Eine Handprothese ist ein künstlicher Ersatz für eine fehlende Hand oder für Teile davon. Sie kann nach einer Amputation oder bei einer angeborenen Fehlbildung (z.B. Dysmelie) zum Einsatz kommen. Je nach Versorgung soll sie das Aussehen der Hand ergänzen, einfache Haltefunktionen übernehmen oder gezielte Greifbewegungen ermöglichen.
Nicht jede Versorgung ersetzt eine komplette Hand. Manchmal geht es um einzelne Finger, manchmal um eine Teilhand und manchmal um den Ersatz der ganzen Hand auf Höhe des Handgelenks. Welche Lösung sinnvoll ist, hängt immer von der individuellen Situation ab.
Arten von Handprothesen

Handprothesen lassen sich nach verschiedenen Aspekten unterteilen:
Amputationsniveau
Bei einer Fingerprothese wird ein einzelner Finger oder ein Teil davon ersetzt. Bei einer Teilhandprothese fehlen mehrere Finger, der Daumen oder ein Teil der Handfläche. Eine Handprothese im engeren Sinn ersetzt dagegen die komplette Hand, etwa nach einer Amputation auf Höhe des Handgelenks oder nach einem Unfall. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sich daraus ergibt, wie viel Restfunktion noch vorhanden ist und wie viel die Prothese übernehmen muss.
Funktionsprinzip
Hier wird meist zwischen passiven, eigenkraftbetriebenen (mechanischen), myoelektrischen und hybriden Systemen unterschieden. Sie unterscheiden sich darin, wie sie gesteuert werden, wie robust sie im Alltag sind und welche Bewegungen sie ermöglichen.
Ein konkretes Beispiel für eine Versorgung mit Fingerprothesen wäre interessant für Sie? Dann lesen Sie den Beitrag „Zurück in den Job mit Fingerprothese von Naked Prosthetics“.
Passive Handprothesen: Natürlichkeit und einfache Unterstützung
Passive Handprothesen werden oft zuerst mit ihrem Aussehen verbunden. Sie werden auch Schmuckprothesen genannt, da meist keine umfangreichen Funktionen integriert sind, sondern durch eine kosmetische Gestaltung die Optik der Haut täuschend echt nachgeahmt werden kann. Sie können aber auch im Alltag nützlich sein, etwa als Gegenhalt, zum Stabilisieren von Gegenständen oder zum Fixieren beim Anziehen, Tragen oder Öffnen einfacher Dinge.
Für manche Menschen ist genau das die passende Lösung: weniger Technik, weniger Gewicht, weniger Wartung und trotzdem Unterstützung in typischen Alltagssituationen. Zudem spielt es für viele Prothesentragende eine große Rolle, dass die Prothese unauffällig wirkt und zur eigenen Körperwahrnehmung passt.
Wer aktiv greifen, öffnen und schließen möchte, braucht meist eine funktionell aufwendigere Versorgung.
Eigenkraftprothesen: mechanisch und robust
Eigenkraftbetriebene oder mechanische Prothesen werden durch Körperkraft gesteuert. Bei längeren Armprothesen geschieht das oft über Zugsysteme und bestimmte Bewegungen von Schulter oder Oberkörper. Im Bereich von Finger- und Teilhandprothesen können auch mechanische Gelenke oder vorhandene Restbewegungen genutzt werden.

