Der erste halbwegs klare Gedanke unmittelbar nach dem Unfall galt Michaels kleinem Sohn. Louis war damals 4 Jahre alt und für ihn, das wusste Michael sofort, muss er sich anstrengen, muss er das überstehen.
Ein Arbeitsunfall mit schwerwiegenden Folgen
Michael war als Vorarbeiter u. a. für eine Sandstrahlanlage zuständig. Gerade als er eine Überprüfung der Rückförderanlage mit Förderbändern vornahm, das ging bei der Retro-Maschine nur bei laufendem Betrieb, lief ihm eine Ratte über den linken Arm. Vor Schreck zog er den Arm weg und geriet damit in die Anlage. Kein Notschalter, kein Handynetz, kein Mensch in der Nähe, und der Arm wurde immer weiter reingezogen.
Heute erinnert er sich nicht mehr daran, wie er den Arm wieder rausbekommen hat, doch sieht Michael immer noch seinen komplett gehäuteten Arm und eine riesige Blutlache vor sich. Kurz vorm Umfallen kroch er aus dem niedrigen Keller, immer den Gedanken an Louis, „der braucht doch seinen Papa“, er durfte nicht aufgeben.
Sohn Louis wird zum wichtigsten Motivator
Schon während der Zeit im Koma wurde er mehrfach operiert. Erst wurde Kunsthaut auf den Arm aufgebracht, dann wurde Haut vom Oberschenkel transplantiert. Die linke Hand und das Gelenk waren zerquetscht worden, Muskeln abgerissen und alle Nerven verletzt. Michaels Arm würde ab nun an zwar beweglich sein, ab Handgelenk jedoch versteift.
Einmal durfte Louis seinen Papa auf der ITS besuchen, das war der schönste Tag während der Wochen in den Kliniken, und Michael wusste wieder, wofür er kämpft.

Die anschließende Reha war sehr mühselig, und die Belastungserprobung unter Anwendung einer Orthese brachte nur Schmerzen und Enttäuschungen. Plötzlich selbst nicht mehr Auto fahren zu können, war ein weiterer Tiefschlag. Wie gut, dass Michael die regelmäßigen Zeiten mit seinem Sohn hat, denn das motivierte ihn von Anfang an zum Weitermachen, will er doch immer für seinen Sohn da sein.
Eine Fahrschule eröffnet neue Perspektiven
Während der Belastungserprobung standen auch Fahrstunden auf dem Programm. Die Fahrtüchtigkeit musste getestet und wiederhergestellt werden. Als ein großes Glück empfindet es Michael, dass er damals zu einer Fahrschule in Wernigerode/Harz kam, denn hier traf er auf Leute mit Empathie und Verständnis. Das hatte er an seiner Arbeitsstelle bisher sehr vermisst. Eine Idee des Fahrlehrers, ob Michael nicht selbst Verkehrspädagoge werden will, war wie eine Tür, die sich auftat. Die zuständige Berufsgenossenschaft Holz und Metall unterstützte Michael von Anfang an und nun auch bei der Umschulung zum Verkehrspädagogen.
Gutachten zum Grad der Behinderung
Anstelle der schmerzenden Orthese schmückt jetzt ein Tattoo-Sleeve-Ärmel den linken Arm bis zum Handgelenk. Michaels Freundin hat ihn gleich mit verschiedenen Motiven versorgt. Die Hand selbst ist in einer Stellung „fest“, die Finger sind nicht beweglich. Die Gutachter der BG sind zur Einschätzung gelangt, dass ein Grad der Behinderung von 55 % vorliegt.
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Neuanfang als angehender Verkehrspädagoge
Im August jährt sich der Unfalltag zum zweiten Mal, und inzwischen drückt Michael die Schulbank, ackert sich durch die Gesetzlichkeiten des Verkehrsrechts und übt selbst weiterhin das Fahren mit seiner Beeinträchtigung.
Viele Fragezeichen im Kopf, wie es weitergehen wird, begleiten ihn noch immer, aber seit der Traumatherapie, die über die BG angestoßen wurde, geht es Stück für Stück besser. Manchmal sind es Kleinigkeiten, z. B. verursacht ihm ein Fließband an der Kasse am Supermarkt ein mulmiges Gefühl. Es sind so viele Bewegungen im Alltag, wo man doch beide Hände benötigt. Immer jemanden um Hilfe bitten zu müssen, das fällt nicht leicht.
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Familie, Freunde und Teamgeist geben Halt
Besonders auch bei der Renovierung seines Hauses fehlt im häufig die „zweite Hand“. Wie gut, dass er Freunde und Familie hat, die helfen. Inzwischen ein Teil des Teams von „Tim’s Fahrschule“ in seinem Wohnort Halberstadt zu sein, fühlt sich auch wie Familie an, sagt Michael. Kinder sind zum Glück sehr unbefangen im Umgang mit Beeinträchtigungen. Mit strahlenden Augen erklärt mir Michael, dass sein großer Motivator Louis, er ist jetzt 6 Jahre alt, beim Spielen oder Toben darauf achtet, dass Papa nichts an seinen „schlimmen Arm“ bekommt.


