Mobilität ist ein fundamentales Grundbedürfnis aller Menschen. Die Gestaltung des öffentlichen Raums entscheidet maßgeblich darüber, wer am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Die Verbesserung dieser Teilhabe – insbesondere für mobilitätseingeschränkte Personen – ist heute ein anerkanntes und zentrales gesellschaftspolitisches Ziel. So fordert beispielsweise das deutsche Personenbeförderungsgesetz (PBefG § 3 Abs. 3) eine vollständige Barrierefreiheit im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Das Unternehmen PROFILBETON aus Borken (Hessen) widmet sich genau dieser anspruchsvollen Aufgabe mit dem Leitbild: einfach – sicher – barrierefrei.

Barrierefreiheit im Alltag: ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft
Barrierefreie Verkehrswege sind keineswegs nur für Menschen mit dauerhaften körperlichen Beeinträchtigungen gedacht. Die Anforderungen der Verkehrsteilnehmer im öffentlichen Raum sind enorm vielfältig:
- Senioren, die eine sichere Trittfläche benötigen,
- Eltern mit Kinderwagen und kleinen Kindern,
- Reisende mit schwerem Gepäck oder Einkaufstaschen.
Alle diese Gruppen profitieren unmittelbar von barrierefreien Ein- und Ausstiegen an Bus- sowie Bahnhaltestellen und von sicheren Übergängen an Fahrbahnen.
Das Fundament: zertifizierte Spitzenprodukte und Patente
PROFILBETON setzt auf hochpräzise, zertifizierte Beton-Infrastrukturlösungen, die mit hochwertigem Dyckerhoff WEISS hergestellt werden. Sie stellen inzwischen einen wichtigen Teil moderner Verkehrsplanung dar:
- Kasseler Sonderbord® & Kasseler Sonderbord® plus: Diese außergewöhnlichen Buskapsteine sind das globale Aushängeschild des Unternehmens. Bis dato (September 2026) wurden weltweit bereits über 2,2 Millionen Einheiten verbaut. Sie ermöglichen Bussen ein dichtes, reibungsloses und reifenschonendes Heranfahren an die Haltestelle für einen niveaugleichen Einstieg.
- Kasseler Querungsbord®-System (KQB): Zusammen mit dem Kasseler Sonderbord® zertifiziert, stellt dieses System eine nahtlose Verbindung zwischen Geh- und Radwegen sowie den Fahrbahnen her.
- Kasseler RGT® (Rad-Gehweg-Trennstein): Dieser patentierte Trennstein ist in Europa zu einem unverzichtbaren Baustein der barrierefreien Mobilitätskette geworden, indem er Rad- und Fußgängerbereiche spürbar und sicher voneinander abgrenzt.
- Bodenindikatoren (BOI): Taktile Leitsysteme und Orientierungshilfen geben sehbehinderten und blinden Menschen im öffentlichen Raum die nötige Orientierung. Die klar strukturierten, fühlbaren Elemente sind exakt auf die spezifischen Bedürfnisse der Verkehrsteilnehmer abgestimmt.
Ein hessisches Unternehmen macht die Welt ein Stück barrierefreier
Was in der Waberner Straße in Borken (Hessen) entwickelt wird, sorgt heute auf der ganzen Welt für sichere Verkehrswege. Die taktilen Orientierungshilfen und Leitsysteme von PROFILBETON sind weit über die europäischen Grenzen hinaus im Einsatz und verhelfen Menschen bis nach Südafrika und Neuseeland zu sicherer und selbstbestimmter Mobilität.
Im Interview: Carsten Hasch / Geschäftsführer der PROFILBETON GmbH
Carsten Hasch ist seit mehr als 25 Jahren im Familienunternehmen PROFILBETON tätig. Für den gelernten Bauzeichner und Planer ist Barrierefreiheit weit mehr als ein berufliches Thema – sie ist eine persönliche Überzeugung.
Durch sein Engagement im Blindensport steht er im direkten Austausch mit sehbehinderten und mobilitätseingeschränkten Menschen. Diese Erfahrungen verbindet er mit seiner technischen Expertise und bringt sie als Fachreferent, Gastdozent und Berater in den Dialog mit Hochschulen, Behörden, Verkehrsbetrieben und Behindertenverbänden ein. Sein Ziel: Barrierefreiheit so zu gestalten, dass sie nicht nur Normen erfüllt, sondern Menschen im Alltag tatsächlich mehr Selbstständigkeit und Teilhabe ermöglicht.
BF: Ihr Vater hat die Profilsteine entwickelt, die heute maßgeblich zur barrierefreien Gestaltung des öffentlichen Raums beitragen. Wie entstand damals überhaupt die Idee – und wie lange dauerte es, bis daraus die ausgereifte Lösung wurde, die heute nach DIN eingesetzt wird?
