StartAmputation & ProthetikAcht Jahre nach der Amputation

Acht Jahre nach der Amputation

Ein Rückblick mit Stolz und Staunen

Demnächst jährt sich der Tag der Amputation des Unterschenkels meines Mannes zum achten Mal. Wenn ich an den 30. April 2018 denke, bin ich erstaunt und sehr stolz, wie wir die acht Jahre gemeistert haben.

Zuerst war da nur Erleichterung, dass endlich die Schmerzen weg waren und der Stumpf super heilte. Wir waren einfach glücklich, diese schlimmen Monate mit zig OPs und Krankenhausaufenthalten, Enttäuschungen und Hoffnungen hinter uns lassen zu können, und strengten uns an, so schnell wie möglich das „ganz normale Leben“, wie es die Prothesenärztin versprochen hatte, zu erreichen. Mit großem Ehrgeiz ging Ingo in die Reha und lernte zügig das Laufen mit Prothese und allem, was dazugehört. Ich kümmerte mich um ein Grundstück, wo wir ein barrierefreies Haus errichten konnten.
Teamarbeit war schon immer unsere Stärke, nun hatten wir wieder ein Projekt, was wir mit Pragmatismus angehen konnten. Als sehr wertvoll und hilfreich erleben wir die umfassende Begleitung und Unterstützung der BGW Magdeburg, die am ersten Tag nach dem Unfall begann.

Zwei Menschen sitzen nebeneinander auf Felsen, blicken in den Sonnenuntergang am Meer.

Wo sind die Freunde hin?

Wir waren so beschäftigt mit Hausbau und Organisation des Alltags, dass wir erst viel später realisierten, dass Menschen, die wir für Freunde hielten, plötzlich gar nicht mehr da waren, uns aus dem Weg gingen. Natürlich kann nicht jeder Mensch damit umgehen, dass jemand plötzlich ein Körperteil verloren hat, aber so gar kein Interesse zu zeigen, das war sehr enttäuschend.

Glücklicherweise kamen im Laufe der nächsten Jahre ganz andere Leute in unser Leben, die keine Vorbehalte haben, hilfsbereit sind. Unsere jungen Nachbarn im Wohngebiet zum Beispiel oder die rücksichtsvollen und fröhlichen Camper-Freunde gehören dazu.

Schwarze Tage und Schmerzen

Der Tag, an dem der Rentenbescheid zur EU-Rente zugestellt wurde, war wieder ein Rückschlag. Immerhin hatte mein Mann im Job immer mindestens 150 % gegeben und sich damit komplett identifiziert. Nun, mit 57, auf dem „Abstellgleis“ zu sein, war für ihn eine mittlere Katastrophe.

Andere Rückschläge gab es auch, als die Nervenschmerzen im Stumpf immer schlimmer wurden. Ein schmerzhaftes Neurom hatte sich gebildet, und der Prothesenschaft musste immer wieder so angepasst werden, dass es an der Stelle Entlastung gibt. Inzwischen sind jedoch, neben den Schmerzmitteln, alle neun Wochen Botox-Injektionen in den schmerzenden Stumpf nötig, damit es auszuhalten ist.

Wenn Laufen so gut wie gar nicht geht und die Schmerzen alles bestimmen, ist die Wut nicht weit. Die Wut auf diese Ungerechtigkeit, wie das passieren konnte, wie das weitergehen soll, was überhaupt noch Sinn macht? Das sind die „schlechten Tage“, die man durchstehen muss.

Neues Haus, neues Glück?

Wie gut, dass wir unser barrierefreies Haus bauen konnten, da kann man auch mal tageweise im Rollstuhl gut zurechtkommen. Für mich ist es ebenfalls bequem, alles auf einer Etage zu haben, keine Treppen mehr. Die Haltegriffe im Bad und WC sind selbstverständlich, ebenso wie die breiten Türen und dass wir wenige Möbel rumstehen haben, damit immer genug Platz für den Rollstuhl ist.

Auch im neuen Haus sind die Phantomschmerzen nicht plötzlich weg. Sie kommen aus dem Nichts, und ich bin immer wieder überrascht, wie detailliert mein Mann die Schmerzen beschreibt, zum Beispiel im großen Zeh, obwohl da schon acht Jahre kein Zeh mehr ist.

Neben dem neuen Haus ist die Anschaffung unseres Wohnmobils, Willi heißt es, eine unserer besten Ideen der letzten Jahre. Wenn es schmerzmäßig halbwegs geht, packen wir Willi und fahren los. Willi ist, wie alle unsere Autos, mit Linksgas ausgestattet, so kann Ingo beim Fahren wieder der Chef sein. Zum Glück haben wir genug Stauraum für die Ersatzprothese, Badeprothese, Liner, etwas Werkzeug und jede Menge Pflegemittel und Pflaster für den Stumpf. Die E-Bikes, E-Roller und der kleine Scooter benötigen auch allerhand Platz, aber sie sind wichtig, weil große Laufstrecken nicht möglich sind.

Zusammenhalt und Technik sind hilfreich

Vier Beine im Gras, ein Beinpaar ist barfuß, das andere ist beschuht und ein Bein mit Prothese.

Blicke ich zurück auf die acht Jahre, bin ich immer wieder erstaunt, wie es uns gelang, mit so einem drastischen Einschnitt umzugehen. Ich erinnere mich daran, wie ich anfangs überlegte, ob ich am besten schon mal alle rechten Schuhe wegwerfe, weil er die ja nun nicht mehr benötigt. Damals hatten wir keine Ahnung von der ausgefeilten Technik einer Fußprothese. Woher sollten wir auch wissen, dass man mit dem Proprio Foot von Össur, jeden Schuh, von Sandale bis Winterschuh, tragen kann?

Ich bin froh darüber, wie wir das alles meistern, natürlich mit Hochs und Tiefs und manchmal auch Tränen. Für unsere Kinder und Enkel ist es selbstverständlich, wie wir beide es schaffen. Doch wissen wir auch, dass wir immer auf sie zählen können, wenn wir Hilfe benötigen.

Lesetipp: In dem Artikel „Barrierearmes Reisen mit Wohnmobil und Prothese“ erfahren Sie, wie Mobilität, Pragmatismus und Lebensfreude das Reisen weiterhin möglich machen.

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