StartAmputation & ProthetikFrüher war alles besser …

Früher war alles besser …

Ein Erfahrungsbericht von unserer Redakteurin Kathy über das Leben mit Beinprothese

… nicht unbedingt, aber anders. Ich bin seit 1979 amputiert und habe bis in dieses Jahrzehnt schon vielerlei Prothesengelenke „gelaufen“. Ja, so nenne ich das, und es fühlt sich korrekt an. Auch wenn man ja einen Unterschied zwischen Laufen und Gehen macht. Für mich bedeutet es aber, dass ich diverse Prothesengelenke nicht zum Testen hatte, sondern in Dauernutzung.

Mir fehlt mehr als die Hälfte meines Oberschenkels. Für Außenstehende, also Laien oder für wen auch immer, bin ich überraschend häufig unterschenkelamputiert. Wenn man dann darauf hinweist, dass es „oberschenkelamputiert“ heißt, gab es auch schon mal sanfte Widerworte – crazy, dass mir als Prothesenträgerin die nötige Kompetenz, die eigene Amputationshöhe besser beurteilen zu können, aberkannt wird und ich mir letztlich kleinlich vorkomme! Da erkläre ich dann wiederum: Wenn auch der Oberschenkel fehlen würde (was für mein Gegenüber eben oberschenkelamputiert bedeutet), wäre ich „hüftex“ … das geht dann vielen zu weit, was das Begreifen angeht, und man glaubt mir dann doch. Kompetenz wiederhergestellt.

Blau bekommt man nicht so

„Hä? Stell dich doch da hin, da ist doch ein Behindertenparkplatz!“ Ja, korrekt, aber ich darf da nicht parken. Das versteht irgendwie keiner. Ich auch nicht. Mir fehlt ein Bein, also kein ganzes, aber schon nicht wenig. Mein GdB beträgt 70 und G. Ein Bein oder optisch dreiviertel davon, finde ich jetzt verlustmäßig nicht wenig, aber für den Blauen Parkausweis ist es das. In den Statuten für den Antrag wird gefragt, ob man eine Strecke von mehr als 100 m zurücklegen kann. Ja, kann ich. An Tagen, an denen ich es nicht kann, zählt das nicht.

Weder in der Schwangerschaft noch in den ersten Monaten nach der Geburt gab es für mich eine Interimslösung. Keine befristete Ausnahme. Keine Chance. „Wo kämen wir denn hin, wenn jeder sagte, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.“ (Zitat: Kurt Marti)

Das Zitat plädiert dafür, Veränderungen zu wagen, anstatt aus Bequemlichkeit oder Angst alles beim Alten zu belassen.

Es braucht deutschlandweit die gleichen Gesetze

Seit zwei Jahren habe ich den Gelben. Der Gelbe Parkausweis hat zwar nur in Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern seine Gültigkeit, aber immerhin habe ich dadurch ein paar Parkerleichterungen. Es gibt das gute Stück auch in Orange – der gilt dann deutschlandweit. Anscheinend bin ich nicht in der ganzen Republik gleich behindert. Grob gesagt darf ich das Gleiche wie mit Orange, aber eben nur in drei Bundesländern. In den restlichen 13 habe ich keine gesonderten Parkrechte.

Insgesamt habe ich es zweimal versucht, einen Blauen zu beantragen. Ein abbes Bein ist kein tragendes Argument. Ein Telefongespräch mit der zuständigen Institution gab mir letzten Endes das Gefühl, dass ich mir Vorteile ergaunern würde, und ein Gauner wollte ich nicht sein: „Es gibt Menschen, die sind weitaus schlimmer dran als Sie.“ Das stimmt und von den beiden, die eben das Telefonat geführt haben, bin ich es nicht.

