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Barrierearmes Reisen mit Wohnmobil und Prothese

Ein Erfahrungsbericht

Niemals hätten wir uns vorstellen können, im Wohnmobil unterwegs zu sein. Wir wunderten uns über die Menschen, die freiwillig auf so wenigen Quadratmetern auskommen wollen. Das soll große Freiheit sein? Wir liebten die Ferienwohnung an der Ostsee, wo wir immer wussten, was uns erwartet, und wir nach unseren anstrengenden Jobs auftanken konnten, ohne uns um Tourenplanung, Stellplätze oder gar WC-Kassetten-Entleerung kümmern zu müssen.

Andere Ansprüche nach Beinamputation

Nach der Amputation des rechten Unterschenkels meines Mannes waren die Treppe in der Wohnung und der feine Sandstrand nur mit großen Anstrengungen zu bewältigen. Hinzu kam die Traurigkeit, unsere Lieblingsorte nicht mehr nutzen zu können.

Reisen wollten wir, das stand fest, doch Erlebnisse mit überteuerten Angeboten von angeblich barrierefreien Hotelzimmern waren wieder Rückschläge. Die Wohnmobile wurden immer mehr auf den Straßen und wir staunten, wie entspannt die Leute darin immer aussahen. Da muss doch was dran sein? Geht das auch für uns, mit Prothese und Zubehör? Wir gingen es an.

Frontansicht eines weißen Wohnmobils

Barrierearmes Wohnmobil

Wichtig waren uns viele praktische Gesichtspunkte, wie die Stufenanzahl ins und im Womo, ein geräumiges Bad und kaum Fächer im Fußboden (wenig bücken). Wir strebten an, dass so viele Funktionen wie möglich elektrisch auszuführen sind, so wurde z. B. eine elektrische Markise installiert. Bei den Gasflaschen entschieden wir uns für die fest eingebauten, die man nicht umherschleppen muss, sondern einfach betankt. Die Stufe, die beim Öffnen der Fahrertür automatisch rausfährt, ist sehr hilfreich. Weil die Sanitäranlagen auf Camping- oder Stellplätzen nicht immer hygienisch und geräumig sind, ist uns eine Dusche im Womo sehr wichtig. Um mit Badeprothese richtig stehen zu können, sollte deshalb auf keinen Fall die halbe Duschtasse mit einem Radkasten ausgefüllt sein.

In der Heckgarage eines Wohnmobils werden Fahrräder verstaut

Reisezeit und -ziele

Wann wir mit Womo-Willi, wie wir unser Wohnmobil liebevoll nennen, auf die Piste gehen, entscheiden wir anhand der Schmerzsituation meines Mannes. Es nützt ja nichts, irgendwo unterwegs zu sein und nicht laufen zu können. In den Schmerzzeiten halten wir uns mit Vorfreude auf die Regionen, die wir bereisen wollen, bei Laune. In Geografie sind wir inzwischen glatte „Einser“.
Gern sehen wir uns historische Städte an. Inwieweit dort Kopfsteinpflaster dominiert bzw. welche Steigungen in der Stadt zu bewältigen sind, versuche ich auf Fotos zu erkennen, oder ich verblüffe manchmal die Touristinformation mit einer Frage dazu.

Wir buchen kaum im Voraus, entscheiden uns eher vor Ort für einen Stellplatz. Mit den gängigen Apps ist das kein Problem. Häufig gibt es sogar Haltestellen des ÖPNV in der Nähe.

Ein Paar mittleren Alters in einem Park, das zusammen lacht. Der Mann trägt eine Unterschenkelprothese.Unterwegs mit Womo-Willi und Prothese

Mein Mann ist meist der Fahrer, denn mit dem zusätzlich eingebauten Linksgas ist das perfekt. Die Ersatzprothese samt Ständer liegt unter der Bettdecke und die Badeprothese in der Dusche. Wenn Laufen zu schmerzhaft ist, fahren wir mit den E-Rollern oder Fahrrädern, weil die Stellplätze häufig außerhalb sind. Ich bestehe dann darauf, dass er das rechte Hosenbein hochkrempelt, damit die Prothese sichtbar ist, und erhoffe mir dadurch etwas mehr Rücksichtnahme für ihn. Für alle Eventualitäten haben wir immer eine ausreichende Menge an Pflastern in allen Größen an Bord. Denn bei Hitze oder nach dem Radfahren kann es immer mal zu Blasen kommen.

Niemals hätten wir uns vorstellen können, dass wir so glückliche Wohnmobilisten sein würden, trotz Prothese.

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