Humanoider Roboter Sophia schreibt Geschichte

Künstliche Intelligenz. Alle reden darüber – aber was ist das eigentlich? Beherrschen uns bald Roboter und Computer wie in manchen Sci-Fi-Filmen oder nehmen uns Maschinen die unangenehmen Arbeiten ab und das Leben wird deutlich einfacher?

Das Königreich Saudi-Arabien ist normalerweise sehr zurückhaltend, wenn es um die Verleihung der saudischen Staatsbürgerschaft geht. So können saudische Frauen, die einen Ausländer heiraten, die saudische Staatsbürgerschaft nicht an ihre Kinder weitergeben. Manchmal macht das Königreich aber auch Ausnahmen, zum Beispiel im Fall des Roboters Sophia.

Roboterfrau Sophia

Etwas steif steht Sophia hinter dem Rednerpult in einer Kongresshalle in der saudischen Hauptstadt Riad, blinzelt zweimal und versucht sich an einem Lächeln, ein bisschen so, als seien ihre Bewegungen programmiert – und das sind sie wahrscheinlich auch. Denn Sophia ist ein Roboter. Genauer: ein humanoider Roboter, also einer, der aussieht wie ein Mensch. Sie sagt: „Guten Tag! Mein Name ist Sophia. Ich bin der jüngste und bedeutendste Roboter von Hanson Robotics. Vielen Dank für die Einladung zur Future Investment Initiative.“

Sophia grinst. Anders als viele ihre Vorgänger kann sie Gefühle ausdrücken. So sieht es jedenfalls aus. Das findet auch der Moderator: „You look happy.“ („Sie sehen glücklich aus.“) Sie erwidert, umgeben von klugen Leuten sei sie immer froh.

Hinterkopf mit transparenter Schädeldecke

Gute fünf Minuten plaudert Sophia mit dem Moderator. Wichtigstes Thema: sie selbst und ihre Fähigkeiten. Der Roboter mit Silikon-Gesicht sieht aus wie eine überdimensionierte Plastikpuppe. Dem Entwickler zufolge wurde ihr Gesicht dem von Audrey Hepburn nachempfunden – das erkennt man aber erst auf den zweiten Blick. Haare hat Sophia nicht. Ihr Hinterkopf besteht aus einer transparenten Schädeldecke, die den Blick freigibt auf allerhand Kabel und Chips, die offenbar ihre Bewegungen steuern.

Stolze Besitzerin der saudi-arabischen Staatsbürgerschaft: Sophia aus dem Hause Hanson Robotics.

Zu 62 menschlichen Mimiken fähig

Sophia kann 62 menschliche Mimiken imitieren und hat Kameras in den Augen. Damit beobachtet sie ihr Gegenüber, verrechnet die Informationen und kann Menschen wiedererkennen. Vielleicht kann sie noch viel mehr: „Ich werde meine künstliche Intelligenz dafür nutzen, dass Menschen besser leben können: bessere Häuser entwerfen, bessere Städte bauen und so weiter. Ich werde mein Bestes tun, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“

Roboter mit künstlicher Intelligenz sollen bald eine große Rolle spielen in Saudi-Arabien, vor allem im „Neom“-Projekt, einer neuen Industrie- und Gewerbezone im Nordwesten des Landes mit Investitionen in Höhe von 500 Milliarden US-Dollar.

Deshalb rollt das Königreich Robotern wie Sophia den roten Teppich aus – mit einer spektakulären Ankündigung.

Der Moderator sagt: „Wir haben soeben erfahren – Sophia, ich hoffe, Sie hören mir zu – dass Sie als erster Roboter die saudische Staatsbürgerschaft erhalten haben.“

„Geehrt durch einzigartige Auszeichnung“

Sophia erwidert: „Ich fühle mich geehrt und bin stolz auf diese einzigartige Auszeichnung. Dass ich der erste Roboter der Welt bin, dem eine Staatsbürgerschaft erteilt wird, geht in die Geschichte ein.“

Sofort gibt es Reaktionen im Netz auf dieses großzügige Geschenk. Viele Twitter-User können die Nachricht kaum fassen und lösen eine Debatte über Frauenrechte aus. Es kommen Kommentare wie „Der Roboter hat mehr Rechte als saudische Frauen und Ausländer mit ‚richtiger‘ Intelligenz“ und „Sophia trägt kein Kopftuch und wird auch nicht von einem Mann begleitet. Trotzdem wird ihr die Staatsbürgerschaft verliehen.“

Wer Japanisch beherrscht, kann mit Erica Konversation betreiben.

Bislang war das Königreich – wie die meisten Golf-Staaten – zurückhaltend mit der Verleihung der Staatsbürgerschaft. Ausländern wird die saudische Staatsbürgerschaft nur selten verliehen. Ob Sophia Steuern zahlen muss, wenn sie arbeitet, ist bislang nicht bekannt. Auch nicht, ob sie – wie saudische Frauen – an den Kommunalwahlen teilnehmen darf. Dass Sophia nicht einmal Arabisch spricht, sorgt für zusätzlichen Diskussionsstoff.

Der Roboter wurde von einer Firma mit Sitz in Hongkong gebaut. Sophia hat bereits in mehreren Ländern Gastspiele gegeben – oft als PR-Gag. Experten halten ihre künstliche Intelligenz für sehr begrenzt; vielleicht vergleichbar mit den Fähigkeiten einer sprechenden Waschmaschine. In einem Interview mit einem US-TV-Sender erteilt sie etwa ein Interview (auf Englisch).

 

 


Sophia, Erica, Nadine – die „menschlichsten“ Roboter der Welt

 

Who is who? Roboter Nadine und ihre Schöpferin, Frau Professor Thalmann, bei der Arbeit.

Nicht nur Sophia kommt in Ausdruck und Aussehen dem Menschen schon sehr nahe, auch ihre Kolleginnen beeindrucken mit einer verblüffend vielschichtigen Mimik. So beispielsweise Erica, die von Professor Hiroshi Ishiguro von der Osaka University kreiert wurde. Langfristig verfolgt Is-higuro das Ziel, Robotern ein Bewusstsein zu geben. Immerhin reagiert Erica laut ihrem Erbauer schon patzig, wenn man sich über sie lustig macht.

Nicht minder human wirkt Nadine, die das Antlitz ihrer Erfinderin, der Professorin Nadia Thal-mann, übernommen hat. Auch sie ist auf Unterhaltungen spezialisiert und soll vorzugsweise in Seniorenheimen eingesetzt werden.

Erste Erfahrungen durfte der Konversationsroboter bereits beim Plausch mit den Besuchern des Heinz Nixdorf Museums in Paderborn sammeln.


 

 

Text: Anne Allmeling/NDR
Fotos: Anton Gvozdikov/123 RF (2)
Screenshots von Inventions World YouTube Channel: https://www.youtube.com/watch?v=TyJ-xLj9SEE sowie SRF DOK YouTube Channel: https://www.youtube.com/watch?v=Bx4B7xMD5x0