Giusy Versace im Interview

Barrierefrei: Ihre sportliche Karriere seit Ihrem Unfall ist sehr beeindruckend. Haben Sie vorher auch schon Sport getrieben oder ihn dann neu für sich entdeckt?

Giusy Versace: Gleich nach meinem Unfall habe ich es für unmöglich gehalten, jemals wieder einen Sprint hinzulegen. Immer wenn ich nun darüber nachdenke, dass es doch möglich ist, und zwar durch zwei künstliche Beine, und dass es tatsächlich funktioniert – das begeistert mich jedes Mal von Neuem!

In meinem Leben vor dem Unfall, durch den ich beide Beine verlor, war ich auch sportlich, aber keinesfalls Athletin. Da gibt es einen himmelweiten Unterschied zwischen sportlich und Leistungssport. All meine großen Erfolge, die ich feiern durfte – ich hätte sie nicht für möglich gehalten. Dazu muss gesagt werden, dass ich das alles nicht allein geschafft habe und ich mich dafür bei vielen Leuten, meiner Familie und Freunden sowie meiner Trainerin, sehr bedanken möchte. Vor allem sie hat an mich geglaubt wie kein anderer!

BF: Nach einer Amputation der Beine bekommt man vermutlich zwangsläufig einen neuen Blickwinkel auf das Leben. War das bei Ihnen auch so?

GV: Mein Leben hat sich komplett geändert. Die Perspektive, Prioritäten und auch die Ziele – alles ist anders. Natürlich auch – und eigentlich vor allem – ändert sich der Alltag. Ich musste wieder neu das Laufen lernen und auch lernen, mich wieder im Spiegel anschauen zu können. Ebenfalls andere anzuschauen ohne Missgunst. Aber mein Glaube ist unerschütterlich und hat mir geholfen, positiv in die Zukunft zu schauen ohne dem, was gewesen ist, nachzutrauern oder daran zu verzweifeln, dass man manches nicht ändern kann.

BF: Wie wird eine Behinderung in Italien aufgenommen? Gibt es bei Ihnen Netzwerke, an die man sich dann wenden kann?

GV: Es ist definitiv nicht einfach. Es gibt viele bauliche, aber auch kulturelle Barrieren. Viele behinderte Menschen verlassen ihr Zuhause nicht. Aber einiges hat sich nun zum Glück durch den Sport in den letzten Jahren geändert. Ja, es gibt gewiss noch viel zu tun! Unser Staat zahlt nur eine minimale Rente für Menschen mit Handicap aus und übernimmt zudem nicht die Kosten für fortschrittliche Hilfsmittel und Prothesen – und bezahlt natürlich erst recht keine Hilfsmittel, um Sport zu treiben.

BF: Sie haben 2011 die Stiftung „Disabili No Limits Onlus“ gegründet. Wozu dient diese Stiftung?

GV: Ich habe eine gemeinnützige Organisation gegründet mit dem Ziel, eben diese Situation für die Menschen etwas verbessern zu können. Institutionen wie meine sind es, die versuchen, die behördlichen Lücken zu füllen. Und das war auch einer der Gründe, warum ich in die Politik gegangen bin. Seit 2018 bin ich im italienischen Parlament und darf mich unter anderem um diese Problematik kümmern. Ich bin aber zuversichtlich und glaube, dass die Dinge sich ändern können und alles besser wird. Dafür kämpfe ich jeden Tag.

BF: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, um das Leben und somit die Zukunft für Menschen mit Behinderung zu verändern, was würden Sie sich wünschen?

GV: Die Wahrheit ist, dass ich leider keinen Zauberstab habe. Aber wenn, dann würde ich mir wünschen, dass jeder den Mut und die Kraft hätte, das Leben als Geschenk zu sehen, trotz allem, was im Wege steht. Viele Menschen mit Handicap wie ich haben diese Kraft gefunden. Ich habe es geschafft, aber einige nicht. Sie haben nicht durchgehalten und aufgegeben. Ich bete, dass jeder für sich das Gleichgewicht im Leben sucht und findet und somit jeden Tag erfüllt leben kann. Denn das Leben ist immer ein kostbares Geschenk.

BF: Und unsere letzte Frage: Wie geht man in der Politik mit Ihrer Behinderung um?

GV: Die Leute sind leicht abzulenken. Die meisten bedenken nicht, dass Behinderung jeden zu jeder Zeit im Leben treffen kann. Aber meine Kollegen, und nicht nur die, sehen mich als normal an und behandeln mich auch so. Vermutlich, weil ich mich auch normal verhalte. Eine besondere Behandlung würde ich auch nicht dulden. Denn ich arbeite hart dafür, ich selbst zu sein. Ja, ich habe eine körperliche Einschränkung, ich habe zwei künstliche Beine und ich kann nicht alles machen, aber dafür schaffe ich Dinge, die „Nicht-Behinderte“ nicht schaffen würden. Schlussendlich habe ich einen starken Willen, der noch ausgeprägter als vorher ist und wunderbar funktioniert. Der lässt jeden vor mir weichen.

Vielleicht ist das auch das Geheimnis: Anderen dabei zu helfen, die Behinderungen zu verstehen. Es ist natürlich eine Herausforderung, aber nicht unmöglich!

BF: Vielen Dank für das Interview!

Interview: Lydia Saß, Foto: Mjriam Bon