Im Übrigen habe ich seit 1979 einen Schwerbehindertenausweis. Seinerzeit mit GdB von 70 mit Merkzeichen aG, B und H. Zudem war der Ausweis immer nur 5 Jahre gültig. Noch im Teenageralter habe ich darauf verzichtet. Die zusätzlichen Buchstaben waren mir egal. Ich fand es total dumm, immer wieder belegen zu müssen, dass das Bein nicht nachwächst, und ehrlich gesagt ist der Allgemeinzustand maximal gleichbleibend und wird dennoch eher schlechter mit den Jahren. 1996 hab ich ihn mir wieder ausstellen lassen, auch wegen des Führerscheins. Geblieben sind 70 und G. Und seit 2012 ist er nunmehr auch unbefristet.

  • Merkzeichen aG: außergewöhnliche Gehbehinderung

Das Merkzeichen aG hingegen erhalten nur Menschen, die mobilitätsbezogene Teilhabebeeinträchtigungen haben und sich aufgrund ihrer Behinderung ausschließlich mit fremder Hilfe – wie beispielsweise einem Rollstuhl – oder unter äußerster Anstrengung außerhalb ihres Kraftfahrzeuges bewegen können. Das trifft auf Menschen mit Querschnittslähmung, Doppeloberschenkelamputationen und Hüftexartikulationen zu. Des Weiteren für einseitig oberschenkelamputierte Menschen, die dauerhaft außerstande sind, eine Beinprothese zu tragen, oder nur eine Beckenkorbprothese tragen können und bei denen gleichzeitig Unterschenkel oder der Arm amputiert sind. Das Merkzeichen aG gilt auch für Menschen, die aufgrund der Schwere ihrer Erkrankung dem genannten Personenkreis gleichzusetzen sind, wie zum Beispiel schwerste Herz- oder Lungenerkrankungen.

  • Merkzeichen G: erhebliche Gehbehinderung

Wer im Straßenverkehr eine erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit hat und nur eingeschränkt unter erheblichen Gefahren bis zu 2 Kilometer gehen kann, bekommt das Merkzeichen G.

  • Merkzeichen B: Begleitperson

Menschen mit schwer eingeschränkter Mobilität, die für die gefahrlose Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln regelmäßig auf Hilfe angewiesen sind, erlangen zusätzlich das Merkzeichen B.

  • Merkzeichen H: Hilflosigkeit

Bei Kindern und Jugendlichen erfolgt die Feststellung des Grades der Behinderung und der Merkzeichen anhand der gleichen Maßstäbe wie bei Erwachsenen. Zu beachten ist, dass dem Merkzeichen H „Hilflosigkeit“ neben den regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen auch die Anleitung zu diesen Verrichtungen und die Förderung der körperlichen und geistigen Entwicklung sowie die notwendige Betreuung der Hilfeleistungen zugerechnet wird.

Führerschein: zwischen Förderung und Vorschriften

Ich hatte aber auch Vorteile bei der Erlangung des Führerscheins und eines Pkws und des behindertengerechten Umbaus. Voraussetzung hierfür war eine Festanstellung, also berufstätig zu sein. Das war ich seinerzeit und bin es bis heute. Um die Fahrerlaubnis zu bekommen, beziehungsweise um mich überhaupt erst einmal in einer Fahrschule anmelden zu können, musste ich zum Medizinischen Dienst. Dabei kam heraus, dass mir ein Bein fehlt und meine kognitiven Fähigkeiten deswegen nicht eingeschränkt sind, aber die fehlende Tatsache mich verpflichtet, ausschließlich Automatik mit Linksgas – selbstverständlich mit umgebauter Pedalerie – zu fahren. „Linksgas“ – das wurde auch in meinem Führerschein vermerkt. Hinzu kam noch die Verpflichtung, alle fünf Jahre ein augenärztliches Gutachten abgeben zu müssen. Ich habe links eine Hornhautverkrümmung (das war mir bekannt). Ohne Behinderung hätte es keine angeordneten Untersuchungen beim Medizinischen Dienst gegeben und ich wäre einfach zum Augenoptiker gegangen, Sehtest gemacht, Hornhautverkrümmung festgestellt … seis drum – ich mache es ja! Alle fünf Jahre gehe ich zum Augenarzt, lasse für mittlerweile 80 Euro ein Gutachten erstellen, schicke es – termingerecht, selbstständig, ohne Aufforderung – zum Straßenverkehrsamt, damit mir die Fahrerlaubnis nicht „unverzüglich“ entzogen wird. Denn damit wurde mir gedroht, weil nur ein einziges Mal vier Wochen VOR Abgabefrist noch nichts eingegangen war. Anmerkung: Die „Sehkraft“ auf dem linken Auge hat sich seit der ersten Untersuchung und Begutachtung nicht verändert. Ja, das rechte Auge fängt jetzt altersbedingt an, aber alles noch mehr als im grünen Bereich – beim Autofahren keine Brille nötig.

