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Anna Schaffelhuber im Interview

„Manchmal lernt man sogar aus Misserfolgen mehr wie aus den Erfolgen."

Mehrfach-Paralympics-Siegerin, Ausnahmeathletin und engagierte Impulsgeberin: Anna Schaffelhuber hat den Para-Skisport über Jahre geprägt. Mit beeindruckender Konsequenz und mentaler Stärke wurde sie zur erfolgreichsten Monoskifahrerin ihrer Generation. Heute setzt sie sich unter anderem mit ihrem Grenzenlos-Camp für Nachwuchs und Selbstwirksamkeit ein. Im Interview spricht sie über Leistung, Haltung und darüber, was sie antreibt.

Barrierefrei: Wir freuen uns sehr, dass Sie sich Zeit für unsere Fragen nehmen! Unserer Recherche zufolge wurden Sie mit einer inkompletten Querschnittlähmung geboren. Wann genau haben Sie in Ihrer Kindheit gemerkt, dass es scheinbar nur die Grenzen gibt, die man sich selbst setzt?

Anna Schaffelhuber: Ich glaube, dass mir das schon immer sehr bewusst war. Wir haben uns in meiner Kindheit nie die Probleme, die mit meiner Behinderung einhergehen, vergegenwärtigt, sondern vielmehr auf die Lösungen fokussiert. Bspw. wie kann ich ein Baumhaus bauen, wenn die Anna mit hoch möchte? Erst später als ich an die Uni gekommen bin habe ich so richtig bemerkt, dass Menschen wegen meines Rollstuhls Berührungsängste haben.

BF: Sie haben bei den Paralympics 2014 fünf Goldmedaillen in fünf Rennen gewonnen. Was hat diesen Erfolg mental möglich gemacht – eher Disziplin, Vertrauen in Team und Trainer oder eine bestimmte innere Haltung?

AS: Es ist mit Sicherheit immer ein Zusammenspiel vieler Faktoren. Ohne ein funktionierendes Team aus Trainern, Technikern, der Familie, Trainingspartner etc. wäre überhaupt ein Erfolg kaum möglich. Ich hatte jedoch in dem Jahr der Spiele 2014 für mich eine andere mentale Haltung entwickelt. Ich wollte nicht im Ziel ankommen und mit meiner Leistung nicht zufrieden sein und wissen, dass noch mehr möglich gewesen wäre. Daher hatte ich bei jedem Rennen die Devise: ich komme an und habe alles rausgeholt oder ich habe zu viel Risiko genommen und bin ausgeschieden. Von da an konnte ich meine Leistungen nochmals erheblich steigern. Bei den Spielen 2014 habe ich die Rennen dann eher als Einzeltage betrachtet und mir nie das Ziel der 5 Goldmedaillen vor Augen gehalten.

Anna Schaffelhuber sitzt lächelnd an einem Tisch und trägt eine schwarze Sportjacke mit Grenzenlos-Logo vor buntem Hintergrund.

BF: Viele sehen nur die Medaillen. Welche weniger sichtbaren Hürden mussten Sie auf dem Weg zur Weltspitze überwinden?

AS: Vereinbarkeit von Sport und Schule/Uni; finanzielle Gesichtspunkte; Barrierefreiheit der Sportstätten.

BF: Im Jahr 2019 haben Sie Ihre Karriere auf dem Höhepunkt beendet. Wie trifft man eine solche Entscheidung – und woran merkt man, dass es Zeit für einen neuen Lebensabschnitt ist?

AS: Ich habe es immer geliebt unterwegs zu sein- irgendwann hatte das normale Leben für mich einen größeren Reiz wie mein Sportlerleben. Ebenso habe ich neue Siege irgendwann mehr als Bestätigung als wie einen wirklichen Sieg empfunden. Dann war es Zeit für etwas Neues.

BF: Heute stehen Sie nicht mehr an der Startlinie, sondern im Klassenzimmer. Was aus dem Leistungssport hilft Ihnen heute als Lehrerin am meisten?

AS: Die Disziplin und Genauigkeit, das Wissen darum, wie viel wert ein gut funktionierendes Umfeld und Team ist und, dass die Kinder mich auch als Menschen betrachten, der nicht nur in einem Klassenzimmer steht/ stand, sondern auch viel im realen Leben erlebt hat.

BF: Mit Ihrem „Anna-Schaffelhuber-Grenzenlos-Camp“ bringen Sie junge Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Welche Begegnung hat Sie dort besonders berührt oder überrascht?

AS: Im allerersten Camp war ein Jugendlicher ohne Behinderung, der immer der beste und schnellste sein wollte. Bei einer Fahrradtour wollte er wieder der erste zurück am Hof sein. Doch plötzlich hielt er inne und sagte: „Deshalb bin ich nicht hier.“ Er schnappte sich einen anderen Jugendlichen mit einer Halbseitenlähmung sowie ein Tandem und die beiden waren auch gemeinsam nicht die langsamsten am Hof.

BF: Und zu guter Letzt: Wenn Sie heute einer jungen Person mit Behinderung einen einzigen Rat geben dürften – welcher wäre das?

AS: Geht raus und probiert euch aus. Auch wenn etwas nicht gleich im ersten Moment funktioniert hat, so hat man dann die Erkenntnis gewonnen wie es nicht geht, um in der Folge etwas abändern zu können. Manchmal lernt man sogar aus den Misserfolgen mehr wie aus den Erfolgen.

Vielen Dank für das Interview!

In unserem Portrait über Anna Schaffelhuber erfahren Sie mehr über diese beeindruckende Frau. Mehr zu den Grenzenlos-Camps finden Sie hier.

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