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StartGeneration PlusContergan – ein Medikament, das Geschichte schrieb

Contergan – ein Medikament, das Geschichte schrieb

Contergan war der Handelsname eines Schlaf- und Beruhigungsmittels mit dem Wirkstoff Thalidomid. Das Medikament kam 1957 in der Bundesrepublik Deutschland auf den Markt und galt zunächst als gut verträglich. Erst später wurde erkannt, dass Thalidomid in der Frühschwangerschaft schwerste Fehlbildungen bei Ungeborenen verursachen kann. Der Stoff wirkt teratogen – das bedeutet, er kann die Entwicklung des Embryos schädigen.

Wie kam es zum Skandal?

Zu Beginn der 60er-Jahre stellten Ärzte in mehreren Kliniken fest, dass ungewöhnlich viele Kinder mit Fehlbildungen geboren wurden. Der Hamburger Kinderarzt Widukind Lenz vermutete einen Zusammenhang mit Contergan. Nachdem sich der Verdacht bestätigte, nahm der Hersteller das Mittel im November 1961 vom Markt. Zu diesem Zeitpunkt war Contergan bereits millionenfach verkauft – und die Folgen waren weltweit spürbar.

Schätzungen zufolge kamen weltweit zwischen 5000 und 10 000 Kinder mit schweren Fehlbildungen durch Contergan zur Welt. Viele litten an verkürzten oder fehlenden Gliedmaßen, andere hatten innere Organfehlbildungen. Ein erheblicher Teil der betroffenen Kinder verstarb kurz nach der Geburt – genaue Zahlen zu Tot- und Fehlgeburten sind jedoch nicht dokumentiert. Die Dunkelziffer, insbesondere bei Totgeburten oder nicht erfassten Fällen, dürfte deutlich höher liegen – vor allem in Ländern ohne flächendeckende medizinische Erhebung.

Etwa 2400 Betroffene leben heute noch in Deutschland. Ihr Alltag ist geprägt von körperlichen Einschränkungen, medizinischen Folgen und dem Bedarf an spezifischer Unterstützung.

Lesetipp: Einen persönlichen Einblick in das Leben Betroffener finden Sie im Beitrag „Unser Leben ist ein ständiger Marathon“.

Folgen und Entschädigung

Nach langen rechtlichen Auseinandersetzungen wurde 1970 ein Vergleich geschlossen. Der Hersteller Grünenthal zahlte 100 Millionen D-Mark in ein Hilfswerk, aus dem später die Conterganstiftung entstand. Das seit 2005 geltende Conterganstiftungsgesetz regelt die Entschädigungen und Unterstützungsleistungen. Diese wurden mehrfach angepasst, um den gestiegenen Bedürfnissen der Betroffenen gerecht zu werden. Die Stiftung zahlt heute monatliche Renten und Zuschüsse, etwa für Pflege, Hilfsmittel und barrierefreie Wohnanpassung.

Nachttisch mit Tablettenblisterverpackung

Thalidomid heute – streng reglementierte Nutzung

Trotz seiner Geschichte wird Thalidomid heute wieder medizinisch eingesetzt – allerdings nur unter strengsten Sicherheitsauflagen. Es kommt bei bestimmten Krebserkrankungen wie dem Multiplen Myelom oder bei schweren Entzündungen im Zusammenhang mit Lepra zum Einsatz. Ärzte dürfen den Wirkstoff ausschließlich im Rahmen eines Pregnancy Prevention Programme (PPP) verschreiben. Dieses Programm stellt sicher, dass Frauen im gebärfähigen Alter während und nach der Behandlung zuverlässig vor einer Schwangerschaft geschützt sind.

Was Betroffene heute bewegt

Viele Contergangeschädigte sind inzwischen über 60 Jahre alt. Das Altern mit körperlichen Einschränkungen bringt neue Herausforderungen: verschleißbedingte Schmerzen, nachlassende Beweglichkeit und zunehmender Unterstützungsbedarf.Nach Angaben der Conterganstiftung liegt der Schwerpunkt der Hilfen heute auf der Erhaltung von Selbstständigkeit und Lebensqualität im Alter. Dazu gehören physiotherapeutische Maßnahmen, geeignete Hilfsmittel und Unterstützung bei der Alltagsbewältigung.

Lesetipp: Welche Möglichkeiten Ihnen das Rentenrecht bietet, lesen Sie in „Früher in Rente mit Schwerbehinderung?“.

Was aus dem Conterganskandal gelernt wurde

Dieser Skandal gilt bis heute als Wendepunkt der Arzneimittelsicherheit. Seitdem müssen neue Medikamente ihre Unbedenklichkeit in klinischen Studien belegen, bevor sie zugelassen werden. Auch die Pharmakovigilanz – die Überwachung zugelassener Arzneimittel – wurde entscheidend gestärkt. Contergan erinnert daran, dass Sorgfalt, Transparenz und Verantwortung in der Medizin lebenswichtig sind.

Unterstützung und Informationen

Die Conterganstiftung bietet Beratung, finanzielle Hilfen und Informationen zu Anträgen und Leistungen. Alle aktuellen Dokumente und Kontakte finden Sie auf dem offiziellen Conterganinfoportal: www.contergan-infoportal.de

Der Bundesverband Contergangeschädigter e. V. vertritt die Interessen von Betroffenen gegenüber dem Unternehmen Grünenthal, der Bundesrepublik Deutschland sowie Trägern der Rehabilitation und engagiert sich für bedarfsgerechte Lösungen in den Bereichen Mobilität, barrierefreies Wohnen, Alterversorgung, Arbeitsplatz, Assistenz und Pflege: www.contergan.de

Zum Weiterlesen: Zur historischen Aufarbeitung der Arbeit der Conterganstiftung hat auch die Universität Heidelberg einen sehr lesenswerten wissenschaftlichen Bericht
veröffentlicht.

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