Was früher möglich war

Vom Sportunterricht in der Schule war ich notentechnisch befreit – ich durfte aber mitmachen, wenn ich wollte. Zu meiner Zeit hatten wir alle zwei Wochen im Wechsel Schwimmunterricht. Da habe ich immer mitgemacht! Schwimmen fand ich damals schon spitze. Und darin war ich auch richtig gut, aber es wurde ja leider nicht bewertet. In meiner Freizeit war ich eine Zeit lang im Turnverein und habe beim Trampolinturnen mitgemacht. Diese großen Dinger. Das hat echt Spaß gemacht. Die einzige betitelte Übung, die im Kopf geblieben ist, ist die „L7“ … Salto, Grätsche, Hocke, Salto etc. … Hey, das habe ich alles gekonnt, bis ich mir beim Aufbau das rechte Handgelenk gebrochen habe. Beim Aufklappen der Seitenteile hatte eine Mitturnerin einfach losgelassen, und meine Hand klappte um – mit dem Erfolg eines doppelten Handgelenkbruchs.

Beim Ballett war ich auch. Nicht auf den großen Bühnen dieser Welt, aber mit 9 war die Turnhalle groß genug! Bei den Aufwärmübungen und dem allgemeinen Rumgehopse konnte ich noch gut mitmachen, aber dann begann die Tanzerei auf dem Vorfußballen, und da verlor ich das Interesse, weil das halt nicht so funktionierte und mein Herz auch nicht so für den Tanzsport brannte.

Einfach machen – kann nur gut werden

Vier Momente mit Pferden: freilaufendes Pferd, Dressurprüfung auf Reitplatz, Kathy auf Pferd nach Siegerehrung, Kathy und ihr Pferd.

Mit 12 Jahren begann ich mit dem Reiten. Privat. Ich habe in einem Stall geholfen zu misten, die Pferde zu versorgen und zu putzen, und dafür durfte ich reiten. Der Besitzer war damals echt ’ne coole Socke. Ich hatte null Ahnung und habe mir keine Gedanken darüber gemacht, ob etwas funktionieren könnte oder nicht. Ich habe einfach gemacht. Ich habe nie an mir gezweifelt. Der Stallbesitzer auch nicht. Das Erste, was er sagte: „Auf der Prothesenseite kannst du ja den Absatz nicht runterdrücken, dann sind die Knie nicht auf gleicher Höhe … lass mal den rechten Steigbügel ein, zwei Loch länger machen.“ Das haben wir dann gemacht, und ich bekam meine erste Reitstunde auf „Gordon“, dem Fuchs. Mit den Folgejahren und nach einem Umzug von Baden-Württemberg ins Saarland ritt ich eine Zeit lang in einem Reitverein auf Schulpferden. Da machte ich den Reiterpass (FN) – den gibt es so gar nicht mehr. Die drei Grundgangarten, Springen in der Halle und im Gelände. Bestanden.

