StartAktiv im RolliInklusionsaktivistin Evi Gerhard

Inklusionsaktivistin Evi Gerhard

Ein Interview über nötige Anpassungen im Gesundheitssystem

Wir haben mit Evi Gerhard gesprochen: Einer Inklusionsaktivistin aus Würzburg, die sich seit Jahren für mehr Barrierefreiheit und Teilhabe einsetzt. Sie ist auf einen E-Rollstuhl angewiesen und bringt ihre Perspektive sowohl in ihrer Arbeit in der Jugendbildungsstätte Unterfranken als auch in ihrem Aktivismus ein. Was die 51-Jährige antreibt und was sie sonst noch so macht, erfahrt ihr im Interview.

Frau Gerhard, Sie sind Inklusionsaktivistin und haben kürzlich eine Petition zur Barrierefreiheit im Gesundheitswesen gestartet – was war der Auslöser dafür?

Der Auslöser war tatsächlich meine eigene Erfahrung. Ich habe am eigenen Leib erlebt, was fehlende Barrierefreiheit im Gesundheitswesen bedeutet. Während einer Vorsorgeuntersuchung wurde bei mir eine schwere Erkrankung festgestellt. Schon die Vorsorge selbst war extrem aufwendig, weil geeignete Geräte gefehlt haben, die auch für Menschen im Rollstuhl nutzbar sind. Das Personal war zeitweise kurz davor, die Untersuchung abzubrechen. Nur durch meinen eigenen Mut und meine Durchsetzungsfähigkeit wurde sie überhaupt weitergeführt. Auch die anschließende Behandlung war von zahlreichen Herausforderungen geprägt, die es ohne meine Behinderung so nicht gegeben hätte.

Welche konkreten Barrieren erleben Sie im Gesundheitssystem?

Dass viele Arztpraxen keinen Aufzug oder keinen barrierefreien Zugang haben, ist inzwischen vielen Menschen bewusst. Die größeren Hürden liegen aus meiner Sicht aber oft an anderer Stelle. Ein zentrales Problem ist das fehlende Wissen vom medizinischen Personal – sowohl im Umgang mit Menschen mit Behinderung als auch in Bezug auf notwendige Hilfsmittel.

Wer ist denn genau mit „medizinischem Personal“ gemeint?

Damit meine ich ganz verschiedene Berufsgruppen – also Pflegekräfte, Ärzte, medizinische Fachangestellte, Physiotherapeuten und viele weitere. Die Liste ist tatsächlich ziemlich lang. Wichtig ist mir aber zu betonen, dass das nicht an mangelndem Engagement der Einzelnen liegt, sondern daran, dass das Thema Behinderung in Ausbildung und Studium bislang viel zu wenig Raum einnimmt. Wenn angehende Fachkräfte kaum lernen, wie sie mit Menschen mit Behinderung arbeiten oder welche Hilfsmittel es gibt, dann ist es wenig überraschend, dass im Alltag Unsicherheiten entstehen. Genau da muss sich dringend etwas ändern, damit sich ALLE wohlfühlen.

Haben Sie ein Beispiel für solche Wissenslücken im System?

Ich habe zum Beispiel schon erlebt, dass ich meinen eigenen Lifter mit ins Krankenhaus bringen musste und den Pflegekräften erst erklären sollte, wie er funktioniert. Dazu kommen nicht barrierefreie Untersuchungsgeräte, die bestimmte Diagnosen von vornherein erschweren oder unmöglich machen. Und oft wird bei gesundheitlichen Problemen zunächst automatisch die Behinderung als Ursache angenommen, ohne genauer hinzuschauen.

Gibt es noch weitere Beispiele?

Was ich auch immer wieder erlebe: Ich werde nicht direkt angesprochen oder ernst genommen. Statt mit mir zu sprechen, wird dann meine Begleitung nach meinen Bedürfnissen gefragt – völlig unlogisch, oder? Das sind Situationen, die für mich alltäglich sind – und die zeigen, dass es nicht nur um bauliche Barrieren geht, sondern auch um Barrieren in den Köpfen. Diese Erfahrungen haben mir sehr deutlich gezeigt, wie dringend sich etwas ändern muss. Solche Situationen würde ich mir selbst und anderen gern in Zukunft ersparen.

Und was tun Sie, um an der derzeitigen Situation was zu ändern?

Ich setze mich auf ganz unterschiedliche Weise für Inklusion, Barrierefreiheit und die Teilhabe von Menschen mit Behinderung ein – jeden Tag. Das kann zum Beispiel ein Workshop sein, etwa im Rahmen des Katholikentags, bei dem ich über diese Themen aufkläre. Oder ich teste Lokalitäten und Veranstaltungsorte darauf, wie barrierefrei sie wirklich sind, und mache dies öffentlich.

Ich bin auch auf Instagram aktiv – unter dem Account aktiv.mit.rolli. Dort nehme ich meine Follower in meinem Alltag mit und zeige ganz konkret, wie es ist, mit einer Behinderung zu leben. Mir ist es wichtig, durch Einblicke in meinen Alltag Sichtbarkeit zu schaffen für Barrieren, die Menschen ohne Behinderung sonst nicht wahrnehmen.

Vor zwei Jahren habe ich außerdem eine Rede auf einer Demonstration in Würzburg gehalten. Solche Momente sind mir wichtig, weil man dort Sichtbarkeit schaffen und Menschen direkt erreichen kann.

Zum Abschluss des Interviews noch eine letzte Frage: Wie würden Sie Ihren Aktivismus in einem Satz zusammenfassen?

Meine Erfahrungen im Alltag und vor allem im Gesundheitswesen haben mir gezeigt: Barrieren kosten Leben – und deshalb sollte JEDER mithelfen, sie einzureißen.

Vielen Dank für Ihre Perspektive und viel Erfolg bei Ihrer Petition.

Hier gehts zum Link der Petition: https://innn.it/arzt

Evi Gerhards Instagram Account: aktiv.mit.rolli

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