aber nur ganz vage“, erzählt Emilia. „An die Spaziergänge am Strand erinnere ich mich. Und dass wir zusammen in der Ostsee waren.“

Heute ist der Alltag ein anderer: Der Opa kann nicht mehr rennen, bewegt sich anders, hat Schmerzen – aber das Band zwischen Enkelin und Großvater ist stark geblieben, wenn nicht sogar noch stärker. „Wenn Opa schlecht drauf ist, merke ich das. Er versucht, es nicht zu zeigen. Aber ich kenne ihn ja.“

Sichtbare Behinderung

Dass ihr Opa im Sommer kurze Hosen trägt und die Prothese sichtbar ist, stört Emilia nicht. „Ich kenne das ja nicht anders“, sagt sie. Auch am Strand empfindet sie kein Unbehagen. Wenn ihr Opa die Prothese ablegt, trägt sie sie manchmal sogar selbst: „Ich habe nur Angst, dass sie runterfällt. Die ist super teuer.“

Diese Natürlichkeit ist kein Einzelfall. Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche mit körperlichen Einschränkungen in ihrem Umfeld oft unbefangen umgehen – vorausgesetzt, es wird offen über alles gesprochen. Wenn Fragen erlaubt sind, entstehen keine Berührungsängste.

Was bedeutet „Behinderung“ überhaupt?

Auf die Frage, was für sie „Menschen mit Behinderung“ sind, antwortet Emilia ohne Zögern: „Ich denke zuerst immer an Menschen mit geistiger Behinderung, bestimmt weil wir gegenüber einem Heim der Lebenshilfe wohnen und damit aufwachsen.“

Und wie sieht sie Menschen mit körperlichen Einschränkungen, etwa durch fehlende Gliedmaßen? „Wenn ich das von Opa nicht kennen würde, fiele mir das sicher noch viel krasser auf bei anderen. Durch Opas amputiertes Bein ist das für mich nicht so besonders, es bei anderen auch zu sehen. Aber ich bedauere sie etwas, weil sie nicht alles machen können, vor allem bewegungstechnisch. Opa z. B. macht das sehr zu schaffen.“

Amputation: häufig, aber wenig sichtbar

In Deutschland werden jährlich rund 60 000 Amputationen durchgeführt – die meisten betreffen ältere Menschen. Ursachen sind häufig Diabetes, Durchblutungsstörungen oder Unfälle. Trotz moderner Versorgung mit Prothesen bleibt das Thema in der Öffentlichkeit oft unsichtbar.

Dabei sind Prothesen heute hochfunktional und ermöglichen vielen Betroffenen ein weitgehend selbstbestimmtes Leben. Für Familien heißt das: Teilhabe ist möglich – Nähe und gemeinsame Erlebnisse ebenso.

Was Familien hilft – vier Tipps für den Alltag

1. Offen sprechen: Kinder und Jugendliche stellen Fragen. Antworten helfen, Unsicherheiten zu überwinden.

2. Normalität leben: Gemeinsame Unternehmungen, auch mit Prothese, stärken das Wirgefühl.

3. Vorbilder zeigen: Bücher oder Filme mit Menschen mit Behinderung können Berührungsängste abbauen.

4. Emotionen zulassen: Auch Zweifel oder Sorgen dürfen Raum haben – Vertrauen entsteht durch ehrliche Gespräche.

Nähe ist wichtig – ob mit oder ohne Hilfsmittel

Emilia zeigt, wie unbefangen und selbstverständlich ein Leben mit einem amputierten Angehörigen sein kann – wenn Offenheit und Vertrauen den Alltag prägen. Denn echte Verbindung lässt sich nicht am äußeren Erscheinungsbild messen, sondern daran, wie man füreinander da ist.

 

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