Chance, Talent und Toastbrot im Kopf

Highlight: Ich weiß nicht mehr genau, wie das zustande kam, aber damals gab es in Saarbrücken jährlich eine Pferdemesse, und da bin ich immer hin und durch die Hallen gewandert. In der einen Halle war ein Stand vom DKThR (Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten), und da gab es nette Gespräche. Dadurch bin ich wiederum an ein einjähriges Stipendium gelangt über das DKThR und durfte ein Jahr lang ein Military-Pferd – also ein Pferd, das nicht mehr aktiv im Turniersport ist – im Einzelunterricht reiten. Wöchentlich bin ich zum Unterricht gefahren worden, aber nicht von meinen Eltern, sondern von Menschen, die das organisiert hatten. Wenn die nicht konnten, konnte ich jedoch nicht reiten. Das Pferd stand bei Zweibrücken. Ein riesiger Wallach, dunkelbraun und 1,75 m. Mann, war das ein Schiff. Dennoch gebe ich seufzend zu: Leider war ich selbst nicht so hinterher, was im Nachhinein – da ist man bekanntlich immer klüger – sehr töricht war. Talentfrei war ich nicht, und wer weiß: Wenn ich mehr Eigenengagement aufgebracht und mehr Verständnis oder wenigstens (!) Zuspruch von daheim bekommen hätte, wäre ich vielleicht eine Para-Dressurreiterin geworden. Hätte, hätte, Fahrradkette. Es gilt zwar nicht zu meiner Verteidigung, aber ich war Teenager, und da ist im Kopf manchmal mehr Toastbrot als logische Denke.

Es bestand dennoch Kontakt zum DKThR, und trotz Toastbrot-Verstand und mangelnder Eigeninitiative, weil ich das Reiten schon sehr liebte, bekam ich die Chance zum Vorstellungsgespräch und zeitgleich Vorreiten beim Urvater für Therapeutisches Reiten: „Pfarrer Gottfried von Dietze“. Ich wurde vom Lebensgefährten meiner Mutter nach Hessen auf den Vogelsberg gefahren, dort war der Stall von Herrn Gottfried von Dietze. Dort sollte – nein, durfte – ich dann vorreiten … das lief wirklich gut! Ich hinterließ Eindruck, denn er schlug mir vor, einen individuellen Sattel anfertigen zu lassen und eine Ausbildung zur Pferdewirtin zu machen! Ich war hin und weg! Auf der Heimfahrt platzte ich vor Stolz! Mann, war ich aufgeregt. Ich hatte alles im Griff: Schule fertig, Abschluss in der Tasche, Ausbildungsplatz. Ist das nicht großartig?

Der Satz, der sich festgesetzt hat

Das war es … bis der Lebensgefährte meiner Mutter sagte: „Auch wenn er dir einen Ausbildungsplatz als Pferdewirtin anbietet, was ist danach? Wer stellt denn jemanden wie dich ein? Was bringt dir die Ausbildung, wenn du danach keinen Job findest?“ In meinem Kopf übersetzte ich: „Du lernst dann in einem behinderten Stall, und ein nicht behinderter Stall mit Nichtbehinderten stellt dich nicht ein.“

„Du bist behindert“ war in goldenen Lettern in mein Hirn gemeißelt, und obgleich diese Aussage über drei Jahrzehnte auf dem Buckel hat, sitzt sie dort immer noch lesbar. Damals wie heute war mir schon klar, dass ich eine Behinderung habe, ich fühlte mich nur nie „anders“ deswegen – ich hatte eine Prothese und die anderen halt nicht. So what? Auf einmal war da ein Problem, von dem ich nichts wusste. Eine Einschränkung, die ich nie gefühlt hatte. Eine Grenze, die ich nie gesetzt hatte. Ich bekam das erste Mal Zweifel. Und dann die Erkenntnis: „Ich bin behindert, wer sollte mich schon einstellen?“

Ich lehnte die Ausbildung ab.

Werkstatt? Nein danke

Kathy arbeitet konzentriert an einem geplotteten Schriftzug und entfernt per Hand überschüssige Folie vom Trägermaterial.