CH: Die Entwicklung unserer Profilsteine ist eng mit dem Neubau der ICE-Strecke und dem Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe verbunden. Damals stand die Kasseler Verkehrs-Gesellschaft vor der Aufgabe, ankommende Fahrgäste möglichst barrierefrei mit Bus und Straßenbahn weiterzubefördern. Eine zentrale Herausforderung war dabei, Busse möglichst nah und zugleich sicher an die Haltestellenkante heranzuführen. Der Spalt zwischen Bustür und Bordstein sollte so klein wie möglich sein, ohne die Reifen zu beschädigen.
Genau hier setzte die Entwicklung meines Vaters an. In zahlreichen praktischen Fahrversuchen wurde untersucht, welche Geometrie ein Bordstein braucht, damit der Bus dicht und reifenschonend anfahren kann. Daraus entstand ein spezieller Radius, der später zur wesentlichen Grundlage des Kasseler Sonderbordes® wurde.
Dabei zeigte sich ein weiterer Vorteil: Die besondere Profilierung führt den Bus beim Anfahren entlang der Bordsteinkante und ermöglicht eine sehr präzise Positionierung. Gleichzeitig sorgt die Konstruktion für eine hohe Stabilität im eingebauten Zustand. So entstand aus einer konkreten Aufgabe in Kassel Schritt für Schritt ein System, das kontinuierlich weiterentwickelt wurde und heute einen wichtigen Beitrag zur barrierefreien Gestaltung von Haltestellen leistet.
BF: War für Sie schon früh klar, dass Sie einmal in das Familienunternehmen einsteigen und das Lebenswerk Ihres Vaters weiterführen würden? Oder gab es auch Pläne, einen ganz anderen Weg einzuschlagen?
CH: Für mich war tatsächlich schon früh klar, dass der Kasseler Sonderbord® und die dahinterstehende Idee eine große Zukunft in der barrierefreien Gestaltung des öffentlichen Verkehrsraums haben würden. Ebenso selbstverständlich war für mich der Gedanke, dass PROFILBETON unser Familienunternehmen ist und das Lebenswerk meines Vaters in der nächsten Generation weitergeführt und weiterentwickelt werden sollte.
Meine Motivation geht dabei aber weit über die unternehmerische Verantwortung hinaus. Durch die enge Zusammenarbeit mit blinden und sehbehinderten Menschen, Rollstuhlfahrenden und anderen mobilitätseingeschränkten Personen ist Barrierefreiheit für mich zu einem ganz persönlichen Anliegen geworden. Es geht nicht nur darum, technische Produkte zu entwickeln oder Normen zu erfüllen, sondern um selbstbestimmte Mobilität und gesellschaftliche Teilhabe.
Gerade im direkten Austausch mit den Betroffenen wird deutlich, dass oft kleine Details darüber entscheiden, ob Menschen selbstständig mobil sein können oder nicht. Genau diese Verbindung aus Familienunternehmen, technischer Entwicklung und gesellschaftlicher Verantwortung macht meine Arbeit bis heute so spannend. Das Lebenswerk meines Vaters fortzuführen, bedeutet für mich deshalb nicht, Bewährtes einfach nur zu erhalten. Es bedeutet, seine Idee weiterzuentwickeln. So sind in enger Zusammenarbeit mit den Nutzergruppen auch eigene, patentierte Lösungen entstanden, darunter das Kasseler Querungsbord®-System mit der Kasseler Schuppenplatte® und der Kasseler Rad-Gehweg-Trennstein®.
BF: Mal ganz ehrlich: Können Sie überhaupt noch durch eine Stadt gehen, ohne automatisch auf Bordsteine, Querungen und Pflaster zu achten?
CH: Lacht. Das ist tatsächlich schwierig. Wenn man sich über so viele Jahre intensiv mit barrierefreier Mobilität beschäftigt, entwickelt man automatisch einen besonderen Blick auf den öffentlichen Raum. Egal, wo ich unterwegs bin – beruflich oder privat –, mein Blick wandert fast zwangsläufig zu Haltestellen, Bordsteinkanten und Querungen. Wie ist der Einstieg gestaltet? Wie konsequent wurde Barrierefreiheit umgesetzt? Ganz abschalten lässt sich der berufliche Blick also nicht mehr.
Umso schöner ist es, wenn man im Urlaub plötzlich auf „unsere“ Bordsteine trifft. Das macht mich schon stolz. Wenn man Tausende Kilometer von Kassel entfernt – etwa in Südafrika, Neuseeland, Israel oder anderen europäischen Ländern – Lösungen entdeckt, deren Ursprung in unserem Familienunternehmen liegt, ist das immer ein besonderer Moment.
