StartAmputation & Prothetik„Mach doch Paralympics!“

„Mach doch Paralympics!“

Zwischen Schubladendenken und echtem Spitzensport

„Du hast doch eine Behinderung – warum machst du nicht bei den Paralympics mit?“ Ein Satz, den viele Menschen mit sichtbaren Beeinträchtigungen schon einmal gehört haben. Dahinter steckt oft der Gedanke, dass der Weg in den Spitzensport für sie einfacher sei. Weniger Konkurrenz, mehr Chancen, schneller ganz oben. Doch wer einmal hinter die Kulissen schaut, merkt schnell: So einfach ist es nicht.

Meine Teilnahme bei den Paralympics

Ich selbst weiß das inzwischen ziemlich genau. 2024 hat mich mein Taekwondo-Trainer César Valentim erstmals gefragt, ob ich mir eine Teilnahme an den Paralympics vorstellen könnte. Ich habe laut gelacht. Ich war sportlich, ja – ich habe als Kind Fußball gespielt, in der Kreisliga gekickt, und trainiere, wenn’s gut läuft, zweimal pro Woche. Aber Spitzensport? Ich? Unvorstellbar.

Der Weg zum Para-Taekwondo

Doch César meinte es ernst. Der „Trick“, wenn man es so nennen will: In Deutschland gibt es aktuell keine andere Athletin mit meiner Behinderung – einer fehlenden rechten Hand –, die im Para-Taekwondo auf hohem Niveau antritt. „Du hast gute Chancen, wenn du hart trainierst“, sagte er. Und genau da liegt der entscheidende Punkt: hart trainieren. Denn selbst wenn in manchen Nischensportarten der Einstieg in die Kaderlisten einfacher scheint, bedeutet das nicht, dass die Leistungen weniger wert sind.

Junge Frau in Taekwondo-Schutzausrüstung lächelt in die Kamera.

Und was hat das mit Segeln zu tun?

Das Missverständnis, dass Behinderung automatisch gleichzusetzen sei mit „leichterem Zugang“ zum Spitzensport, ist weitverbreitet. Vor ein paar Jahren wurde ich sogar einmal zur inklusiven Segel-Weltmeisterschaft eingeladen – ohne jemals zuvor auf einem Segelboot gestanden zu haben. Das zeigt, wie schnell man in kleinen Feldern an die Spitze „gerückt“ wird. Und manchmal eben auch nur fürs Marketing – das muss man selbst abwägen. Aber es zeigt auch, wie verzerrt die Wahrnehmung ist: Der Schritt von einer Einladung bis hin zu einer Medaille ist tatsächlich gigantisch.

Bessere Chancen ist kleineren Disziplinen

Gerade bei den Paralympischen Spielen ist das Leistungsniveau extrem hoch. Viele Athleten trainieren auf Weltklasseniveau – oft mehrmals täglich, über Jahre hinweg. Körperliche Fitness allein reicht nicht. Man fängt im Kindesalter an, es geht um Technik, Strategie, mentale Stärke und absolute Disziplin. Das tägliche Training ist brutal anstrengend, und auch für mich, die erst am Anfang steht, ist es bereits eine enorme Herausforderung. Natürlich gibt es Unterschiede zum Breitensport wie Fußball oder Leichtathletik, wo Tausende Talente um wenige Plätze kämpfen. Kleinere Disziplinen und gerade der Behindertensport sind weniger bekannt, es gibt oft weniger Teilnehmer, also de facto schlichtweg weniger Konkurrenz. Das kann Türen öffnen, aber es bedeutet nicht, dass es „leicht“ wäre, sie auch zu durchschreiten.

Mein großes Ziel: 2028 in Los Angeles

Vier Taekwondo-Sportler posieren mit erhobenen Fäusten für die Kamera.

Wenn alles klappt, könnte ich 2028 in Los Angeles starten. Das klingt groß – und ist gleichzeitig noch unendlich weit weg. Ob ich es tatsächlich dorthin schaffe, weiß ich nicht. Was ich aber schon jetzt weiß: Die Vorstellung, dass man als Mensch mit Behinderung „einfach so“ bei den Paralympics landen kann, ist eine Illusion. Dahinter steckt harte Arbeit, eiserne Disziplin und oft auch Verzicht. Die Paralympics sind kein Hobbywettbewerb, sondern Spitzensport auf höchstem Niveau. Wer das unterschätzt, wird dem, was die Athleten leisten, nicht gerecht.

Mehr Einblicke in meinen Weg zum Para-Taekwondo gibt’s auch in der ARD-Doku:
ARD-Mediathek – Weibsbilder: Greta, das Bionic-Model
Oder auf Instagram: gretamariq

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