Es hat gedauert, bis ich realisierte, dass ER sich etwas nicht vorstellen konnte und ich es deswegen in seinen Augen nicht konnte. Eventuell schwang seinerseits auch Sorge mit. Fürsorge. Das hatte ich nie hinterfragt. Also ging ich weiter zur Schule für einen höheren Abschluss, und ich besuchte die Berufsberatung vom Arbeitsamt. Hier wollte man mich in einer Werkstatt unterbringen. In einer Behindertenwerkstatt. Ich musste dort ein Praktikum machen, mal reinschnuppern, und fühlte mich da nicht richtig. Die anderen Teilnehmer waren nett und die hauptamtlich Angestellten auch, aber in mir wehrte sich alles. Es war nicht das Gefühl „etwas Besseres“ zu sein; dieser Gedanke: Ich bin doch nur … also extremitätenmäßig … mir fehlt doch nur ein Bein! Da wollten Institutionen darüber entscheiden, wo ich eingesetzt werde.

Somit fing es an, dass ich, wenn man mich fragte, nicht mehr antwortete, ich sei behindert, sondern: „Ich habe eine Behinderung, aber mir fehlt nur ein Bein!“ Es war anstrengend, fühlte sich nie richtig an, und somit machte ich aus meiner Behinderung „ein Handicap“. Klang auch viel moderner, und außerdem fehlt mir ja nur ein Bein, denn andere sind viel schlimmer dran als ich. Und auch für die anderen war es viel korrekter, oder? Behindert ist ja kein schönes Wort. Hmhm. Wider die Vernunft 😉 bewarb ich mich bei der SDV – Saarbrücker Druckerei und Verlag – und startete eine Ausbildung als Schriftsetzerin.

Eine abwechslungsreiche Tätigkeit mit Stehen, Gehen, Sitzen. Auf die Zukunft gesehen behindertengerecht.

Reiten, Verlust und erneute Abwertung

Der Liebe wegen zog ich nach Schleswig-Holstein. Hier bin ich übrigens von Anbeginn auf Islandpferden geritten und hatte ein Pflegepferd namens Rökkvi und durfte an Turnieren (wie schon im Saarland mit Flekka, einem Schulpferd) oder an Reitkursen teilnehmen. Es dauerte nicht lange, bis ich endlich ein eigenes Islandpferd hatte. Als ich ihn kennenlernte (1996), war ich 21 und er 2 Jahre. Im Dezember 2023 musste ich ihn mit 29 Jahren einschläfern lassen – da war ich 48. Sein Tod hinterließ tiefen Schmerz, denn mein Pferd war mein Gefährte, mein Partner in Crime, mein Lehrer, mein Ein und Alles. Und auf einmal war da nichts mehr außer dieser Leere.

Nach ein paar Monaten spürte ich den Drang, wieder zu reiten, und im nahegelegenen Reitstall (meine Tochter ritt dort schon zwei Jahre) ergab ein Gespräch: „Ja, das ist kein Problem. Da nehme ich dich an die Longe und dann gucken wir mal, werden wohl ein paar Reitstunden. Ich gehe davon aus, dass dies und jenes mit Prothese halt nicht funktioniert, und die Hände werden wohl unruhig sein.“ Es war also egal, was ich von meinem Pferd erzählte, dass ich bei der FN den Reiterpass gemacht hatte, dass ich das Islandpferde-Reitabzeichen und Wanderreit-Abzeichen gemacht hatte, dass ich jahrelang erfolgreich Turniere geritten bin (im Feld der Nichtbehinderten) etc. Dem Anschein nach hatte ich meinem Gegenüber „was vom Pferd erzählt“. Aussagen wie: „Das ist schon toll, wie DIE das bei Paralympics machen mit dem Reiten … gut, das ist jetzt keine S-Dressur und nichts Anspruchsvolles, aber schon toll.“ Und belächelt: „Islandpferde sind keine richtigen Pferde. Auf Islandpferden? Das ist kein richtiges Reiten.“ Alles bestimmt nie böse gemeint und mit Sicherheit in liebevoller Anerkennung. Fazit: Um nach dem Verlust meines Pferdes weiterhin der Reiterei nachzugehen, hätte ich von vorne anfangen müssen, und ich sah mich vor meinem inneren Auge Woche um Woche an der Longe im Kreis. Generell ist das zur Überprüfung, ob die Aussagen und das Können übereinstimmen, völlig legitim, aber man sprach es mir generell ab, dass ich es kann, wie man es eben können sollte. Ich war zu stolz. Ich wollte mich nicht in der Form beweisen müssen.

