Um Menschen weltweit in ihrer Mobilität und Bewegungsfreiheit zu unterstützen, braucht es ausgereifte Technik – und kontinuierliche Weiterentwicklung. Der Prothesenhersteller Össur verfügt über eine der weltweit größten Patentsammlungen im Bereich Mobilität und ist zugleich der größte Patentinhaber Islands. Wir wollen Ihnen einige der verwendeten Technologien genauer vorstellen
#1 – magnetorheologische Kniegelenktechnologie
Össur setzt auf die Magnetorheologie im Bereich bionische Beinprothetik. Magnetorheologisch gesteuerte Kniegelenke reagieren extrem schnell auf Bewegungsänderungen. Dadurch entsteht ein Gangbild, das der natürlichen Bewegung sehr nahekommt. Diese Technologie wird unter anderem in den Kniegelenken Navii®, Rheo Knee® und Rheo Knee® XC eingesetzt.
Einen Erfahrungsbericht über das Navii® finden Sie hier: Das Leben ist ein Abenteuer – mit dem Navii von Össur.
Wo liegt der Unterschied zu hydraulischen mikroprozessorgesteuerten Kniegelenken?
Hydraulische mikroprozessorgesteuerte Kniegelenke regulieren ihren Widerstand über Ventile, die den Ölfluss steuern. Der dabei entstehende Widerstand bleibt unabhängig von der aktuellen Belastung stets konstant.
Die magnetorheologische Technik dagegen funktioniert nach einem anderen Prinzip: Im Gelenkkopf befinden sich viele feine Metallscheiben, die abwechselnd mit der inneren Achse und dem äußeren Gehäuse verbunden sind. Zwischen ihnen befindet sich ein Fluid aus Öl und mikroskopisch kleinen Metallpartikeln. Wird durch Sensorsignale ein Magnetfeld erzeugt, richten sich diese Partikel aus und verändern unmittelbar die Konsistenz des Fluids. Je stärker das Magnetfeld ist, desto zäher das Fluid. Durch diese Flexibilität entsteht in Echtzeit genau der Widerstand, der für die jeweilige Bewegung erforderlich ist.

Sensorik übernimmt wichtige Aufgabe
Mehrere integrierte Sensoren erfassen fortlaufend relevante Bewegungsparameter, darunter:
- Gelenkwinkel
- Belastung
- räumliche Lage
- Beschleunigung
Auf dieser Basis erkennt das Kniegelenk verschiedene Aktivitäten wie Radfahren, Treppensteigen oder Bergabgehen und passt sich automatisch an die jeweilige Situation an.
Kompakte Bauweise mit hoher Wirkung
Hydraulische Kniegelenke besitzen neben der Kniegelenkachse zwei weitere Achsen, an denen die Hydraulik befestigt ist. Magnetorheologische Modelle sind hingegen mit nur einer Achse konstruiert. Das ermöglicht eine deutlich kompaktere Bauform, bietet besseren Schutz vor Schmutz und Witterungseinflüssen und reduziert potenzielle Störanfälligkeit.
Diese Technologie ermöglicht unter anderem:
- eine nahezu widerstandsfreie Schwungphase
- fein abgestuften Widerstand
- sehr präzise Anpassung an unterschiedliche Bewegungen
- gute aktive Steuerbarkeit durch die nutzende Person
- Beugewiderstand unter Belastung auch über 90 Grad hinaus
Für manche Prothesentragende kann der variabel reagierende Widerstand jedoch zunächst ungewohnt sein. Hydraulische Systeme bieten einen gleichmäßigen Widerstand, der von einigen Nutzenden bevorzugt wird.
#2 – Preload-Technologie im Prothesenfuß

Ebenfalls sehr innovativ ist die sogenannte Preload-Technologie. Sie kommt aktuell im Prothesenfuß Pro-Flex® Terra zum Einsatz. Dabei wird die obere Carbonfeder bereits vorkomprimiert eingebaut. Durch diese Vorkomprimierung entsteht eine Vorspannung zwischen der oberen und der mittleren Feder. Die Preload-Technologie wird bisher in keinem anderen Prothesenfuß verwendet.
Durch diese definierte Vorspannung entsteht ein energetisches Grundpolster. Der Fuß kann bereits beim Abrollen unmittelbar reagieren. Die erhöhte Energiespeicherung führt zu einer stärkeren Energierückgabe und damit zu einem natürlicheren und dynamischeren Gangbild. Unterstützt wird dieser Effekt zusätzlich durch den beweglichen Kontaktpunkt der oberen Feder.
Für den Alltag bedeutet das: geringerer Kraftaufwand bei jedem Schritt, ein flüssigeres Abrollen und eine spürbare aktive Unterstützung bei alltäglichen Bewegungen.
Mehr über den Prothesenfuß lesen Sie auch in unserem Artikel Pro-Flex® Terra: Begleitet Dich in Deinem Leben überallhin.
#3 – atmungsaktiver AeroFit-Liner

Der AeroFit-Liner von Össur ist ab Mai 2026 auf dem deutschen Markt für Oberschenkelamputierte erhältlich. Er basiert auf einer 3D-gedruckten Wabenstruktur anstelle von durchgehendem Material oder nachträglich eingebrachten Öffnungen. Dadurch entsteht ein aktives Feuchtigkeitsmanagement, das über reine Belüftung hinausgeht.
Funktionsweise des Feuchtigkeitsmanagements
Obwohl der Liner über eine Seal-In-Dichtlippe verfügt und damit luftdicht abschließen muss, ermöglicht sein Aufbau dennoch Luftzirkulation. Unterhalb der Dichtlippe sorgt geschlossenes Silikon für sicheren Halt. Oberhalb übernehmen atmungsaktive Zonen den gezielten Abtransport von Feuchtigkeit nach außen.
Zum Einsatz kommen drei aufeinander abgestimmte Schichten:
- eine fein perforierte Innenlage, wobei sensible Bereiche an der Innenseite der Oberschenkel ausgespart sind
- eine Mesh-Schicht, die Feuchtigkeit nach außen leitet und beim Gehen eine natürliche Pumpwirkung erzeugt
- eine atmungsaktive Außenlage, die Feuchtigkeit aufnimmt
Damit die abgeführte Feuchtigkeit nicht im Schaft verbleibt, werden sogenannte Vents eingesetzt. Dabei handelt es sich um kleine, netzartig strukturierte Öffnungen im Prothesenschaft, über die Feuchtigkeit entweichen kann.
Die Wirksamkeit des AeroFit-Systems wurde übrigens im Rahmen einer groß angelegten Studie in den USA untersucht und bestätigt.


