StartAmputation & ProthetikGRETA – Life without Limitations

GRETA – Life without Limitations

Steckbrief

Name: Greta Niewiadomski
Alter: 19 Jahre
Beruf: Studentin/Psychologie
Handicap: Dysmelie rechte Hand

Liebe Greta, während unseres Interviews warst du in Bayern, später in Italien unterwegs. Reisen und Neues zu entdecken, scheint eine Leidenschaft von dir zu sein?

So ist es. Ich liebe es, unterwegs zu sein, meinen Horizont zu erweitern und inspirierende Menschen zu treffen. Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich in Bremen mein Abitur und meinen Führerschein bestanden. Nach ein paar kürzeren Reisen zog ich nach Münster, um dort ein halbes Jahrespraktikum in einer Psychiatrie zu absolvieren. Da ich vorher noch nie eine Psychiatrie betreten hatte, machte ich mir am Anfang Sorgen, dass die wohl sehr sensiblen Patienten vor mir erschrecken könnten, aber tatsächlich war das Gegenteil der Fall. Für viele besaß mein positiver Umgang mit der Dysmelie sogar Vorbildcharakter.

Um mein Selbstbewusstsein nochmals zu überprüfen, rasierte ich mir anschließend die Haare komplett ab. Ich wollte sehen was bleibt, wenn ich mich davon löse, und zu meiner Überraschung fühlte ich mich so frei wie noch nie!

Dieses Jahr im März flog ich dann nach Island (das Össur-Land schlechthin). Dort trampte ich innerhalb eines Monats um die ganze verschneite Insel und übernachtete via „Couchsurfing“ bei Fremden, die zu Freunden wurden. Ich geriet in Schneestürme, badete in heißen Quellen und sah aktive Vulkane, Geysire und Wasserfälle. In Island steckte ich dann noch während des Lockdowns fest und befand mich etwa eine Woche lang im „Corona Refugee Camp“ in Reykjavík, bis ich nach einer aufreibenden Nacht am Flughafen einen Flug nach Amsterdam erwischte. Die Reise unternahm ich bewusst allein, um meine Grenzen auszutesten und auch manchmal zu überschreiten. Aber vor allem – um zu sehen, was ich schaffen kann.

Nach einem Monat in häuslicher Quarantäne trieb mich die Reiselust wieder an und da man Deutschland nicht verlassen durfte, durchquerte ich es kurzerhand mit dem Fahrrad. Ich fuhr ca. 800 km von Bremen nach Freiburg und schlief nachts im Zelt in der Natur, was sich im Ruhrgebiet als sehr problematisch herausstellte. Denn alle Hostels und Campingplätze waren ja geschlossen. Ich habe definitiv festgestellt, dass wir uns letztendlich eigentlich nur selbst limitieren und dass es ganz cool werden kann, wenn der Mut die Ausreden besiegt. Nach den Lockerungen bin ich dann noch mit dem Fahrrad nach Prag gefahren und mit dem Rucksack per Autostopp durch Südeuropa gereist, zuletzt mit Maske, was auch eine interessante Erfahrung war. Außerdem hab ich mit ein paar Freunden eine Zeit lang im VW-Bus gelebt und war vor zwei Wochen spontan paragliden in den Alpen. Jetzt bin ich 19 Jahre alt und studiere Psychologie.

Hat dir deine nicht vorhandene Hand jemals gefehlt oder hast du dich immer damit arrangiert, weil du es ja gewohnt warst?

Ich habe glücklicherweise nicht das Gefühl, dass mir etwas „fehlt“. Bis vor einigen Jahren wäre ich gern wie alle anderen gewesen, weil es natürlich anstrengender ist, durch irgendwas aufzufallen, was nicht ins „normale Raster“ passt. Aber mittlerweile freue ich mich eigentlich darüber, ein wenig von der Norm abzuweichen und zu meiner Andersartigkeit zu stehen – in einer Welt, in der alle nach demselben „perfekten“ Ideal streben. Ich freue mich darüber, wie schnell man mit anderen ins Gespräch kommt und was einem für eine Offenheit entgegengebracht wird, wenn man zu sich selbst steht. Es gibt eigentlich nichts, was ich gern täte und was ich deswegen nicht tun kann. Außerdem muss ich ja nur fünf Fingernägel schneiden und lackieren, was eine wahnsinnige Zeitersparnis ist! Und mittlerweile stelle ich mir daher ein Leben mit zwei Händen ziemlich langweilig vor.

Wie war deine Kindheit mit einer Hand? Standest du deshalb im Mittelpunkt?

Meinen Eltern war es immer sehr wichtig, mir keine besondere Aufmerksamkeit zu geben und mich ganz „normal“ zu behandeln. Dadurch habe ich auch erst im Alter von vier Jahren bemerkt, dass die anderen Kinder eine Hand mehr besitzen als ich. Und das hat erst einmal weder mich noch die anderen gestört. Außerdem spiele ich schon seit meiner Kindheit Fußball, wofür zwei Hände ja nicht notwendig sind. In der Grundschule ist meine Dysmelie dann schon mehr aufgefallen und da habe ich nicht selten auch von Lehrern unangemessene Sprüche gehört. Mich persönlich hat aber am meisten gestört, wenn mir eine Fähigkeit im Vorhinein abgesprochen wurde oder man mir etwas nicht zutraute, weil ich mich selbst ja als „normal“ und fähig empfand. Ich denke, dass das aber eher meinen Ehrgeiz förderte, weil ich dann manchmal das Gefühl hatte, besser sein zu müssen als alle anderen, um als gleichwertig angesehen zu werden. Schade finde ich es bis heute, wenn andere Mitleid mit mir haben. Das impliziert ja ein Leid auf meiner Seite, das überhaupt nicht vorhanden ist.