Ich reite nicht mehr.

„Du kannst froh sein, dass ich dir überhaupt einen Job gegeben habe“

Blick aus einem Gewächshaus in den frühen Morgenstunden, während die aufgehende Sonne warmes Licht durch die Glasfront strahlen lässt.

2022 wollte ich meinen Beruf als Schriftsetzerin (heißt seit 1996 Mediengestalterin) nicht mehr ausüben. Ich kündigte aus einer Festanstellung heraus und fing bei einer Gärtnerei an. Im Vorfeld war alles besprochen, volle Akzeptanz und Verständnis, was meine Prothese anging, und dass ich nur 25 Stunden die Woche arbeiten kann, wegen schulpflichtiger Tochter … Eigentlich hätte ich bis zum Neustart vier Wochen freigehabt, aber ich wollte auch glänzen in meiner neuen Aufgabe und ging zum Einarbeiten für zwei Wochen in die Gärtnerei. In der ganzen Zeit, die ich dort arbeitete, machte ich Woche für Woche bis zu sechs Stunden mehr, als der Arbeitsvertrag es vorsah. Es ist ja viel zu tun und man will ja was wegschaffen. Dann kam nach zwei Wochen: „Du arbeitest zu wenig, du musst auch samstags.“ (Anmerkung von mir: stand nicht im Vertrag.) Und dann auf einmal, nach drei Monaten, gab es ein fieses Gespräch. Eines dieser Sorte, wo man denkt: „Das passiert gerade nicht wirklich.“ Eines der „Das-kann-man-sich-nicht-ausdenken“-Art.

Ich sollte in die Werkstatt kommen, und da sagte der Chef mir: „Du arbeitest zu wenig, die anderen kloppen hier 60–70 Stunden und du hühnerst hier rum, und dass du samstags nicht arbeitest, geht mal gar nicht … und was soll die Ausrede mit dem Kind? Dazu gibt es wohl einen Vater, der kann auch mal aufpassen.“ Ich widersprach, erläuterte, er sei häufig auf Dienstreisen, bedeute, dass er nicht daheim sei, deutschlandweit unterwegs, ergo nicht daheim. Mutig sagte ich und leicht kopfschüttelnd konsterniert: „Wie stellen Sie sich das vor? Und warum gab es vor der Einstellung ein Gespräch und Ihrerseits das Verständnis für meine Behinderung? Was haben Sie denn erwartet? Ich habe einen Vertrag über 25 Stunden/Woche und arbeite wenigstens 30, und zudem ersetzt die Prothese nicht mein fehlendes Bein, sie ist da anstatt meines echten Beines. Ich bin nicht die 6-Millionen-Dollar-Frau, noch Terminator, geschweige denn funktioniert das wie Go-go-Gadgeto-Bein! Nur weil ich eine dem Anschein nach Hightechprothese habe, kann ich nicht 24/7 auf den Beinen sein.“

Und dann kam, was ich mir NICHT vorstellen konnte. Er stand vor mir, glücklicherweise gut anderthalb, zwei Meter Abstand, und hob die Hand gegen mich … und dann kam er, dieser eine Satz: „Komm mir nicht so! Du kannst froh sein, dass ich dir überhaupt einen Job gegeben habe!“ Völlig verdutzt sagte ich: „Ich hatte einen Job und war auf Ihren nicht angewiesen.“ Es war ein Kündigungsgespräch, und er kündigte mich in einem Rahmen, der es ihm ermöglichte, und freute sich über seinen Coup: „Rein rechtlich kannst du mir gar nichts!“ Ich arbeite seither wieder in meinem erlernten Beruf.

