Hat jemand einen Unfall erlitten, fällt früher oder später der gut gemeinte Rat: „Am besten, du begibst dich mal in Therapie, um das alles zu verarbeiten und wieder optimistisch zu werden!“ Vielleicht sagt das der Partner/die Partnerin, die immer sich sorgenden Eltern oder Freunde …, egal, eine Psychotherapie scheint häufig der Lichtblick am Horizont, wenn das Umfeld auch nicht mehr zu helfen weiß.
Unfall, Therapien, Papierflut
Egal, welchen Unfall man erlitten hat, neben der medizinischen Versorgung beginnt am Tag null die Bürokratie. Anträge an Kostenträger, Nachweise zum Unfallhergang, Anträge auf Heilmittel, Hilfsmittel oder Pflegeunterstützung und natürlich Gutachten aller Art. Die Wochen vergehen mit Untersuchungen, Therapien, Hoffnungen, Rückschlägen und Papierflut.
Psychische Folgen nach einem Arbeitsunfall
Doch wie geht’s eigentlich dem Patienten? Gibt es körperliche Beeinträchtigungen, die man nie wieder loswird? Kann man wieder arbeiten, oder schafft man schon Kleinigkeiten zu Hause nicht mehr selbstständig? Einfach so akzeptieren, was passiert ist, oder besser gleich kompensieren mit anderen Dingen oder Vorhaben? Jedem, der sich erkundigt, alles erzählen? Oder lieber so tun, als wäre man über den Berg? Oder doch mal eine Psychotherapie angehen? Was ist der richtige Weg?
Herr Torsten Kempka ist Inhaber des Neuropsychologischen Arbeitsunfall- und Wiedereingliederungsinstituts Kempka in Magdeburg und ermöglicht seit 2017 eine (neuro-)psychologische Therapie bei den Versicherten der Berufsgenossenschaft zu Hause. Neben klassischer Verhaltenstherapie, klinischer Hypnosetherapie bei Schmerzen, EMDR-Therapie nach traumatischen Erlebnissen oder therapeutisch begleiteten Arbeitsbelastungserprobungen führt er mit Patienten u. a. auch alltags- und PC-gestütztes kognitives Training durch. In einem Interview konnten wir Herrn Kempka einige Fragen zum Thema Traumabewältigung stellen.
Im Interview Torsten Kempka (Psychologe und Psychotherapeut)
Herr Kempka, Sie haben sich darauf spezialisiert, Menschen nach Unfällen/Arbeitsunfällen mit gezielter (Neuro-)Psychologie beim Wiedereinstieg ins Arbeitsleben oder in den neuen Alltag zu begleiten. Was war Ihre Motivation für dieses konkrete Berufsfeld?
TK: Schon beim Studium haben mich die Bio- und Neuropsychologie fasziniert. Das menschliche Gehirn ist ein unglaublich interessantes Organ. Bücher, die ich zu diesen Themen bekommen konnte, habe ich teilweise verschlungen. Zudem hatte ich als Student einen schweren Fahrradunfall mit Schädel-Hirn-Trauma, wodurch ich selbst ein Betroffener bin. Als ich nach dem Studium der Liebe wegen nach Regensburg zog, konnte ich im „Institut für Rehamanagement (IRM)“ arbeiten. Ca. 80 000 Kilometer pro Jahr fuhr ich zu Patienten nach Hause und konnte sie durch gezielte neuropsychologische Therapien bei der kognitiven und beruflichen Rehabilitation unterstützen.
Merkt man es als Betroffener, dass man ein Trauma hat und therapeutische Unterstützung benötigt?
TK: Ja, denn ein Trauma ist dadurch definiert, dass es traumatische Folgen hat. Bei einem körperlichen Trauma, wie bei einem Schädel-Hirn-Trauma (SHT) z. B., landet man automatisch im Krankenhaus. Bei einem psychischen Trauma, wie als Beteiligter nach der Amokfahrt in Magdeburg oder nach einem schweren Autounfall ohne größeren körperlichen Schaden, ist es schon schwieriger. Man entwickelt starke Angstsymptome, vermeidet die Orte und Situationen und hat oft wiederkehrende Erinnerungen oder Gedanken an den Vorfall. Hier spricht man dann von einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Manche Menschen sehen es immer noch als Schwäche an, sich Hilfe bei Psychotherapeuten zu holen. Aber es ist eine Hilfe zur Selbsthilfe.
Bei welchen Diagnosen sind neuropsychologische Therapien wirksam?
TK: Die neuropsychologische Therapie bezieht sich immer auf das zentrale Nervensystem (also das Gehirn und Rückenmark). Hier geht es i. d. R. um kognitive Fähigkeiten wie die Konzentration, die Aufmerksamkeit, das Gedächtnis oder die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Dies ist wichtig für die Schädel-Hirn-Trauma-Patienten. Auch die Verhaltenstherapie (das Erlernen neuer hilfreicher oder das Ablegen alter ungünstiger Verhaltensmuster) spielt eine große Rolle. Diese wird für die PTBS und andere Angsterkrankungen eingesetzt.
Wenn z. B. die Wörter „Trauma“ oder „PTBS“ fallen, ist das nicht ein Schock für die Betroffenen? Es klingt doch für Nichtmediziner wie austherapiert?