Der Vorteil solcher Systeme liegt häufig in ihrer direkten Rückmeldung, ihrer Robustheit und ihrer Eignung für belastende Alltags- oder Arbeitssituationen. Sie sind technisch einfacher gehalten als elektronische Modelle. Was aber kein Nachteil ist. Für manche Nutzer sind sie besonders praktisch, weil sie zuverlässig, vergleichsweise pflegeleicht und in bestimmten Umgebungen unempfindlicher gegen Nässe oder Schmutz sein können. Welche Funktionen tatsächlich möglich sind, hängt allerdings stark von der konkreten Konstruktion ab.
Myoelektrische oder bionische Handprothesen: mehr Griffmuster, mehr Technik
Bei myoelektrischen Handprothesen erfassen Elektroden die Muskelaktivität im Stumpf oder im Unterarm. Diese Signale steuern Motoren in der Prothese. So kann sich die Hand öffnen und schließen. Bei moderneren Systemen lassen sich oft verschiedene Griffarten auswählen, etwa ein Kraftgriff, ein Pinzettengriff oder ein Schlüsselgriff. Ziel ist es, Gegenstände im Alltag gezielter zu halten und Aufgaben differenzierter auszuführen.
Gerade multiartikulierende oder sogenannte bionische Hände wecken viele Erwartungen. Hier ist ein nüchterner Blick wichtig: Solche Systeme können Vorteile bieten, sie sind aber nicht automatisch für jeden die beste Lösung. Moderne Technik kann viel leisten, ersetzt aber keine individuelle Anpassung und kein Training.
Hinzu kommt: Myoelektrische Systeme verlangen meist mehr Schulung, regelmäßige Anpassung und einen guten Sitz des Schafts. Auch die Qualität der Muskelsignale, die Hautsituation und der Alltag des Betroffenen spielen eine große Rolle. Eine technisch leistungsfähige Hand ist nur dann hilfreich, wenn sie im täglichen Leben auch zuverlässig und angenehm nutzbar ist.
Hybridprothesen: wenn Systeme kombiniert werden
Hybridhandprothesen kombinieren verschiedene Systeme in einer Versorgung, zum Beispiel eine myoelektrisch gesteuerte Hand mit einem mechanisch per Zug bewegten Gelenk. So lassen sich Funktion, Energiebedarf und Alltagstauglichkeit besser an die jeweilige Amputationshöhe und die individuellen Bedürfnisse anpassen.
Welche Funktionen sind im Alltag wichtig?
Welche Funktionen und wie viele Aufgaben unsere Hände im Alltag haben, ist vielen nicht bewusst. Soll eine Versorgung für die fehlende Hand oder den fehlenden Finger her, stellen sich viele Fragen: Lässt sich ein Glas sicher halten? Kann die Prothese Besteck stabilisieren? Hilft sie beim Telefonieren, Anziehen oder Tragen? Gute Versorgungen müssen nicht jede Bewegung einer natürlichen Hand nachbilden. Sie sollen vor allem Tätigkeiten ermöglichen, die für den einzelnen Menschen wirklich relevant sind.
Zu den typischen Funktionen gehören je nach System das Öffnen und Schließen, das Halten und Gegenhalten, verschiedene Griffmuster und eine bessere Unterstützung bei alltäglichen Handlungen. Gleichzeitig haben alle Systeme Grenzen. Keine Prothese ersetzt die natürliche Hand vollständig, vor allem nicht in Bezug auf Gefühl, Feinsteuerung und unbewusste Bewegungsabläufe. Auch deshalb ist die Eingewöhnung ein wichtiger Teil der Versorgung.
Wie wird entschieden, welche Handprothese passt?

Die passende Handprothese wird nicht nur nach Technik ausgewählt. Entscheidend sind unter anderem die Amputationshöhe, die Stumpfsituation, vorhandene Restmuskulatur, die Beschaffenheit der Haut, das gewünschte Aktivitätsniveau und die Ziele im Alltag oder im Beruf. Auch Fragen wie Gewicht, Tragekomfort, Wartung, Optik und Lernaufwand spielen eine große Rolle.
Deshalb ist eine gute Versorgung immer ein gemeinsamer Prozess. Ärzte, Orthopädietechniker, Therapeuten und Betroffene prüfen zusammen, welche Lösung realistisch, hilfreich und dauerhaft nutzbar ist.
Warum eine prothetische Versorgung wichtig werden kann, erfahren Sie in unserem Beitrag „Warum eine Teilhandprothese Sinn macht“.