Die Barriere ist nicht immer das Problem

Es ist nicht leicht mit der Inklusion in Deutschland. Denn auch als vormals Vollzeitbeschäftigte musste ich mir anhören: „Warum bekommst du 5 Tage Extraurlaub? Das ist nicht fair. Du hast ja nicht mehr Erholung verdient als ich.“

Es hat sich vieles verändert seit 1979. Klar, ich war auch ein My jünger als heute, und dennoch gab es deutlich weniger Einschränkungen. Oder Beschränkungen? Ich spreche nicht von Barrierefreiheit. Oftmals sind es die Mitmenschen, Einzelpersonen, Institutionen, die einen immer wieder daran erinnern, dass man eine Behinderung hat. Man könnte ja auf dumme Ideen kommen und sein Leben einfach hinnehmen, wie es ist, und das Beste rausholen, bevor es zu Ende geht. Ich selbst hatte jahrelang nie Zweifel an mir oder meinem Können – dass ich etwas nicht kann oder weniger wertvoll bin –, diesen Samen haben andere gesät.

Fußball im Gras aus der eigenen Perspektive fotografiert, mit Sportschuhen und Beinprothese kurz vor dem Anstoß.

Merke: Wenn irgendjemand sein Unkraut (Zweifel) in deinem Garten (Kopf) entsorgt und das Wurzeln schlägt – regelmäßig jäten und keinesfalls gießen.

Was man sich anhören muss(te)

„Aaaach, mach dir nix draus … / Ich hab ja nichts gegen Behinderte, aber … / Kannst du das überhaupt? / Der Onkel von meinem Vater hat ’nen Schwager und dessen Tante ihr Bruder hat auch ‚so was‘, und der läuft viel besser als du … / Der Schaft ist gut, es liegt an dir … / Da gibt’s doch bestimmt irgendwas, könnt ihr euch nicht irgendwie selbst organisieren? / Sei doch nicht so ehrgeizig, ist doch toll, dass du mitmachen darfst.“ Ein geringer Bruchteil dessen, was ich mir anhören muss. Ungefiltert und gern unter dem Deckmantel, es bitte nicht falsch zu verstehen. „Dann sag‘s halt richtig, damit man es nicht falsch versteht!“ … hätte ich mal öfter sagen sollen.

Je älter ich werde, je lauter der Schrei nach Inklusion, desto krasser die Sprüche von der anderen Seite. Und ich verstehe es nicht. Teilweise sind Übergriffigkeit und Taktlosigkeit kaum mehr zu überbieten. Das Recht, das sich Leute rausnehmen, dass ich doch erzählen MÜSSE, denn „schließlich wollt ihr doch immer Inklusion“. Als ob das Recht und auch der Wunsch eines jeden Menschen, am Leben und allem, was dazugehört, teilzunehmen, anderen wiederum das Recht einräumt, so maßlos unverschämt zu sein. Ich weiß nicht, wie ich es in Worte fassen soll. Meine Behinderung ist kein Freibrief, die Neugierde anderer zu stillen. Oder?

Verzerrte Wahrnehmung

Trägt die irritierende Berichterstattung aus TV-Formaten/-Sendungen dazu bei, dass es so ist? Wenn ein Para-Athlet im Fernsehen alles zum Besten gibt und seinen Sport darstellt, zeigt, wie eine Lauffeder funktioniert, wie schnell er damit rennen kann … und dem Herbert (nicht behindert) vor der Mattscheibe suggeriert wird: „Ah, easy – so funktioniert das, läuft alles und gar kein Problem, Carbon regelt. Mit der nötigen Disziplin und einem motivierenden ‚Reiß dich mal zusammen‘ kannst du alles erreichen. Liegt also an Bärbel selbst, dass es bei ihr nicht funktioniert.“ Das stimmt halt einfach nicht!

Blick nach unten auf nackte Füße neben einem SUP-Board im Gras.

Para-Athleten trainieren nicht weniger hart als nicht behinderte Athleten. Eine hochwertige mikroprozessorgesteuerte Prothese macht nichts alleine. Der Anwender setzt sie in Bewegung. Er setzt um, was plietsche Leute sich haben einfallen lassen. Das bezieht sich ausschließlich darauf, was ein vorhandenes Bein könnte. Nicht in vollem Umfang, versteht sich. Es ist keine künstliche Intelligenz, kein selbstständiges System.