TK: Tatsächlich hört sich das Wort „Trauma“, was wir ja meistens von Kriegsveteranen kennen, erst mal beängstigend an. Es ist jedoch so, dass Angsterkrankungen, unter welche auch die PTBS fällt, zu den am besten zu therapierenden Erkrankungen in der Psychotherapie gehören. Dies setzt aber voraus, dass das Trauma nur einmalig und akzidentell, also unfallbedingt, war.
Ich erlebe es so, dass die „klaren Worte“ das Beste sind für die Patienten. Endlich gibt es eine Erklärung, einen Namen für die Empfindungen, Schmerzen, Ängste.

Kann man allein sein Trauma in den Griff bekommen, z. B. durch Verdrängen?
TK: Die Verdrängung ist im ersten Moment eine natürliche Reaktion auf ein traumatisches Ereignis, und in unserem Alltag machen wir ja auch die Erfahrung, dass einige Probleme sich von „allein“ erledigen. Nur ist das bei einem Trauma oft nicht so. Die Verdrängung und die damit einhergehende Vermeidung geben der Angst den Spielraum, den sie braucht, um sich „auszubreiten“. Wir Psychologen sprechen dann von einer Übergeneralisierung. Das bedeutet, dass sich das Problem auch auf andere Dinge ausweiten kann. Dann haben wir die klassische Angst vor der Angst. Ich habe also das Gefühl, dass ich meiner Angst nicht mehr gewachsen bin und ich mich ihr deshalb nicht mehr stellen könne. Damit kann ich aber nicht die Erfahrung machen, dass ich stärker bin als die Angst, ziehe mich zurück und vermeide weitere Teile meines Lebens (z. B.: viele Menschen à wenige Menschen à Kontakt mit einzelnen Menschen). Und ab dem Zeitpunkt bin nicht mehr ich derjenige, der mein Leben im Griff hat, sondern meine Angst.
Verdrängen ist etwa so, als würde man eine Wunde immer wieder mit Salben o. Ä. äußerlich behandeln, damit sie verschwindet. Eine Therapie, so erkläre ich es gern zu Beginn, kann man sich wie das Ausschaben einer Wunde vorstellen. Es ist schmerzhafter, aber wenn alles „gesäubert“ ist, kann die Wunde bei guter Versorgung heilen.
Selbstständige Ver- bzw. Aufarbeitung kann auch gelingen, das will ich nicht ausschließen, aber meist nur bei einem einmaligen „leichten“ traumatischen Ereignis. Die Resilienz des Betroffenen spielt dabei eine Rolle.
Wie ist der Weg als Patient nach einem Unfall, um zu einer Psychotherapie zu kommen?
TK: Das ist unterschiedlich. Unser Institut arbeitet nur mit den gesetzlichen Unfallversicherungen (Berufsgenossenschaft und Unfallkassen) nach Arbeits- oder Wegeunfällen zusammen, da sich die „BGs“ sehr intensiv um ihre Versicherten kümmern und für deren Versorgung auch ungewöhnliche Wege gehen, wie z. B. die Psychotherapie zu Hause. In diesen Fällen wird also aktiv auf die Patienten zugegangen (z. B. durch Reha-Manager, D-Ärzte oder BG-Kliniken) und Hilfe angeboten. Bei Fällen über die Krankenkasse (also kein Arbeitsunfall) muss man proaktiv werden. Hier sollte man innerhalb der Sprechzeiten in den psychotherapeutischen Praxen anrufen und nach freien Terminen fragen. Man kann sich an Psychotherapeutische Ausbildungsinstitute wenden, da dort angehende Psychotherapeuten unter Supervision Ausbildungsstunden sammeln müssen. In Kliniken gibt es die Möglichkeit für stationäre oder ambulante Therapien, und man kann sich im Notfall unter der 116-117 melden, welche einen bei der Suche nach Plätzen unterstützen kann.
Welche Möglichkeiten gibt es, selbst aktiv mitzuwirken bei einer Therapie?
TK: Dem Therapeuten zu vertrauen, ist eine Grundvoraussetzung, und man sollte bereit sein, sich mit den Bildern des Traumas zu konfrontieren.
In welcher Form werden die Angehörigen, die ja ebenfalls viel durchgemacht haben, mit einbezogen?
TK: In unserem Institut, aber auch bei dem Besuch der Betroffenen im häuslichen Umfeld, trifft man häufig auch die Angehörigen. Frustration und Hilflosigkeit spüren nicht nur die Patienten selbst, sondern auch ihr Umfeld. Aus diesem Grund ist es hilfreich, die Symptomatik zu erklären, um so den Partner/die Partnerin mit einzubeziehen.
Wie sorgen Sie für sich, wenn Ihnen die Katastrophen der Menschen, mit denen sie Tag für Tag zu tun haben, zu nahekommen?
TK: Bisher gelingt es mir sehr gut, nach den Besuchen bei den Patienten, die Themen hinter mir zu lassen. Ablenkung und freudige Erlebnisse generieren mir meine Söhne und meine Frau. Neben meiner Familie sind Hörbücher und der Kampfsport mein Ausgleich.
BF: Herzlichen Dank für Ihre Zeit!

