StartAmputation & ProthetikTraining im Fitnessstudio mit Beinprothese

Training im Fitnessstudio mit Beinprothese

Meine persönliche Sicht als Para-Sportlerin

Für viele ist ein Fitnessstudio einfach ein Ort, an dem man trainiert, schwitzt und den Kopf freibekommt. Ich bin eine davon. Ich bin oberschenkelamputiert und gehe fünfmal pro Woche ins Gym – nicht, weil ich mir etwas beweisen muss, sondern weil es mir guttut. Ich habe kein Pferd mehr zum Reiten und keinen Hund mehr, um Gassi zu gehen. Krafttraining ist mein Ventil geworden und macht mich nicht nur stark, sondern hält mich auch gesund. Abgesehen davon unterstützt es mich in meinem Sport, dem Stand-up-Paddling, besser zu werden. Ich trainiere für mich, für meine Gesundheit und für meine Leistungsfähigkeit – und die sichtbaren Veränderungen am Körper nehme ich gerne als Bonus mit.

Lesetipp: Wenn Sie gerade ins Training mit Prothese einsteigen oder Ihr Sportprogramm strukturieren möchten, finden Sie im Beitrag „Sport mit Prothese – Bewegung beginnt im Kopf“ noch mehr praktische Tipps zu Motivation, Trainingsaufbau und Sicherheit.

Fitnessstudio ist schon lange wichtig

Ich gehe eigentlich schon seit 10 Jahren ins Gym. Zu Coronazeiten war das nicht möglich und dann hatte ich eine Flaute, mich kurzzeitig abgemeldet und nur noch daheim was gemacht. Seit November 2024 gehe ich wieder ins Studio, weil ich mit den Hanteln und Co. nicht mehr ausgelastet war. Ausserdem werden dort unterschiedliche Kurse angeboten – neben Rehasport, Pilates, Yoga, Karate, Kickboxen, Jumping eben auch ein gutes Athletiktraining.

Frau mit Beinprothese im Handstand

Mit Prothese ins Fitnessstudio?

Vor Jahren war ich nicht die Einzige mit Prothese da, im Kampfsport gab es einen Jungen mit Unterschenkelprothese. Er wurde genauso gefordert und gefördert wie die „Fleischbeiner“. Das schreibe ich extra so, weil Zweibeiner unpassend ist. Denn er hat ja zwei Beine. Ansonsten sind da halt einige Brillenträger. Barrierefrei ist das Studio nicht. Der Eingangsbereich ist eben, ein großer Kursraum ebenfalls, und ein zweiter Trainingsraum ist nur über eine Stufe zugänglich, aber der eigentliche Trainingsbereich ist eng gestellt. Für Rollstuhlfahrer wäre das nicht das idealste Umfeld. Eine barrierefreie Toilette oder Einzelduschen gibt es nicht (zwei Einzeltoiletten und einen großen Duschraum). Die Türdurchgänge sind Standard. Der Besitzer (Kampfsportler, Ausbilder und Kampfrichter) sieht Menschen mit Behinderung/-en als Sportler. Fertig. Er erzählt mit einer Selbstverständlichkeit. Kein großes Thema, keine Sonderrolle – sondern Anerkennung von Leistung innerhalb der jeweiligen Möglichkeiten. Es ist, was es ist.

Für manche Übungen braucht es Alternativen

Ich trainiere für mich alleine. Ich habe leider keinen sogenannten „Gym-Buddy“, aber man trifft vor Ort ja meist die, die zur gleichen Uhrzeit an den gleichen Tagen … Ich passe die meisten Übungen für mich selbst an, aber immer so unkompliziert wie möglich. Zum Beispiel Lunges: Biomechanisch sehen die bei mir schlicht anders aus. Ich mache sie trotzdem, und zwar so, dass ich sicher stehe, denn die Ausführung in der Korrektheit, wie ich sie kann, kostet Kraft, und bei zwei fehlenden Gelenken ist das eine wackelige Angelegenheit. Manche Übungen funktionieren, andere nicht so elegant wie bei Menschen mit echten Beinen. Ich habe hohe Ansprüche an mich selbst: Ich möchte, dass eine Bewegung sauber aussieht, rund, kontrolliert, technisch schön. Wenn das nicht gelingt, ärgert mich das manchmal. Kurz. Nicht, weil ich unsicher bin, sondern weil ich zu ehrgeizig bin, um mich am Problem aufzureiben, und lieber schnell eine Lösung finde. Ein Beispiel für Übungen, die ich nicht kann, ist das Up-and-down für die Waden – wenn man auf die Zehenspitzen geht und wieder zurück. Kann ich nicht, geht nur mit einem Bein… Oder Lunges – der sogenannte Ausfallschritt –, es ist egal, ob vorwärts oder rückwärts. Es geht zulasten der vorhandenen Beinseite, also nur wenige Wiederholungen mit Gewichtscheiben und dann eben so sauber wie möglich.

Eine Frau macht Klimmzüge

Was geht mit Prothese – und was nicht?

Im Athletikkurs hat meine Trainerin inzwischen ein gutes Auge dafür, was mit Prothese geht und was nicht. Sie gibt mir Alternativen, die denselben Muskelgruppen etwas abverlangen. Beim HIIT gehen die anderen aufs Laufband, ich halt auf das Ergometer oder Rudergerät. Unkompliziert. Praxistauglich. Funktional. Es braucht nicht zwingend immer Leute mit Spezialausbildung, sondern einfach nur Leute,die Bock haben, was dazuzulernen. Und eigentlich „zwinge“ ich die Leute dazu. Für meinen Sport brauche ich Kraft- und Ausdauer, Bewegungen müssen explosiv sein, stabile Körpermitte etc. Ich hab da keine Muße zu, mir anzuhören, was ich aus Sicht anderer angeblich nicht kann. Ich hab ihr anfangs erzählt, ich mach SuP-Sport und will besser werden, deswegen Athletik. Da war recht schnell klar, ich bin nicht nur dabei, ich mache mit. Im Übrigen hatte ich eine gute SuP-Saison 2025 – ich bin zweifache deutsche Vizemeisterin und einmal Dritte auf den deutschen Meisterschaften geworden. Dieser Erfolg spricht für sich, und den hat sie sich verdient auf ihre Fahnen schreiben können.

Problem? Es gibt immer eine Lösung

Natürlich weiß ich, dass es Menschen gibt, die deutlich größere Hürden haben, was ihre Behinderung angeht. Aber ich habe für mich gelernt: Ich zermartere mir nicht den Kopf, welche Probleme auftreten könnten – wenn eines auftaucht, findet sich meistens eine Lösung. So habe ich es schon immer gemacht. Vielleicht ist es genau diese Haltung, die den Unterschied macht. Ich gehe hin, weil ich trainieren will. Vielleicht strahle ich genug Selbstverständlichkeit aus, sodass mein Gegenüber gar nicht erst auf die Idee kommt, meine Fähigkeiten infrage zu stellen. Am Ende mache ich das, was viele machen: Ins Gym gehen, um stärker zu werden, gesund zu bleiben, den Bonus eines definierten Körpers zu bekommen und meine sportlichen Ziele zu verfolgen. Und genau das zählt – ich mache es für mich.

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