Jeder Anwender ist ein Individuum, und jeder verarbeitet, heilt und kommt anders klar mit dem, was da halt nicht mehr ist.

Bürokratie statt Lösung

Mit Sicherheit gibt es viele tolle Einrichtungen und Vereine, die bislang viel erreicht haben und/oder ermöglichen – keine Frage. Und dennoch ist Inklusion in Deutschland lähmende Bürokratie. Alles ist verschnürt in DIN-Normen, Anträgen und monatelanger Warterei. Ich denke mir dann immer: „Fragt doch die Menschen, die es betrifft, setzt Fachleute an die Stellen, die wichtige Entscheidungen treffen müssen, die Ahnung davon haben. Die, die selbst betroffen sind. Die selbst von Barrierefreiheit abhängig sind. Warum sind abgesenkte Bordsteinkanten inklusive Niederflurbussen nicht Standard? Warum dürfen Sportvereine nicht in Zusammenarbeit mit ihren von Rollstuhlrampen abhängigen Mitgliedern eine Rampe bauen? Ja, schon klar, die Sicherheitsaspekte, die DIN-Norm und Standards, schon klar, aber wissen nicht die Rollstuhlfahrer am besten Bescheid? Warum Rolltreppen mit Stufen? Es gibt doch auch welche als Band. Ja, schon klar, die brauchen mehr Platz, damit der Winkel nicht so steil ist … Warum müssen behinderte Toilettennutzer sich eine Toilette teilen – warum gibt es keine für behinderte Männer und eine für behinderte Frauen? Oder einfacher wäre: Warum gibt es keine Toiletten für alle? Also ohne Mann/Frau-Symbol? Warum sind nicht überall taktile Streifen auf dem Boden? Warum sind die Fahrstühle an Bahnhöfen häufig außer Betrieb? Ich habe Fragen.

Von all den genannten Themen hat die ganze Gesellschaft was. Wenn sie Standard wären und keine Besonderheit. Der sogenannte Curb-Cut-Effekt. Es ist egal, ob Rollstuhl, Beinprothese, vorübergehend an Unterarmgehstützen, Rollator, Kinderwagen … Es wird jeden treffen, egal ob vorübergehend oder altersbedingt (schlechter sehen, hören, gehen).

Nicht alles ist machbar – aber vieles längst überfällig

Ich bin mir darüber im Klaren, dass Umbauten manchmal einfach nicht machbar sind. (Denkmalgeschützte Gebäude, historische Stätten, die nur in Teilen oder kaum barrierefrei zugänglich sind.) Ich kann mir vorstellen, dass eine geschichtsträchtige Altstadt mit Kopfsteinpflaster für Rollstuhlfahrer ein Endgegner ist. Ich vermute das mal.

Es liegt mir fern, Unmut zu stiften. Was ich damit sagen möchte: Inklusion ist kein Ritter in glänzender Rüstung. Inklusion bedeutet so viel mehr, aber ich glaube, die Bezeichnung verdeckt, was es bedeutet im eigentlichen Sinne: Selbstverständlichkeit.

Selbstverständlichkeit bedeutet, dass Vielfalt nicht extra mitgedacht werden muss, sondern die Grundlage allen Handelns ist. Menschen werden nicht als Abweichung betrachtet, sondern als Teil der Realität. Daraus entsteht ein Perspektivenwechsel: weg vom Defizitblick und hin zum realistischen Blick auf unterschiedliche Lebensweisen. Barrierefreiheit ist kein Zusatz, keine soziale Geste und keine Pflichtaufgabe, sondern logische Konsequenz. Gebäude, Arbeitsplätze und Systeme werden so gestaltet, dass sie für möglichst viele Menschen funktionieren – automatisch, nicht auf Aufforderung. Diese Haltung entsteht nicht durch Regeln, sondern durch Bewusstsein, Erfahrung und echtes Verstehen.

Erst wenn klar wird, dass es jeden betreffen kann, wird aus „man sollte“ ein „so macht man das“. Dann verschwindet das Denken in Sonderfällen – und es entsteht eine Gesellschaft, in der Teilhabe normal ist.

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