Und wie war es in der Pubertät, in der man als junger Mensch meist seinen Platz in der Gesellschaft sucht? 

Seit der Pubertät habe ich eigentlich sogar eher von meiner Behinderung profitiert. Das klingt erst einmal komisch, weil das gesellschaftlich immer eher als Defizit angesehen wird. Aber dadurch, dass ich meine Hand in den Fokus stellte, fand ich den Rest meines Körpers vollkommen in Ordnung. Ich realisierte irgendwann, dass ich mich entscheiden kann, mich selbst so zu lieben wie ich bin und eine Akzeptanz einzuleiten oder mich zu schämen, zu verstecken und ewig darüber zu ärgern. Es lag irgendwie auf der „Hand“ (haha), was die sinnvollere Bewältigungsstrategie ist. Und ab dem Zeitpunkt, in dem ich mich dafür entschied, offen damit umzugehen, erntete ich von allen Seiten Respekt, Zuspruch und Anerkennung.

Ich habe auf dem Gymnasium sehr gute Freunde gefunden, die nicht die Behinderung, sondern den Menschen in mir sahen. Und das finde ich wichtig zu erwähnen. Eine Behinderung ist ja nur ein Teil einer Person, eine Besonderheit, die erst einmal weder gut noch schlecht ist. Und so sehe ich das auch bei mir. Ich werde eben nicht nur dadurch definiert, sondern durch ganz viele andere Facetten. Deswegen finde ich es auch manchmal schade, wenn mich Menschen nur darauf ansprechen und nicht nach den ganzen anderen Sachen fragen, die ich mache und die mich ausmachen.

Was mich sehr bereichert hat, ist das BMAB-Jugendcamp. Da war ich mit 17 Jahren das erste Mal als Teilnehmerin. Mittlerweile bin ich Teil des Betreuer-Teams. Da trifft man einhändige Kite-Surfer, einbeinige Kletterer, Sprinter, Marathon Läufer … Und man merkt – alles ist möglich!

Wann und wieso hast du entschieden, dass du eine Prothese möchtest? Wie bist du auf Össur gekommen?

Ich dachte lange, dass man Prothesen nur bekommt, wenn man darauf angewiesen ist und ohne gar nicht klarkommt, und sah das deswegen für mich nicht als notwendig an. Außerdem dachte ich, dass so futuristische, bionische Prothesen viel zu teuer wären, als dass ich sie mir leisten könnte.

Dann habe ich zufälligerweise einen Beitrag darüber gesehen. Der war auf Englisch und dabei fiel mir das Wort „limb difference“, also „Abweichung“ besonders auf. Ich fühlte mich verstanden, in der Annahme, dass ich anders, aber nicht „behindert“ bin, was ja eine Hinderung implizieren würde. Bei dem Beitrag war der Fokus nicht auf den „Nachteilsausgleich“, sondern auf den Vorteil gerichtet. Es wirkte dabei so, als wäre eine bionische Handprothese sogar cooler als eine gewöhnliche Hand. Und bei meiner Recherche stellte ich dann fest, dass ich darauf sogar rein rechtlich einen Anspruch habe. Össur baut die I-digits Quantum – eine Teilhandprothese, die unter anderem den Anspruch hat, die Handgelenksfunktion nicht einzuschränken, und somit optimal für mich ist. Außerdem ist die einzigartige Gestensteuerung von Össur super praktisch und vereinfacht den Umgang mit der Prothese durch programmierte Griffe. Ich sah die Prothese von Anfang an nicht als notwendig, aber als nützliches Gadget an.

Inwiefern hat sich dein Leben mit Prothese geändert? Wie reagiert dein Umfeld darauf? 

Durch die Prothese habe ich ganz besondere Momente erleben dürfen. Meine Prothese sieht sehr futuristisch aus und die meisten kennen so etwas nur aus Science-Fiction-Filmen. So hat mir dann auch das örtliche Kino einen Job zum Kartenabreißen für den neuen Star-Wars-Film angeboten. Plötzlich war die vorherige „Behinderung“ etwas Besonderes und Begehrenswertes. Mitunter kam es vor, dass völlig fremde Menschen Fotos mit mir machen wollten. Bei Bewerbungsgesprächen ist die Stimmung nun immer direkt durch einen metallischen Händedruck gelockert, ganz abgesehen von den Vorzügen, die man genießt, wenn man endlich zwei Mittelfinger hat. Da ich mich schon vorher als vollständig empfand, sehe ich die Prothese nicht als zweite Hand. Eigentlich ist sie viel mehr als das. Sie ändert meinen Blickwinkel und vor allem den von anderen Menschen. Ein Defizit wird plötzlich zum Werkzeug, zum einzigartigen Tool. Das ist klasse! Ich habe mittlerweile sogar das Gefühl, dass ich mich auch ohne Prothese noch wohler fühle, weil sie mir dabei geholfen hat, den Fokus auf diese Besonderheit zu legen und stolz darauf zu sein. Außerdem ist eine meiner Leidenschaften das Fotografieren und da sich der Auslöser meistens auf der rechten Seite befindet, kann ich die Kamera nun komfortabler bedienen.

Mehr über Greta finden Sie auf Instagram unter gretamariq, weitere Infos zu der i-Limb Quantum auf www.ossur.com

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