Haben Sie schon einmal von „Disability Dongle“ gehört? Der Begriff beschreibt technische Lösungen oder Designs, die zwar gut gemeint sind, aber an den tatsächlichen Bedürfnissen behinderter Menschen vorbeigehen. Die US-amerikanische Aktivistin Liz Jackson prägte diesen Ausdruck im Jahr 2019 und definiert ihn als „eine elegante, aber nutzlose Lösung für ein Problem, von dem wir [behinderte Menschen] nie wussten, dass wir es haben.“
Was ist ein Disability Dongle?
Disability Dongles entstehen häufig in Designschulen oder Entwicklungsabteilungen. Sie haben eines gemeinsam: Sie erhalten viel Aufmerksamkeit und Anerkennung, obwohl sie von der Zielgruppe – den Menschen mit Behinderungen – kaum benötigt werden. Solche Entwicklungen ignorieren oft die Lebensrealität behinderter Menschen und verstärken ableistische Denkmuster, also diskriminierende Sichtweisen auf Behinderung.
Beispiele aus der Praxis: Google Glasses
Ein bekanntes Beispiel ist die Google Glass, eine Datenbrille, die autistischen Kindern helfen sollte, Augenkontakt zu halten und Emotionen zu erkennen. Doch diese Entwicklung zeigt genau das Problem auf: Die Brille setzt voraus, dass autistische Menschen sich an gesellschaftliche Normen anpassen sollen, anstatt die Normen selbst zu hinterfragen. Warum muss Kommunikation den Erwartungen der Dominanzgesellschaft entsprechen? Diese Denkweise ignoriert die Perspektiven autistischer Menschen und verstärkt schädliche Stereotype.
Unpraktische Hilfsmittel
Ein weiteres Beispiel sind AR-Brillen (Augmented Reality), die Untertitel in Echtzeit generieren sollen, um die Kommunikation für taube Menschen zu erleichtern. Doch Menschen aus der tauben Community kritisieren, dass die Untertitel häufig fehlerhaft sind und der Ansatz wenig praktikabel ist. Zudem tragen viele taube Menschen bereits Brillen, weshalb diese zusätzliche Technologie mehr Probleme schafft, als sie löst.
Auch „smarte Schuhe“ für blinde Menschen, die den Langstock ersetzen sollen, gehören zu den Disability Dongles. Blinde Menschen haben nie darum gebeten, den bewährten Langstock zu ersetzen – er ist ein zuverlässiges, kostengünstiges Hilfsmittel. Solche Technologien werden dennoch entwickelt, nicht weil sie tatsächlich helfen, sondern um Innovation zu demonstrieren und Anerkennung für die Entwickler zu gewinnen.
Woran scheitern Disability Dongles?
Das grundlegende Problem von Disability Dongles ist, dass sie nicht mit, sondern für behinderte Menschen entworfen werden. Die Bedürfnisse der Community werden nicht berücksichtigt. Zudem spiegeln die Produkte häufig die Sichtweise der Dominanzgesellschaft wider, die Behinderung als „Problem“ betrachtet. Diese Technologien suggerieren oft, dass der Körper „repariert“ werden muss, anstatt die bestehenden gesellschaftlichen Barrieren abzubauen.

Positive Beispiele
Doch es gibt auch gelungene Innovationen. Sprachassistenten wie Alexa oder Siri können den Alltag von Menschen mit Behinderungen erleichtern, etwa durch Steuerung der Beleuchtung oder Kommunikation per Videoanruf. Auch der Xbox Adaptive Controller von Microsoft zeigt, wie Barrierefreiheit sinnvoll umgesetzt werden kann. Dieses Produkt wurde in enger Zusammenarbeit mit der Community entwickelt und ermöglicht es Menschen mit Behinderungen, Gaming barrierefrei zu erleben. Es ist ein Beispiel dafür, wie echte Inklusion aussehen kann.
Ziel ist es, Lösungen gemeinsam zu entwickeln
Disability Dongles verdeutlichen, wie wichtig es ist, gemeinsam mit behinderten Menschen zu gestalten, anstatt über ihre Köpfe hinweg Lösungen zu entwickeln. Menschen mit Behinderungen sind die wahren Experten ihrer Bedürfnisse. Wenn Designer und Entwickler diese Perspektiven ernst nehmen, können Technologien entstehen, die nicht nur die Lebensqualität verbessern, sondern auch die Gesellschaft insgesamt bereichern. Denn wahre Inklusion entsteht nur, wenn die tatsächlichen Herausforderungen erkannt und adressiert werden.