Spannend ist auch, wie sich solche Konzepte international weiterentwickeln. Aktuell arbeiten wir zum Beispiel mit einem neuen Partner in Pakistan zusammen, wo ein BRT-System entsteht, bei dem unsere Lösungen zum Einsatz kommen. Die Grundlage dafür liegt wiederum in unserer langjährigen Zusammenarbeit mit der Stadt Kapstadt in Südafrika. Daran sieht man sehr schön, wie international das Thema barrierefreie Mobilität inzwischen geworden ist.
Und offenbar ist dieser Blick ansteckend: Selbst Freunde schicken mir aus dem Urlaub Fotos von Haltestellen mit unseren Bordsteinen und fragen scherzhaft: „Kennst du die schon – oder hat da jemand dein Patent verletzt?“ Lacht. Unser „Profilbeton-Virus“ hat also längst auch mein Umfeld erreicht. Insofern lautet die Antwort ganz klar: Nein, ich kann nicht mehr unbefangen durch eine Stadt gehen – aber ich bin damit inzwischen offenbar nicht mehr allein.
BF: Wenn Sie einmal nicht an Profilbeton, Normen oder Barrierefreiheit denken – womit verbringen Sie am liebsten Ihre Freizeit? Was begeistert Sie persönlich?
CH: Ganz klar: An erster Stelle steht für mich die Familie. Das Wertvollste, was man sich gegenseitig schenken kann, ist gemeinsame Zeit – und die verbringen wir besonders gerne auf Reisen. Natürlich darf dabei auch unser Hund nicht fehlen. Ein Land hat es uns besonders angetan: Norwegen. Wir sind dort seit vielen Jahren unterwegs, mit dem Schiff und besonders gerne mit dem Wohnmobil. Gerade solche Reisen sind für mich die beste Möglichkeit, Abstand vom beruflichen Alltag zu gewinnen: spontan sein, die Natur genießen und gemeinsam neue Orte entdecken.
Überhaupt fasziniert mich das Reisen sehr. Dabei geht es mir weniger darum, möglichst viele Länder zu sehen, sondern vielmehr um Landschaften, Natur, Menschen und Kulturen. Ob Norwegen, Südafrika, Neuseeland oder die USA – jedes Land hat seinen eigenen Charakter.
Wobei ich zugeben muss: Ganz ohne Blick auf die eine oder andere Bushaltestelle geht es selbst im Urlaub natürlich nicht. Lacht.
Wenn wir nicht unterwegs sind, begeistern mich Musik und Live-Veranstaltungen. Wir gehen gerne auf Konzerte oder auch mal zu einem guten Comedyabend. Für mich sind Familie, Freunde, Reisen, Natur und Musik der perfekte Ausgleich zum Berufsalltag – denn am Ende sind es die gemeinsamen Erlebnisse, die bleiben.
BF: Wie stellen Sie sich den öffentlichen Raum in zehn oder zwanzig Jahren vor? Welche Rolle wird Barrierefreiheit dabei spielen und welche Entwicklungen wünschen Sie sich?
Meine Vorstellung ist eigentlich ganz einfach: Ich wünsche mir einen öffentlichen Raum, in dem sich alle Menschen – unabhängig von einer Mobilitätseinschränkung – möglichst selbstständig und ohne fremde Hilfe bewegen können. Barrierefreiheit sollte dann nichts Besonderes mehr sein, sondern eine Selbstverständlichkeit.
Bis dahin liegt allerdings noch einiges an Arbeit vor uns. Eine große Herausforderung sind die vielen unterschiedlichen Lösungen. Bund, Länder, Kommunen und letztlich auch die europäische Ebene sollten sich stärker auf gemeinsame Standards verständigen. Gerade für blinde und sehbehinderte Menschen ist Wiedererkennbarkeit entscheidend. Bodenindikatoren, Querungsstellen oder Haltestellen sollten nach verlässlichen Prinzipien gestaltet sein, auf die man sich überall verlassen kann.
Genauso wichtig ist für mich, die betroffenen Menschen frühzeitig in die Planung einzubeziehen. Barrierefreiheit beginnt nicht erst auf der Baustelle, sondern lange vorher am Schreibtisch. Deshalb sollten wir nicht nur für die Betroffenen planen, sondern mit ihnen. Ihre Erfahrungen aus dem Alltag können durch keine rein theoretische Betrachtung ersetzt werden.
Ich blicke trotzdem sehr positiv in die Zukunft. Das Bewusstsein für Barrierefreiheit ist deutlich gewachsen, und die Bedürfnisse mobilitätseingeschränkter Menschen werden stärker wahrgenommen.
Vielleicht wäre für mich der größte Erfolg, wenn wir in zehn oder zwanzig Jahren gar nicht mehr so intensiv über Barrierefreiheit sprechen müssten – weil sie bei der Gestaltung unseres öffentlichen Raums längst selbstverständlich geworden ist.






